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Europa

War Amoklauf von Lüttich vermeidbar?

Die Behörden in Belgien müssen sich nach dem Blutbad von Lüttich kritischen Fragen stellen: Wie konnte sich der wegen illegalen Waffenbesitzes vorbestrafte Täter erneut bewaffnen? Sind die Waffengesetze zu lasch?

Kerzen und Blumen (Foto:dapd)

Trauer in Lüttich

Der Amokläufer von Lüttich hat offenbar noch mindestens ein weiteres Opfer auf dem Gewissen. Die Polizei fand am Mittwoch (14.12.2011) die Leiche einer Frau in einem Schuppen in der Nähe der Wohnung des Täters. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte sie in der Nachbarschaft als Putzfrau gearbeitet. Die Behörden glauben, dass der 33-jährige Nordine Amrani die Frau getötet hat, bevor er auf dem zentralen Platz von Lüttich ein Blutbad anrichtete. Dabei kamen nach jüngsten Angaben mindestens drei Menschen ums Leben, weitere schweben allerdings in Lebensgefahr. Mindestens 120 Personen wurden verletzt.

Motivsuche bisher erfolglos

Zwei schwer bewaffnete Polizisten stehen in einer leeren Fußgängerzone (Xinhua/Wang Xiaojun) XINHUA /LANDOV

Langsam kehrt die Normalität zurück: Polizisten in der Lütticher Innenstadt

Der Täter hatte am Dienstagmittag in der Nähe des beliebten Lütticher Weihnachtsmarktes wild in die Menschenmenge geschossen und Handgranaten gezündet, bevor er sich – so die Staatsanwaltschaft – selbst durch einen Kopfschuss tötete. In seinem Rucksack fanden sich noch weitere Handgranaten. Nach Behördenangaben hat er kein Abschiedsschreiben hinterlassen, das Aufschluss auf seine Motive hätte geben können. Einen terroristischen Hintergrund schließen die Behörden aber aus. Auch Gerüchte, es gebe einen Komplizen, bestätigten sich nicht. Und die Tatsache, dass Amrani marokkanische Wurzeln hatte, wird in belgischen Medien zwar erwähnt, spielt aber bei der Motivsuche bisher zumindest keine offizielle Rolle.

Tausende Waffenteile als Ersatzteillager

Fest steht nur, dass Amrani am Tag der Tat von der Polizei vorgeladen worden war, aber nicht erschien. Er war 2008 wegen illegalen Waffen- und Drogenbesitzes zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, aber im Herbst 2010 vorzeitig auf Bewährung entlassen worden. Damals hatte die Polizei bei Amrani rund ein Dutzend schussbereite Handfeuerwaffen, Tausende von Waffenteilen sowie fast 3000 Cannabispflanzen gefunden. Den Schuppen, in dem Polizei jetzt die Frauenleiche fand, hatte Amrani nach Angaben der Staatsanwaltschaft zum Anbau von Cannabis genutzt.

Belgischen Medien zufolge waren das aber nicht die einzigen Straftaten. Amrani soll mehr als zwanzigmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein, unter anderem wegen Sexualdelikten. Die Polizeivorladung stand ebenfalls im Zusammenhang mit einer Klage wegen sexuellen Missbrauchs. Die belgische Innenministerin Joelle Milquet mutmaßte in einem Rundfunkinterview, Amrani habe befürchtet, nach der Vorladung erneut in Haft zu kommen.

Aus belgischen Kasernen verschwinden Waffen

Allgegenwärtig ist nun der Vorwurf an die Justizbehörden: Wie konnte es passieren, dass ein wegen Waffenbesitzes vorbestrafter Mann sich dann doch unerkannt so umfangreich bewaffnen konnte? Erwartungsgemäß ist auch die Forderung nach einer Verschärfung der Waffengesetze. Zwar ist der legale Besitz von Feuerwaffen in Belgien in den vergangenen Jahren verschärft worden, doch der Schwarzmarkt blüht. Die Waffen stammen vor allem vom Balkan und aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Und immer wieder verschwinden auch aus Kasernen der belgischen Streitkräfte Waffen, ohne dass die Fälle aufgeklärt würden. Die Antworten darauf dürften nicht so schnell beantwortet werden.

Autor: Christoph Hasselbach, Brüssel
Redaktion: Sabine Faber