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Wissen & Umwelt

Wappnen gegen Klimakatastrophen

Die Überflutungen in Deutschland rücken den Klimawandel wieder in den Mittelpunkt - und die dringend nötige Anpassung an die Folgen. Jüngste Verhandlungen in Bonn waren dennoch von politischen Blockaden gezeichnet.

Ein Haus steht bis zur Hälfte im Flutwasser. (Foto: REUTERS/Thomas Peter=

In Sachsen-Anhalt stehen die Häuser bis zur Hälfte im Wasser

"Die Vermeidung des Klimawandels stand lange im Fokus. Jetzt rückt die Anpassung ins Rampenlicht", sagte Cynthia Rosenzweig, Leiterin der US-amerikanischen NASA Klimafolgenforschungsabteilung im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Anpassung an den Klimawandel ist etwas, was vor Ort passieren muss. Dort sind Veränderungen schon im Gange", betonte Rosenzweig, die in Potsdam an einer internationalen Konferenz zur Klimafolgenforschung teilnahm.

"Die Auswirkungen des Klimawandels betreffen fast jeden Aspekt des täglichen Lebens", ergänzt Rachel Cleetus, Expertin für Klima und Wirtschaft bei der amerikanischen Organisation "Union of Concerned Scientists". "Er betrifft Ökosysteme auf Land und im Meer, die Landwirtschaft und unsere Nahrungsmittelsicherheit. Es geht auch um Gesundheit, mögliche Konflikte und Migration. Viele Küsten sind vom Meeresspiegelanstieg bedroht", sagt Cleetus.

Eine Frau trägt Wasserkanister durch die Wüstenlandschaft. (Foto: ABDELHAK SENNA/AFP/GettyImages)

Manche Regionen leiden verstärkt unter Dürren

Vorbereiten auf die Klimafolgen - ein schwieriges Unterfangen

Entscheidungsträger seien mit wesentlichen Unsicherheiten konfrontiert, wenn es um die Abschätzung des Ausmaßes von Klimafolgen gehe, sagt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). "Einige Auswirkungen des Klimawandels werden vielleicht mit nur geringer Wahrscheinlichkeit eintreten, dafür aber inakzeptable Schäden verursachen, sodass sie besser im Voraus vermieden werden sollten".

Die Klimafolgenwissenschaft versucht, die Politik beim Risikomanagement zu unterstützen. Dies erfordert das Messen tatsächlicher Veränderungen und das Entwickeln von Computermodellen, die die möglichen Auswirkungen bestimmter Veränderungen errechnen sollen. Gerade die vielen möglichen Auswirkungen machen eine systematische Erforschung extrem schwierig. Zudem gibt es unzählige Wechselwirkungen und Rückkopplungen, die schwer zu berechnen sind, erklärt Wolfgang Lucht, Abteilungsleiter für Erdsystemanalyse am PIK. So könnte sich beispielsweise die Versauerung der Ozeane durch die vermehrte Aufnahme von CO2 auf die Nahrungskette auswirken.

Ein Porträt der Nasa-Klimaexpertin Cynthia Rosenzweig. (Foto: Irene Quaile)

NASA-Klimaexpertin Cynthia Rosenzweig

Der Klimawandel bedroht die Nahrungsmittelsicherheit

Gerade am Beispiel der Landwirtschaft wird deutlich, wie viele unterschiedliche Faktoren involviert sind. Cynthia Rosenzweig leitet AgMIP, ein internationales Projekt, das bessere Klimafolgenprognosen für die Landwirtschaft zum Ziel hat: Computersimulationen zum Klima, zu Erträgen und zur Wirtschaftslage werden dabei miteinander verbunden. Es arbeiten Experten aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, um die Nahrungsmittelsicherheit für eine wachsende Weltbevölkerung zu sichern.

Das AgMIP Projekt verbindet globale Modelle mit Messungen und Projekten vor Ort. So untersuchen Wissenschaftler im südlichen Afrika unterschiedliche landwirtschaftliche Flächen und Nutzungen. Sie versuchen festzustellen, wie sich die Ernte verändert, wenn man zur Anpassung an höhere Temperaturen oder Wasserknappheit die Pflanze wechselt, eine andere Bewässerungstechnik einsetzt oder die Pflanzzeit verändert.

Katastrophen als Kipppunkt fürs Klimabewusstsein

Der Anstieg an Extremwetterereignissen in den letzten beiden Jahren hat die dringende Anpassung in den Vordergrund gerückt, sagt Klimaökonomin Cleetus. "Vor allem in den USA, wo ich lebe, merkt man, dass der Klimawandel heute schon stattfindet und uns direkt betrifft. Er hat bei vielen Katastrophen mitgewirkt, wie Dürren, Hitzewellen oder dem großen Hurrikan Sandy."

Zerstörung nach dem Wirbelsturm Sandy an der US-Ostküste. (Foto: DW) DW/Miodrag Soric November 2012

Nach dem Wirbelsturm Sandy herrschte an der amerikanischen Ostküste Zerstörung

NASA-Wissenschaftlerin Cynthia Rosenzweig ist eine der Vorsitzenden des Klimakomitees für New York City. Sie sieht Hurrikan Sandy als eine Art "Kipppunkt" im amerikanischen Bewusstsein für den Klimawandel. So habe das Interesse an ihrer Arbeit stark zugenommen, seitdem große Teile der Megacity als Folge des Hurrikans überflutet wurden.

"Wir brauchen mehr als nur Reaktionen auf Katastrophen", betont Rachel Cleetus. "Wir brauchen eine integrierte Vision für die Zukunft. Wir müssen wissen, wie wir uns für veränderte Klimaverhältnisse rüsten können".

Die Grenzen der Anpassung

Während die Anpassung vor Ort unvermeidlich ist, um Schäden vorzubeugen, betont Wolfgang Lucht vom PIK die Notwendigkeit, weiterhin an der Vermeidung des Klimawandels zu arbeiten. Denn irgendwann stöße die Anpassung an ihre Grenzen, sagt Lucht, der auch an der Humboldt-Universität Berlin einen Lehrstuhl für Nachhaltigkeitswissenschaft hat. "Es gibt schon heute Hinweise darauf, dass Gesellschaften von Veränderungen in der Umwelt stark betroffen wurden - häufig, weil die Ressourcen von denen sie abhängig waren, betroffen waren."

Die Wende hin zu Erneuerbaren Energien sieht der Nachhaltigkeitsexperte als Versuch, einen "kontrollierten Übergang aktiv einzuleiten, bevor wir diesen Übergang durch Zwang erleiden". Durch eine systematische Berechungen der Kosten, die die Auswirkungen des Klimawandels hervorrufen könnten, erhofft sich Lucht Fortschritte in den internationalen Bemühungen, um die globale Erwärmung zu stoppen.

Infografik zu dem Zwei-Grad-Ziel. (Grafik: Per Sander/ Olof Pock)

Der Treibhausgasausstoß müsste drastisch reduziert werden, um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten

Die tatsächlichen Folgen des Klimawandels hängen aber von den Ausmaßen der Temperaturerhöhung ab. Im kürzlich vorgestellten Klimabericht der Internationalen Energieagentur (IEA) heißt es, der Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen aus dem Energiesektor habe im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent zugenommen und damit einen Rekordwert erreicht. Mit diesem derzeitigen Kurs sei das Zwei-Grad-Ziel nicht zu schaffen - der Temperaturanstieg werde wohl eher zwischen 3,6 und 5,3 Grad liegen. Das könnte verheerende Auswirkungen haben.

Wolfgang Lucht warnt vor Entmutigung angesichts des mangelnden Fortschritts bei den internationalen Verhandlungen. "Je schlechter es aussieht, desto stärker müssen wir Innovationen in Gang setzen und noch mal erneut diskutieren, wie das Ziel zu erreichen ist", mahnt Lucht. Die Energiewende in Deutschland zeige, dass es einen alternativen Weg gebe. Jedes Jahr das abgewartet werde, mache das Problem ernster. "CO2 hat eine lange Verweildauer in der Atmosphäre und das CO2 was einmal darin ist wird uns in der Zukunft mit den Folgen belasten. Die Kinder werden es uns nachher vielleicht mit Verwunderung vorwerfen, dass wir das so entspannt gesehen haben."

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