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Wirtschaft

Wappnen für den "Brexit-Crash"

Egal wie die Entscheidung ausfällt: Nach dem Brexit-Referendum könnte es an den Finanzmärkten stürmisch zugehen. Die Notenbanken wollen mit aller Kraft versuchen, einen "schwarzen Freitag" zu verhindern.

Die Volksabstimmung der Briten über einen möglichen Austritt aus der Europäischen Union hält die Welt in Atem - auch die internationale Wirtschaft zittert dem Ergebnis entgegen. Die schnellste Reaktion dürfte am Freitagmorgen von den Finanzmärkten kommen. Und die könnte deftig ausfallen: Etliche Experten sehen große Kursschwankungen voraus, einige warnen sogar vor einem Crash. Starinvestor George Soros fürchtet einen "schwarzen Freitag".

Die mächtigsten Notenbanker der Welt haben sich allerdings bereits zusammengetan, um im Fall der Fälle das Schlimmste zu verhindern.

Das Votum sei das "größte sofortige Risiko für die Finanzmärkte in Großbritannien und möglicherweise auch weltweit", heißt es von der Bank of England (BoE). Genauso sieht es der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB): Ein Brexit hätte unabsehbare Folgen. Die EZB habe sich deshalb schon auf "alle möglichen Eventualitäten" vorbereitet, versicherte Präsident Mario Draghi kürzlich vor EU-Parlamentariern. Dem Vernehmen nach entwerfen die Finanzminister der G7-Staaten schon eine Erklärung für den Brexit-Fall, um Marktturbulenzen vorzubeugen.

Risikofaktor Pfund

Die meisten Experten sind sich einig: Sollte es zum Brexit kommen, rauscht das britische Pfund in den Keller, weil Investoren ihr Geld panikartig aus Großbritannien abziehen könnten. "Die Kapitalabflüsse dürften enorm sein", sagt Samuel Tombs vom Forschungsinstitut Pantheon Macroeconomics.

Ein Absturz des Wechselkurses bis auf 1,10 Euro wäre zu erwarten, an den Börsen ginge es bergab, und Kurse von Staatsanleihen gerieten ins Schlingern. Aber auch ein Votum für den Verbleib in der EU könnte zu Verwerfungen führen, indem es das Pfund schlagartig nach oben treibt.

Das schlimmste Szenario: Der Zugang für die Briten zu fremden Währungen trocknet völlig aus, weil ausländische Banken nicht mehr bereit sind, gegen das taumelnde Pfund Devisen anzubieten. Das würde vor allem Unternehmen schaden, die stark vom Außenhandel abhängen - was wiederum die gesamte Wirtschaft empfindlich treffen dürfte.

Vorbild Finanzkrise

An der Stelle kommen die Notenbanken ins Spiel. Einige der weltweit wichtigsten - darunter die EZB und die BoE - haben untereinander sogenannte Swap-Linien vereinbart. Das bedeutet: Bei Bedarf können die Währungshüter im Handumdrehen Milliardenbeträge in ihren jeweiligen Währungen gegeneinander tauschen und dadurch den womöglich ausgetrockneten Markt zwischen den Banken ersetzen. Die Versorgung der Bewohner des eigenen Währungsraums mit Devisen kann so gesichert werden. Ähnlich waren die Notenbanker in der Finanzkrise vorgegangen.

Eine mögliche Rettungsaktion zur Beruhigung der Märkte nach dem Referendum wäre nicht nur für die Briten wichtig. So wie ihre Wirtschaft von derjenigen anderer Länder abhängt, gilt das umgekehrt. Und würde das Pfund etwa deutlich geschwächt, stiege im Gegenzug der Euro. Das wiederum würde die Exportindustrie der Eurozone schwächen.

Um zu verhindern, dass das Pfund zu stark ins Taumeln gerät, sind auch radikalere Schritte denkbar. So könnten die Währungshüter direkt am Markt eingreifen. Die EZB könnte Pfund gegen selbst gedruckte Euro aufkaufen und so den Wechselkurs stützen. "Es ist denkbar, dass die EZB sich mit der BoE und anderen Notenbanken zusammentut, um die Wechselkursbewegungen zu begrenzen oder zu beruhigen", sagt Jonathan Loynes, Experte am Londoner Forschungsinstitut Capital Economics.

Zudem könnten die Währungshüter zur Vermeidung langfristiger Effekte bestehende geldpolitische Instrumente aufstocken. Die EZB hätte die Möglichkeit, die schon jetzt extrem niedrigen Leitzinsen weiter zu senken oder ihr milliardenschweres Anleihen-Kaufprogramm auszuweiten.

Auch die Briten könnten aktiv werden. Im Brexit-Fall dürfte die BoE den Leitzins "recht schnell Richtung Null absenken, um die Wirtschaft zu stützen", schätzt Daniel Vernazza, UK-Chefökonom bei der Bank UniCredit. Derzeit liegt der britische Leitzins noch bei 0,5 Prozent.

Angst vorm Domino-Effekt

Doch ein Problem ließe sich durch all diese Maßnahmen nicht aus der Welt schaffen: Ein Brexit könnte an den Finanzmärkten grundsätzliche Zweifel am europäischen Zusammenhalt verstärken und Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal die Staatsfinanzierung erschweren.

Wie schon zu Hochzeiten der Euro-Schuldenkrise könnten die Zinsen, die kriselnde Länder für Anleihen zahlen müssen, nach oben schnellen. Die EZB könnte daher im Extremfall sogar ihr sogenanntes OMT-Programm zum Einsatz bringen, also gezielt Staatsanleihen von Krisenländern aufkaufen, meint Jack Allen von Capital Economics. Erst am Dienstag hatte das Bundesverfassungsgericht dies unter bestimmten Bedingungen gebilligt. Es wäre das erste Mal, dass das 2012 eingeführte Instrument tatsächlich zum Einsatz käme.