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Politik

Wann feiern?

In Russland mangelt es nicht an Feiertagen, höchstens an einem verbindenden Nationalfeiertag. Stephan Hille berichtet.

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Ärgerlich, wenn wieder einmal ein Feiertag auf einen Sonntag fällt. Die Russen lösen dieses Problem auf eine ganz einfache Art: Fällt ein Feiertag auf einen Sonntag, dann bleibt der darauffolgende Montag arbeitsfrei. So wie gerade am vergangenen Sonntag (7.11.04) geschehen.

Jahrzehntelang war der 7. November einer der heiligsten Feiertage im damals noch sowjetischen "Arbeiter- und Bauernparadies". Früher hieß der 7. November "Tag der Oktoberrevolution", wegen der Einführung des gregorianischen Kalendars rutschte der Jahrestag der Machtergreifung vom 25. Oktober auf den 7. November.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war der "Tag der Oktoberrevolution" eigentlich überflüssig geworden, doch als Boris Jelzin den Feiertag streichen wollte, schlug ihm eine Welle der Empörung entgegen. Man einigte sich auf einen seltsamen Kompromiss: Der Feiertag blieb, allerdings fortan als "Tag der Eintracht und Versöhnung". Während für Kommunisten, Rentner und Nostalgiker der 7. November noch immer einer der wichtigsten Feiertage im Jahr ist, weiß ein großer Teil der Bevölkerung schon nicht mehr so richtig, warum an diesem Tag die Arbeit ruht.

In Russland ist Geschichte wie eine hölzerne Matroschka-Puppe, die man aufschrauben kann und in der immer kleiner werdende Püppchen stecken. Das Vergangene wird nicht angerührt, man stülpt über das Alte einfach eine neue Hülle.

Aus dem 23. Februar, dem Gründungstag der Roten Armee, machte Feiertagsfreund Jelzin einfach den "Tag der Vaterlandsverteidiger".

Heute wird der Tag von allen männlichen Russen als eine Art Vatertag verstanden und mit viel Alkohol im Blut entsprechend gefeiert. Mit dem Ergebnis, dass jedes Jahr am 23. Februar unglaublich viel Polizei aufgeboten werden muss, um das Land vor all den höllisch betrunkenen "Vaterlandsverteidigern" zu schützen.

Mit dem neuen Russland, das wie ein Ei aus der alten Sowjetunion rutschte, kamen noch zwei weitere "historische" Nationalfeiertage hinzu. Der 12. Juni, an dem die Russen der Souveränitätserklärung gegenüber der Sowjetunion gedenken und dem Verfassungstag am 12. Dezember, der seit 1993 begangen wird, als die neue von Jelzin ausgearbeitete Verfassung angenommen wurde. Beiden Tagen steht die Bevölkerungsmehrheit gleichgültig gegenüber. Entscheidend ist lediglich, dass an diesen Tagen die Arbeit ruht und gefeiert wird.

Eine Gruppe von Duma-Abgeordneten hat nun einen Gesetzentwurf eingebracht, nach dem künftig diese "geschichtslosen" Feiertage zugunsten eines neuen Nationalfeiertags gestrichen werden sollen. Seltsam nur, dass der neue Feiertag auf den 4. November fallen soll. Möglicherweise dachten die Parlamentarier dabei an den Sieg und das Ende der polnischen Besatzung 1612. Genauso gut könnten die Russen noch weiter in die Geschichte greifen und den Sieg über die Tataren der "Goldenen Horde" am 21. September 1380 feiern. Weitere Siege auf den Schlachtfeldern der vergangenen Jahrhunderte böten sich an: Der Sieg über den Deutschen Orden 1242, oder vielleicht doch lieber über die Schweden 1709? Schwierig, einen passenden Gedenktag zu finden.

Der wirklich wichtigste Feiertag der Russen bleibt noch immer der 9. Mai, an dem Russland dem Sieg über Nazi-Deutschland feiert. Im Grunde müssten die Russen den 31.12. oder den 1.1. zu ihrem nationalen Feiertag machen, schließlich ging am 31.12.1991 die Sowjetunion unter und aus ihr Russland am 1.1.1992 hervor. Aber wer will schon zum Jahreswechsel einen nationalen Feiertag?

  • Datum 09.11.2004
  • Autorin/Autor Stephan Hille
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  • Permalink http://p.dw.com/p/5pmq
  • Datum 09.11.2004
  • Autorin/Autor Stephan Hille
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