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Ein Interview und seine Geschichte

Walter Kohl: Ein Sohn tritt nach

"Für mich hat Frau Merkel einen nicht unerheblichen Anteil am Tod meiner Mutter." Ein Satz mit gewaltiger Wucht. Er stammt von Walter Kohl, dem Sohn des Altkanzlers. Die Fortsetzung einer brutalen Politik-Geschichte.

Walter Kohl (picture-alliance/dpa/I. Kjer)

Walter Kohl

Es scheint so, als würde hier der Sohn Rache nehmen. Rache für seinen Vater, dem die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel - nach dem sozialdemokratischen Intermezzo mit Gerhard Schröder - im Amt gefolgt ist. Und für den tragischen Freitod seiner Mutter.

Das politische und persönliche Drama von Altkanzler Helmut Kohl ist kompliziert und hält bis heute an. Was ist passiert? Walter Kohl, der 53-jährige Sohn von Altkanzler Helmut Kohl, hat dem ZEIT-Magazin ein langes Interview gegeben, in dem er bekannte Vorwürfe (etwa gegen die CDU und die neue Familie seines Vaters) wiederholt und neue, harte Vorwürfe formuliert. Es gilt, immer und hier ganz besonders, genau zu zitieren. Kohl junior bezeichnet das Verhalten von Merkel so:

Hannelore Kohl (AP)

Hannelore Kohl, eine Aufnahme aus dem Jahr 1998

"Schäbig. Für mich hat Frau Merkel einen nicht unerheblichen Anteil am Tod meiner Mutter. Ich muss das so drastisch formulieren."

Damit trifft Walter Kohl die heutige CDU-Vorsitzende persönlich, vielleicht aber auch politisch. Das politische Drama der Ära hat eine lange Vorgeschichte.

Erster Akt: Exposition

Dienstag, 18. Januar 2000: Helmut Kohl gibt, nach einer verlorenen Wahl und auf dem Höhepunkt der Spendenaffäre um verdeckte Zahlungen an die Union, den Ehrenvorsitz "seiner" CDU ab. Wenige Tage zuvor hatte sich die damalige CDU-Generalsekretärin Angela Merkel ausgerechnet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Gastbeitrag öffentlich von Kohl distanziert. Das Politische war auch persönlich. Gut ein Jahr später stirbt Hannelore Kohl. Der Sohn Walter sagt dazu:

"Frau Merkel hat damals in dem Brandbrief nicht, und auch später zu keinem Zeitpunkt, öffentlich gesagt: Lasst die Familie aus dem Spiel. Dabei wusste sie genau, dass meine Mutter schwer krank war."

Audioslideshow Helmut Kohl (imago/Sven Simon)

Die Familie Kohl 1973: Walter, Helmut, Peter und Hannelore (von links) in Oggersheim

Wer das verstehen will, muss auch wissen, wie sehr die Söhne Walter und Peter unter der - aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar wuchtigen - politischen Karriere des Mannes gelitten haben, den seine Kritiker spöttisch "Birne" nannten. Den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Helmut Kohl, hat das nicht gejuckt. Man musste ihn nur einmal in seiner ganzen, 1,93 Meter umfassenden Präsenz in Bonn erleben. Damals junge Reporter (wie der Autor dieses Textes hier) hatten aufzupassen, von ihm nicht umgerannt zu werden. Dieser Mann ging seinen Weg. Heute weiß man: Auch auf Kosten der eigenen Familie.   

Zweiter Akt: Steigende Handlung

Nach außen hin hatten seine Frau Hannelore und die beiden Jungs lange Zeit das Idealbild einer intakten Familie abgegeben. Nach innen aber war dieses Gebilde zerbrechlich. Gerade Walter Kohl hat darüber in seinen Büchern, die sich blendend verkauften, oder in Talk-Show-Auftritten bei Johannes B. Kerner oder Markus Lanz vor einem Millionenpublikum viele Jahre später Auskunft gegeben. Auch in dem neuen ZEIT-Interview spricht er über sein Leben als Politikersohn:

"Mit den Parteien ist es doch so: Du musst in jungen Jahren rein, die Partei macht dich, die Partei tötet dich, der Einzelne ist völlig abhängig von ihr. Dadurch ist eine Parallelgesellschaft entstanden."

Walter Kohl hatte zu dem Zeitpunkt schon Erfahrungen gemacht, die man als traumatisch bezeichnen kann:

"Ich selbst bin als Elf- oder Zwölfjähriger immer wieder von älteren Mitschülern zusammengeschlagen worden, weil eben das Motto hieß: Hau dem Kohl aufs Maul! Anders als mein Vater war ich erreichbar. Wenn sich politische Diskussionen hochschaukelten, wusste ich schon: Gleich geht's wieder ab. Mehrfach haben mich ältere Schüler an der Toilette abgepasst, dann stand einer mit dem Rücken zur Tür, die anderen haben mich verprügelt und meinen Kopf ins Urinal gedrückt."

So etwas vergisst man nicht.

Dritter Akt: Höhepunkt mit Peripetie (der plötzliche Umschwung)

Die Parallelgesellschaft. Hannelore Kohl hat in ihr schließlich keinen Platz mehr gefunden. Am 5. Juli 2001 nahm sie sich, 68 Jahre alt, zu Hause in Ludwigshafen-Oggersheim das Leben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie, schwer an einer Lichtallergie erkrankt, das Haus nur nach Sonnenuntergang verlassen können. Nach allem, was man weiß, muss die Frau des Altkanzlers unerträgliche Schmerzen gehabt haben. Ihr Mann war in Berlin an dem Tag, als sie die Überdosis Tabletten nahm. Mit seinem Einverständnis wurden etwas später Passagen aus dem Abschiedsbrief veröffentlicht: "Du musst weitermachen", hieß es darin an die Adresse ihres Mannes - und: "Ich liebe Dich und bewundere Deine Kraft."

Deutschland | CDU-Parteitag in Dresden 1991 (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Angela Merkel und Helmut Kohl auf dem CDU-Parteitag 1991 in Dresden ...

Deutschland Merkel mit Kohl Feier CDU 20 Jahre Vereinigungsparteitag (imago/S. Simon)

...und Helmut Kohl und Angela Merkel auf der Festveranstaltung 20 Jahre Vereinigungsparteitag 2010 in Berlin.

Die Bewunderung ist bis heute auch in der CDU verbreitet, wenn es um den inzwischen greisen und an den Rollstuhl gefesselten Helmut Kohl geht. Vergessen wird dabei gerne, dass Kohls schwarz-gelbe Koalition 1998 eine krachende Wahlniederlage erlitten hatte. Gut ein Jahr später nutzte Angela Merkel die Chance, sich den Weg an die Macht zu ebnen.

Auf die Frage, was seiner Mutter in der Zeit geschehen sei, antwortet Walter Kohl:

"Meine Mutter wurde auf übelste Art geschmäht, sogar als 'Spendenhure' beschimpft, ihr wurde alles Mögliche angedichtet. Sie verlor dadurch ihr Gesicht, sie wurde zur Unperson. Für sie war das alles umso schmerzhafter, weil sie sich von Angela Merkel verraten fühlte. Die beiden waren einmal sehr gut befreundet gewesen."

Vierter Akt: Retardation (fallende Handlung)

Kohl hat sein Amt verloren, seine Würde in der Partei. Hannelore Kohl hat sich das Leben genommen, die Familie geht darüber endgültig kaputt. Noch einmal der Sohn:

"Es war der totale Zusammenbruch. Erst die Spendenaffäre, dann der Tod meiner Mutter, dann zerbrach meine erste Ehe. Es war, als träfen drei Flüsse aufeinander, und alle führten Hochwasser: der völlige Untergang."

Audioslideshow Helmut Kohl Begräbnis Hannelore Kohl (imago/photo2000)

Hinter dem Sarg der Ehefrau und Mutter: Helmut Kohl mit seinen beiden Söhnen

Jahre nach diesem Untergang, am 8. Mai 2008, heiratete Helmut Kohl die Volkswirtin Maike Richter, die als Beamtin im Kanzleramt gearbeitet hatte. Er hatte sich zuvor mehreren schweren Operationen unterziehen müssen und bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Die beiden Söhne aus erster Ehe, Walter und Peter, waren zur Hochzeit mit der jungen Frau nicht eingeladen. Das Band - zerstört. Walter Kohl:

"Wenn ich heute seine Oggersheimer Telefonnummer wähle, lande ich in seinem Berliner Büro bei einem Mitarbeiter, der mir erklärt, dass mein Vater nicht zu sprechen sei. Aber es ist, wie es ist." 

Fünfter Akt: Ende des Konflikts - die Katastrophe?

Dieses neue ZEIT-Interview mit dem Kohl-Sohn erscheint in einer Phase, in der viele in der Union nervös sind. Die Flüchtlingskrise und die Art, wie Bundeskanzlerin Merkel sie zu bewältigen suchte, haben viel Widerstand erzeugt. Und hier wird Walter Kohl in seinen Aussagen wieder politisch:

"Ich halte die heutige CDU für eine Partei ohne klare Konturen. Sie steht überall und nirgends. Gleichzeitig operiert man mit Vokabeln wie 'Markenkern', da läuft es mir kalt den Rücken runter. Entschuldigung, aber wir reden nicht über Seife oder Cola, wir reden über Menschen und Organisationen, die das Schicksal unseres Landes bestimmen."

Auch mit diesen Sätzen trifft Walter Kohl die Frau, die Verantwortung in Deutschland und in der Union trägt: Angela Merkel. Der Politiker-Sohn, der heute als Unternehmer, Redner und Coach arbeitet und in dem Interview Abneigung über die CDU und die AfD gleichermaßen formuliert, fügt noch hinzu: "Eine Partei wie die AfD wäre nicht entstanden, wenn die sogenannte etablierte Politik anders gehandelt hätte."

Wir sind im fünften Akt. Das Ende des Konflikts. Steht die eigentliche Katastrophe, nämlich die politische, noch bevor? Jenes letzte Zitat von Walter Kohl mit der Seife oder Cola werden viele, viele in der CDU/CSU unterstreichen. Einer von ihnen könnte der Mann sein, den man bis heute den Kanzler der Einheit nennt.

Der Vater. 

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