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Kultur

Wallfahrt nach Kevelaer

Ein Jahrhunderte alter Kult hat den kleinen Ort Kevelaer zum größten katholischen Wallfahrtsort in Nordwesteuropa gemacht. Pilger und Wallfahrtsgruppen kommen hierher, um neue Kraft zu schöpfen.

Der Ausnahmezustand ist für den Wallfahrtsort Kevelaer der Normalzustand – jedenfalls von Anfang Mai bis Anfang November. In diesen Monaten ist Pilgersaison. Jahr für Jahr fluten dann zwischen 800.000 und eine Million Menschen in das Städtchen am Niederrhein, nahe der niederländischen Grenze. "Kevelaer ist ein großartiger spiritueller Ort, der viele, viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, auch unterschiedlicher religiöser Prägung anzieht", sagt Pfarrer Rolf Lohmann. Der Chef der Wallfahrtsleitung und zugleich Pfarrer der örtlichen Kirchengemeinde staunt selbst darüber, dass "Wallfahrten in sind". Vor allem freut ihn, "dass besonders Fuß- und Radgruppen immer mehr junge Leute mitbringen." Neben deutschen Besuchern kommen vor allem Pilger aus den Benelux-Staaten. Aber auch Polen oder Katholiken aus Italien oder Spanien machen sich auf den Weg zum zweitgrößten Wallfahrtsort hierzulande.

Viele Wege – ein Ziel  

Der Bilderstock in der Gnadenkapelle Foto: Joanna Impey

Der Bilderstock in der Gnadenkapelle

Zielpunkt des religiösen Besuches ist ein kleines Marienbild, kaum so groß, wie eine Postkarte – laut Lohmann eines der kleinsten Gnadenbilder überhaupt, "aber eben mit einer großen Ausstrahlung. Es zeigt die Mutter Gottes, im Hintergrund die Stadt Luxemburg, weil es ja die Wallfahrtsmadonna von Luxemburg abbildet." Und dieser kleine Kupferstich bewegt Menschen seit mehr als 370 Jahren.

Der Händler Hendrik Busmann hat dieses Bild erworben und 1642 - also während des Dreißigjährigen Krieges – den Auftrag bekommen, dafür auf der Heide von Kevelaer einen Bildstock aufzustellen. Die Beauftragung des Mannes erfolgte der Überlieferung nach durch eine geheimnisvolle Stimme. Seine Frau hatte einen Traum, der ihr verdeutlichte, wie dieser Bilderstock auszusehen habe. Vor dem Hintergrund der schrecklichen Kriegsereignisse erhielt das Bild den Titel "Trösterin der Betrübten". "Und dann begann sehr schnell eine große Wallfahrtsbewegung – sehr schnell", unterstreicht Pfarrer Lohmann.

Vom Bilderstock zu sakraler Vielfalt

Blick in die Marienbasilika Foto: Joanna Impey

Blick in die Marienbasilika

Bereits 1654 wurde zum Schutz des Bildstockes die Gnadenkapelle errichtet. Der eher kleine sechseckige Kuppelbau entstand in der Nachbarschaft der nur wenig älteren Kerzenkapelle. Erst gut 200 Jahre später erfolgte die Grundsteinlegung der mächtigen Marienbasilika. Die prachtvolle Ausgestaltung der dreischiffigen Kirche fasziniert Besucher bis heute. Dieses Ensemble ist im Zusammenspiel mit anderen Sakralbauten und den sie umgebenden Plätzen und Freiflächen zugleich Besinnungsort, Insel innerer Einkehr, "Kurort" für die Seele.

"Die Pilger erwarten festliche Gottesdienste in den verschiedenen Kirchen, die wir hier am Kapellenplatz haben, Gottesdienste, die sie ansprechen. Gottesdienste, wo sie ihre ganze Freude, ihren Dank, aber auch ihre Sorgen und ihre Bitten lassen können", unterstreicht Wallfahrtsleiter Lohmann. Der 50-Jährige ist der wohl agilste Mensch in diesem katholischen Zentrum. Er begrüßt Pilgergruppen, plant die Gottesdienste und das seelsorgliche Angebot, sucht den Kontakt mit den Menschen, fragt nach dem Verlauf der Wallfahrt und neuen Ideen.

Wallfahrer, wohin das Auge reicht - der überquellende Kapellenplatz Foto: Wallfahrtsleitung Kevelaer

Wallfahrer wohin das Auge blickt - der überquellende Kapellenplatz

Die Taktung der Gottesdienste erinnert an einen Marathon: "8.00 Uhr, 9.00 Uhr, 10.00 Uhr, 11.30 Uhr. Abends noch mal um 18.30 Uhr, dazwischen der Kreuzweg, 15.00 Uhr Pilgerandacht, Rosenkranzgebet um 17.00 Uhr, um 18.00 Uhr wieder das Marienlob in der Kerzenkapelle. Also wirklich ein großes spirituelles Angebot den ganzen Tag über." Nicht zu vergessen, die Gottesdienste von Pilgergruppen, die ihren Priester mitbringen. "Sie müssen sich vorstellen das allein etwa 1500 angemeldete Gruppen pro Jahr kommen. Da haben wir aber noch nicht die Einzelpilger dabei, die etwa 40 Prozent der Pilgerströme ausmachen."

Wundersame Heilungen

Besondere Erwartungen an eine Wallfahrt nach Kevelaer knüpft so mancher Kranke. Immer wieder erfahren die Seelsorger von spektakulären Heilungen nach dem Besuch des Gnadenbildes. Solche Berichte werden von der Leitung dokumentiert und der Diözesanleitung in Münster übermittelt. Doch viel wichtiger sind für Pfarrer Rolf Lohmann und sein Team die vielen dankbaren Einträge in die eigens ausgelegten Bücher. "Wenn Menschen schreiben, dass sie Kraft gefunden haben, eine bestimmte Situation durchzustehen, dass sie danken, weil ihre Ehe gerettet wurde oder weil jemand von seiner Drogensucht losgekommen ist - ehrlich gesagt, das sind für mich vor allem die Wunder, die hier jeden Tag passieren."

Gestiegene polnische Pilgerzahl

Blutreliquie von Johannes Paul II. Foto: Barbara Cöllen.

Blutreliquie von Johannes Paul II.

Dass die Anzahl von Wallfahrern aus Polen gestiegen ist, hat einen besonderen Grund: Zu Allerheiligen 2012 ist in der Beichtkapelle eine Blutreliquie von Papst Johannes Paul II. platziert worden. Eine Erinnerung, denn der polnische Papst hatte 25 Jahre zuvor Kevelaer besucht. Pfarrer Lohmann berichtet: "Der Erzbischof von Krakau, damals Privatsekretär von Johannes Paul II., hat uns die Blutreliquie mitgebracht:" Es ist Blut das dem Pontifex während einer medizinischen Untersuchung entnommen- und später "in ein Stück seiner weißen Sutane getreufelt wurde. Oft bilden sich regelrechte Schlangen an diesem Reliquiar."

Was das Pilgerherz begehrt

Schlangen bilden sich in Stoßzeiten auch in den Straßen Kevelars - erst recht in den rund zwei Dutzend Devotionalienläden. Hier gibt es jede Art von Hardware, die den katholische Glauben bereichern soll. Weil all das, was unter Wallfahrt firmiert, kein abgegrenztes Areal ist, sondern mitten in der Kleinstadt liegt, wirkt die während der Pilgersaison fast immer voll und bunt.

Wallfahrtsleiter Pfarrer Rolf Lohmann Foto: Bistum Münster

Rektor der Wallfahrt Pfarrer Rolf Lohmann

Schon im Drängen der Gläubigen zum Zentrum des Ganzen – der Gnadenkapelle – verbreite sich eine gewisse geistliche Atmosphäre, so der Mann, der die Pilgerströme lenkt: "Ich finde, dass dieser Platz inmitten der Stadt ist, macht es leichter. Das ist eine schöne und gute Verbindung zur Stadt", so Pfarrer Rolf Lohmann, sprichts und folgte dem Klang einer Glocke, denn jetzt muss er erst mal einen Gottesdienst halten.