Wall Street-Crash: Maschine gegen Mensch | Wirtschaft | DW | 09.02.2018
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Aktienhandel

Wall Street-Crash: Maschine gegen Mensch

Die Wall Street kämpft mit den grössten Kursschwankungen seit der Finanzkrise, und die Medien zeigen gern verzweifelte Börsenhändler. Die werden aber eher zu Statisten. Sophie Schimansky aus New York.

Börsenhändler Peter Tuchman rauft sich das weiße Haar, das ihm einst den Spitzamen 'Einstein' eingebracht hat. Der Dow Jones stürzte am Montag zwischenzeitlich um 1600 Punkte ab. So einen Absturz nach Punkten hatte es in der Geschichte des Aktienindexes noch nie gegeben. Die New Yorker Börse wurde Schauplatz der am stärksten ausufernden Kursschwankungen seit der Finanzkrise 2008. Und auch die nachfolgenden Tage brachten keine Erholung; am Donnerstagabend stand der Dow Jones zum Handelsschluss bei weniger als 23.000 Punkten. Damit liegt der Dow nun im sogenannten Korrekturbereich: Der Index fiel gut zehn Prozent im Vergleich zum Allzeithoch.

Tuchmans Verzweiflung war echt, sagt er. Das Foto von ihm hatte Aussagekraft. Deswegen hat der 60-Jährige mit seinem zu Berge stehenden weißen Haar es wieder einmal auf die Titel zahlreicher Print- und Onlinemedien geschafft. Das Foto mit Tuchmans entsetztem Blick an die Kurstafel ging Anfang der Woche um die Welt (siehe Artikelbild). Im Gespräch mit der DW zwei Tage später war der Händler dann schon wieder deutlich entspannter,

USA New York Wall Street-Händler (DW/Sohpie Schimansky (NYGP))

Peter M. Tuchman, nach dem Crash ohne Basecap im DW-Interview

Schuld sind Computer

Weltweit berichten Medien von überhitzten Märkten, vor allem aber von wild gewordenen Computern. Denn am Montag wurden innerhalb kurzer Zeit sehr, sehr  viele Aktien verkauft. Der Dow Jones fiel innerhalb von knapp zehn Minuten 800 Punkte. "Menschen verkaufen nicht  innerhalb von Minuten so viele Aktien, Maschinen schon", sagte der Analyst  Steve Grasso am Montag dem Fernseh-Sender CNBC. Im Hochfrequenzhandel sind Computer so programmiert, dass sie eine große Menge Aktien in sehr kurzer Zeit handeln. "Wir haben einen Aktienmarkt geschaffen, der sich für Menschen zu schnell bewegt", sagt David Weid, Gründer und CEO von Weid & Co. und ehemaliger Vize-Vorsitzender der zweiten großen New Yorker Börse Nasdaq. Den Korrespondenten der "New York Times", Binyamin Appelbaum, inspirierte das zu einem Tweet mit einem "traurigen Foto, wie Wall Street-Händler auf den Crash reagieren". 

"Disneyland für Kapitalisten"

Und doch zeigten Zeitungen weder Server noch Computer, sondern Tuchman und seine Kollegen mit tiefen Sorgefalten auf der Stirn. "Wir sind nach wie vor die Gesichter der Wall Street", sagt Tuchman. Er arbeitet seit über 30 Jahren auf dem Parkett der New Yorker Börse und ist der am meisten fotografierte Börsenhändler der Wall Street. "Wir zeigen Emotionen, die auch Anleger fühlen", sagt auch Market-Maker Michael "Mike" Pistillo, der seit 18 Jahren Käufer und Verkäufer von Aktien zusammenbringt.

New York Stock Exchange Michael Pistillo, Brandon Barb (picture-alliance/AP Photo/R. Drew)

Und Action: Michael "Mike" Pistillo (links) von GTS Securities, als die Börse am Montag crashte.

Die Medien lieben es, die Stimmung an der New Yorker Börse einzufangen, und so berichten immerhin noch rund 30 Sender (auch die DW), Zeitungen und Agenturen direkt vom Parkett. Hier wird jeden Morgen und jeden Abend eine Glocke geläutet, die den Handel eröffnet und beendet. An Tagen, an denen ein Unternehmen neu an die Börse geht, ist das Parkett voll, Händler johlen und Pressekameras blitzen. Doch so prominent die menschlichen Händler in den Medien auch sind, sie wickeln nur noch einen Bruchteil des Aktienhandels ab. "Alles nur Show, Disneyland für Kapitalisten", höhnen deshalb viele.

Computer statt Händler

Tatsächlich hat das Handelsparkett an Bedeutung verloren. Das wird schon klar durch einen Blick auf das Börsenparkett im Finanzdistrikt Manhattan. Es ist in den letzten Jahren immer leerer geworden. Noch knapp 500 Händler handeln dort Aktien, einst waren es mehrere Tausend. "Natürlich hat sich vieles geändert", sagt Pistillo, der an seine ersten Berufsjahre zurück denkt.

USA New York Wall Street-Händler (DW/Sohpie Schimansky (NYGP))

Pistillo, hier schon wieder entspannter beim Interview mit der DW

Der Börsenhandel wird in New York inzwischen überwiegend elektronisch abgewickelt. Das heimliche Zentrum des amerikanischen Aktienhandels ist ein Lagerhaus in einem unscheinbaren Gewerbegebiet in New Jersey. Es hat wenig gemein mit dem imposanten Gebäude in neoklassischem Stil mit honigfarbenem Parkett, in dem die New Yorker Börse seit mehr als zwei Jahrhunderten ihren Sitz hat. Stattdessen ist die fast drei Fußballfelder umfassende Halle in New Jersey mit Servern gefüllt. Menschen laufen hier nur vereinzelt über die Gänge. Der Aktienhandel braucht die Händler nicht mehr, sagt Nolan Watson, CEO von Sandstorm Gold, das Firmen aus der Edelmetallindustrie Finanzierungshilfe leisten. Menschliches Personal auf dem Parkett habe beim Börsengang seines Unternehmens keine Rolle gespielt.

Domino-Effekte und ein bisschen Show

Doch Emotionen können die Algorithmen des elektronischen Handels nicht zeigen. Deswegen greifen Redakteure gerne zu den Bildern von Tuchman und Kollegen. Statisten seien sie deshalb aber noch lange nicht, sagt Tuchman. Ein gutes Beispiel sei die vergangene Woche, sagt Pistillo. "An Tagen mit großer Volatilität braucht es Menschen, die ein Auge auf die Maschinen werfen."  Trifft ein Algorithmus eine Entscheidung, die auf einer falschen Analyse beruht, reagieren dann wiederum andere. So haben Computerpannen im elektronischen Handel bereits regelrechte Domino-Effekte ausgelöst.

Doch Menschen können eingreifen. Das wird wichtig in unerwarteten Momenten wie dem Brexit oder der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten. Dann sorgten erfahrene Händler und Market-Maker für Kontrolle, sagt Pistillo. Das gleiche gelte, wenn Unternehmen an die Börse gingen. "Die CEOs wollen Ansprechpartner haben", sagt Pistillo. Paul Gudonis, CEO von Myomo, Hersteller von Roboter-Armprothesen, gibt ihm recht: "Ich wollte unser Unternehmen an der New Yorker Börse listen lassen, weil dort Ansprechpartner aus Fleisch und Blut arbeiten."

Doch Peter Tuchman gibt zu: Ein bisschen Show sei dabei, wenn er fotografiert wird. Der Aktienmarkt sei seit der Finanzkrise viel präsenter in der breiten Öffentlichkeit. Dort wolle er der Wall Street ein Gesicht geben, das Anlegern die Sicherheit vermittle: "Hier arbeiten auch noch Menschen, die man anrufen und ansprechen kann."