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Wirtschaft

Wall Street bald in deutscher Hand?

Wall Street steht als Synonym für den amerikanischen Kapitalismus. Seit über 200 Jahren werden dort Aktien gehandelt. Und nun kommen die Deutschen? Die Händler der New York Stock Exchange sind skeptisch.

Wall Street Straßenschild (Foto: Bilder box)

Quo vadis, Wall Street?

Wie so viele Nachrichten an der New York Stock Exchange kam auch diese für die Händler völlig überraschend. Am vergangenen Freitag ging die Neuigkeit über die Ticker: Die Wall Street verhandelt über einen Zusammenschluss mit der Deutschen Börse. Zuerst dachten die Händler, die New Yorker Börse schlucke die Deutschen. Als sie merkten, dass es andersrum ist, wurden sie für einen kurzen Moment etwas bleich um die Nase.

Händler an der Wall Street (Foto: Miriam Braun)

Händler an der Wall Street sind durch die Fusionspläne etwas verunsichert

"Zuerst dachte ich, das ist ja wie bei Budweiser damals", sagt einer der Händler, der seinen Namen nicht preisgeben möchte. Die Biermarke, mit der sich die Amerikaner lange identifizierten, wurde von einer europäischen Firma übernommen. "Auch die Wall Street ist so eine amerikanische Ikone, die von den Europäern übernommen wird", sagt der Händler. Das tue schon ein bisschen weh, aber Zeiten würden sich eben verändern.

Lukratives Derivategeschäft

Und die Händler wissen sehr wohl, was für sie bei dem Deal alles drin ist: Besonders schielen sie auf das lukrative Derivategeschäft. Wer Derivate handelt, handelt mit abgeleiteten Finanzprodukten, das sind beispielweise Wetten auf die Preisentwicklung bei Rohstoffen. Die Deutsche Börse hat dank ihrer Tochter Eurex in dem Bereich die Nase vorne und eine Fusion würde der Wall Street helfen.

Parketthandel an der Wall Street (Foto: Miriam Braun)

Der Parketthandel an der Wall Street ist hektisch und aufregend,...

"Ich hoffe, dass wir unseren Kunden ein breiteres Angebot an Produkten anbieten können", meint Händler Jason Weisberg. "Ansonsten wird sich wohl für uns nicht viel ändern, wir sind ja nur Kunden der Börse." Nur für die Börse als Unternehmung werde sich etwas ändern. Dass die Aktionäre der Frankfurter Börse mit 60 Prozent die Mehrheit der Aktien der neuen Superbörse halten sollen, ist für Händler Arthur Cashin kein Zeichen von Machtverlust: "Unser CEO Duncan Niederauer wird der Vorstandsvorsitzende der neuen Börse, also wird die Management-Mitsprache der New Yorker Börse groß sein."

Hofbräuhaus auf dem Parkett

Arthur Cashin ist Wall Street-Veteran mit über 30 Jahren Erfahrung. Heute arbeitet er auf dem Parkett für UBS Financial Services. Für ihn wäre ein Zusammenschluss nur die logische Schlussfolgerung auf den Druck der globalen Konkurrenz. "London und die kanadische Börse werden fusionieren und wir müssen auch wettbewerbsfähig bleiben", meint Cashin.

Trotzdem wird auf dem Parkett hinter vorgehaltener Hand gewitzelt: Der Blue Room, einer der Handelsräume, werde künftig Hofbräuhaus heißen. Und in der Kantine gibt es womöglich nur noch Schnitzel anstatt das beliebte Pastrami-Sandwich. "Ein Hofbräuhaus hier auf dem Parkett, das wäre doch lustig", meint Jason Weisberg. Klar würden die Leute Witze machen, ob sie jetzt Deutsch lernen müssen oder nicht. Aber Zahlen seien in beiden Sprachen gleich und an den Börsen dieser Welt gehe es nun mal nur um Zahlen.

Wall Street als Marke

Händler an der Deutschen Börse in Frankfurt (Foto: AP)

...während es an der Deutschen Börse in Frankfurt ruhiger und nüchterner zugeht.

Einige der Trader sind besorgt um den Floor - denn sie wissen wie die Börse in Frankfurt aussieht: viel Elektronik und kaum Parketthandel. Aber diese Entwicklung weg vom Handel auf dem Parkett komme sowieso, auch ohne Übernahme. "Das ist etwas, worüber wir ohnehin keine Kontrolle haben, also brauchen wir uns auch nicht sorgen", meint Jason Weisberg.

Die Börse in New York existiert seit 1792. Unter einem Baum - dem Buttonwood-Baum - unweit der "Mauer Straße" unterzeichneten die ersten Händler ein Abkommen und begannen mit dem Handel von Wertpapieren. 200 Jahre später gilt New York City immer noch als Finanzhauptstadt der Welt. Die großen Investmentbanken haben ihre Hauptquartiere in der Metropole am Hudson und der Begriff "Wall Street" ist längst ein Synonym für die gesamte und auch weltweite Finanzbranche geworden. "Und diese Marke kann auch nach dem Zusammenschluss helfen, dass der Parketthandel an der Wall Street bestehen bleibt", meint der Händler, der anonym bleiben möchte. "Wall Street, das ist eine Marke, ein Logo! Die großen Firmen und berühmte Menschen kommen immer noch gerne hierher, um die Glocke zu leuten." Also, so seine hoffnungsfrohe Schlussfolgerung, bleibe vielleicht auch Platz für Händler auf dem Parkett.

Nun muss in der Finanzwelt und auch auf dem Parkett in New York weiter abgewartet werden. Die beiden Börsenbetreiber halten sich bislang bedeckt bezüglich weiterer Einzelheiten über den Zusammenschluss. Sie erklärten, bis zum Abschluss der Fusionsverhandlungen über die Details schweigen zu wollen.

Autorin: Miriam Braun
Redaktion: Henrik Böhme

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