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Wissen & Umwelt

Waldschadensbericht: Was Deutschlands Wälder belastet

Um die Laubbäume ist es nicht gut bestellt. Das steht im Waldbericht der Bundesregierung, der den Zustand von 2009 bis April 2017 aufzeigt. Demzufolge gibt es Alarmsignale, aber von Waldsterben kann keine Rede sein.

Wer als Laie sehen will, wie es um den Zustand des Waldes bestellt ist, muss den Kopf heben. Immer häufiger zu erkennen sind lichte Kronen, weil die Laubbäume Blätter in den Spitzen dauerhaft verlieren.

Nadelbäume sind auch betroffen, allerdings weniger als Buchen und Eichen. Das steht im 300 Seiten umfassenden Bericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Seit Anfang der 1980er Jahre das Wort "Waldsterben" um die Welt ging, stehen die Wälder unter behördlicher Beobachtung. Bilder abgeknickter Bäume vermittelten damals den Eindruck, die Wälder seien eine endliche Ressource für Holzwirtschaft, Klimaschutz und Erholungssuchende. Ursache war die zunehmende Umweltverschmutzung. Luftschadstoffe wie Schwefeldioxid (SO2) aus Auspuffen, Industrieanlagen und Kraftwerken reagierten mit dem Regen. Der ph-Wert sank. An diesem "sauren Regen" gingen erst die Wurzeln, dann die gesamten Bäume zugrunde.

Symbolbild Waldsterben (picture alliance/chromorange)

Symbolbild für das Waldsterben - Bäume, ohne Blattbewuchs und mit umgeknickten Ästen

Ein immenser Teil war betroffen, denn insgesamt besteht Deutschlands Landfläche zu mehr als 30 Prozent aus Wald. "So dramatisch wie damals ist der Zustand nicht", sagt Professor Andreas Bolte vom Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde, dass als Bundeseinrichtung die Erhebungen aller Bundesländer zum nationalen Waldzustandsbericht zusammenfasst und somit die Basis liefert für Waldberichte. "Trotzdem gibt es Alarmsignale."

Forstliches Monitoring ermittelt kontinuierlich den Zustand des Waldes

Seit 1984 werden in Westdeutschland (und seit 1990 auf dem Gebiet der DDR) die Wälder und Waldböden beobachtet und untersucht. "Alle Bundesländern führen Messungen durch und erheben Rasterdaten auf insgesamt 450 Flächen auf einer Größe von 16 mal 16 Kilometer."

Andreas Bolte (privat)

Weniger Nadeln an Kiefern - beobachtet Professor Andreas Bolte

Das forstliche Monitoring erfasst die Witterung, Stoffeinträge aus der Atmosphäre, kontrolliert das Wachstum, ermittelt den Kronen- und den Ernährungszustand der Bäume. Das System analysiert Veränderungen der Bodenvegetation und der Artenzusammensetzung und zeigt auf, wie belastet Waldböden sind durch Versauerung, Schwermetall- oder Stickstoffeinträge. "Interessant ist, dass wir einen Rückgang von Luftschadstoffen festgestellt haben. Dagegen haben andere Effekte wie der Klimawandel zugenommen", sagt Andreas Bolte.  

Alle vier Baumarten, die den Wald prägen, sind betroffen: Ein Drittel aller Fichten zeigen kahle Stellen in den Kronen. Die Erhebung zeigt, auch dass fast jede sechste Kiefer geschädigt ist. Besonders schlecht geht es dem Buchen-Bestand: Seit 2009 stieg der Blattverlust von 33 auf 52 Prozent der Bäume. Jede zweite Buche zeigt danach deutliche Blattverluste.

Weniger Nadeln und Blätter - Reaktion auf den Klimawandel 

Seit der Jahrtausendwende beobachten Forstleute und Wissenschaftler wie Andreas Bolte zunehmend schadhafte Laubbäume: "Seither verzeichnen wir größere Trockenperioden. Fehlt Wasser im Boden, können Bäume auch weniger Wasserdampf über Nadeln und Blätter in die Luft abgeben," nennt Bolte einen Grund für die eingeschränkte Transpiration, also Verdunstung aus den Pflanzen. "Außerdem beobachten wir, dass die Laubbaumarten häufiger Samen bilden. Da die Bäume nur begrenzt Energie aus Kohlenhydraten bereitstellen können, wirkt sich das negativ auf den Kronenzustand aus. Blatt- und Nadelverlust können aber auch Anpassungsreaktionen an den Klimawandel sein, damit die Bäume in Trockenperioden Wasser sparen können."

Die Wissenschaftler sind sich noch nicht im Klaren über die Ursachen der vermehrten Samen- und Fruchtbildung. Man spekuliere, so Bolte, "ob die Bäume vorausschauend auf die Produktion der nächsten Generation schauen, da deren Vitalität möglicherweise bedroht ist."

München kranke Rotbuche (Imago/R. Kurzendörfer)

Blätterschwund: Eine kranke Rotbuche

Landwirtschaft schädigt Wälder 

Eine andere These ist, dass hohe Stickstoffeinträge als Dünger aus der Landwirtschaft sich auch verlängernd auf Wachstums- und Vegetationszeiten auswirken. 

Besorgniserregend sind die hohen Schadstoffeinträge wie Ammoniak und Stickstoffverbindungen durch zu hohe Gülleausbringung auf den Feldern allemal. Die Tierexkremente versickern im Boden und landen im Grundwasser.

Die Messungen zeigten auch Stickstoffverbindungen an, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe in Kraftwerken und im Straßenverkehr freigesetzt werden. Die Stickoxide bilden Säureverbindungen und entziehen dem Boden Kalium, Magnesium und Calcium. Solche Mineralstoffe werden zwar in der Landwirtschaft nachgedüngt, ein Wald kann sie indes kaum ausgleichen. 

Durch Stickstoffeintrag kann sich die Vegetation ändern, so  Andreas Bolte: "Kiefernwälder sind an stickstoffarme Standorte angepasst. Bei einer höheren Stickstoffzufuhr wachsen sie, bekommen dichtere Nadeln. Andere Arten, Flechten, Waldmoose und Beerensträucher wie Preisel- und Heidelbeeren, die wir in Kieferbeständen antreffen, werden von Gräsern verdrängt.  Dadurch verändern sich die Wälder.

Traktor verteilt Gülle auf Feld in Brandenburg (picture alliance/ZB)

Tut dem Wald nicht gut: zuviel Gülle auf deutschen Wäldern von Exkrementen aus Nutztierhaltung

Der Nutzen politischer Maßnahmen

Die EU-Kommission hat Deutschland wegen der hohen Nitratwerte im Grundwasser vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt und fordert eine Verschärfung der Düngeverordnung.

"Andere Maßnahmen haben dem Wald langfristig genutzt", verweist Waldwissenschaftler Bolte auf politische Vorgaben: "Die Entschwefelung von Rauchgasanlagen in Kohlekraftwerken, die Einführung von Katalysatoren bei Fahrzeugen und großflächige Kalkzugaben aus der Luft, die dafür sorgen, dass die Wälder nicht weiter versauern."

Klimawandel als eine der bedeutendsten Herausforderungen

Zwar sei der Wald in den vergangenen Jahren von Schäden durch Extremereignisse wie Orkane weitgehend verschont geblieben. Doch durch den Klimawandel werden die Wälder sich verändern. "Die Eiche wird zunehmend vom Eichen-Prozessionsspinner, möglicherweise auch von anderen Arten betroffen sein," befürchtet Bundesinstitutsleiter Bolte. Die Raupen des Schmetterlings, der ursprünglich auf der Iberischen Halbinsel heimisch war, ernähren sich von Blättern und können ganze Bäume kahl fressen.

"Aber noch wissen wir nicht, wohin das Wetter und somit die Entwicklung tendiert", gibt Bolte zu verstehen. "Müssen wir mit mehr Niederschlägen und Wärme rechnen oder größerer Trockenheit und Hitze? Eines nur ist klar: Wir werden künftig mehr Extremwetterlagen haben."

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