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Politik

Waldorf à la russe

Während Deutschland die PISA-Ergebnisse diskutiert, bahnen sich deutsche Bildungsansätze in fernen Ländern ihren manchmal ganz eigenen Weg. So auch die Waldorfpädagogik von Rudolf Steiner in Russland.

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In Sibirien hatte ich alles erwartet: trockene Kälte, knirschenden Schnee und frischen Fisch vom Baikalsee. Aber nicht eine Schule, an deren Eingang mich ein Holzschild mit der Aufschrift "Waldorfschule" begrüßt. 7000 Kilometer von Deutschland entfernt wird hier nach der Reformpädagogik von Rudolf Steiner unterrichtet. Und das im autoritär geprägten Russland.

Dass es mit der Waldorfpädagogik eine Schulform gibt, die nach außen hin nichts mit Disziplin zu tun hat und von innen her erst recht nicht, stößt bei vielen Russen auf Unverständnis. Aber das sind die Waldorf-Verfechter gewöhnt. Während die normalen staatlichen Schulen einen Schwerpunkt auf der Wissensvermittlung haben, sehen die Waldorfschulen die gleichberechtigte Förderung der intellektuell-kognitiven, der künstlerisch-kreativen und der handwerklich-praktischen Fähigkeiten der Schüler vor. So hat man es also mit lauter Stricklieseln, Bastelschülern und einem Okö-Kuschelabschluss zu tun.

Alternative zum Autoritären

Die Perestroika in Russland brachte die Gründung mehrerer Walddorfschulen mit sich. Was in Russland sonst an Bürgerinitiativen fehlt, hat es bei der Gründung dieser Schulen ausnahmsweise gegeben. In der ostsibirischen Stadt Irkutsk waren es 1993 fünf engagierte Eltern und Lehrer, die eine Alternative zum autoritären, noch voll unter dem Einfluss der Sowjetzeit stehenden Schulsystem suchten.

Zu Hilfe kam ihnen dabei eine Waldorflehrerin aus der Schweiz, die zu der Zeit in Irkutsk lebte. Mit einfachsten Mitteln gründeten sie eine Waldorfschule. Der Anfang eines mühsamen Weges. Denn so positiv man der deutschen Bildung, Kultur und Sprache auch gegenüber steht - der anthroposophischen deutschen Pädagogik, noch dazu einer Reformbewegung, können nur wenige Russen etwas abgewinnen. Und so hat es der Schulleiter Viktor Pawlowitsch Strasser, der mich freundlich in ein kleines Lehrerzimmer mit bunten Vorhängen bittet, in Irkutsk nicht einfach.

Statt einer aktiven Elternschaft, die wie in Deutschland mit anfasst, aufbaut und unterstützt, hat er es mit einer anonymen Elternschaft zu tun. Es herrsche eher eine Schließfach-Mentalität, nach der die Eltern ihre Kinder einfach an die Pädagogen abschieben, egal was diese mit ihnen tun.

Statt der üblichen organisch gebauten, den Schülerzahlen angepassten Schulgebäude mit warmen Farben, Holzeinrichtungen, größen- und altersgerechten Naturspielplätzen herrscht in Russland eher Eintönigkeit. Aufgrund von - vorsichtig gesagt - Finanzengpässen muss die Irkutsker Waldorfschule mit 1,5 Etagen Vorlieb nehmen.

Ungeliebte Nachbarn

In dem Gebäude, das mich von außen im üblichen russischen Einheitsgrau anstarrt, sitzt ein Institut der Irkutsker Universität, das die Anthroposophen ausdrücklich nicht liebt. Bunt sind die Waldorfräume, es wimmelt vor Schülern, aus der einen Ecke tönt fröhliche Flötenmusik und im unteren Handwerksraum basteln die Zwölftklässler fleißig Filzschmuck.

Doch in der Schule gibt es so wenig Räume, dass die Lehrer den Schulbetrieb teilen müssen: Die ungeraden Klassen haben vormittags Unterricht, die geraden Klassen nachmittags.

Das Schwierigste ist die mangelnde Anerkennung, erfahre ich - eine Eigenart der russischen Gesellschaft. Nach außen muss alles nach Disziplin aussehen. Da das bei den Waldorfschulen nicht der Fall ist, ziehen viele Eltern ihre Kinder nach der 8. oder 9. Klasse ab. Jetzt sei die Kindheit vorbei, die Uni komme bald, deshalb müssten sie nun etwas Ordentliches lernen, sind ihre Argumente. Sind in der 1. und 2. Klasse in Irkutsk noch bis zu 25 Kinder, sehe ich in der 11. Klasse gerade noch sechs Schüler um die Lehrerin herumsitzen.