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Kultur

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!

Der Tod Jesu löst Schrecken aus – bei den Menschen, die damals dabei waren, und bis heute. Woher kommt dieser Schrecken und wo führt er uns hin? Darüber denkt Angelika Obert für die evangelische Kirche nach.

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Symbolbild Kreuz vor Ostern

Ein Tod voller Schrecken

Als gefährlichen Aufrührer haben sie Jesus vor Gericht gebracht. Man sagt, er habe heilige Gesetze übertreten. Mag die Anklage auch wacklig sein, die Empörung über ihn ist einhellig, jedenfalls bei denen, die etwas zu sagen haben. Aufreizend selbstbewusst verhält sich Jesus im Prozess. Für so einen gibt es keine Nachsicht. Zum Tod wird er verurteilt und die Soldaten, die ihn hinrichten sollen, machen sich einen Spaß daraus, gerade ihn zu quälen und zu verhöhnen. Dann verendet er am Kreuz. Es heißt, im Augenblick seines Todes habe sich die Sonne verfinstert, die Erde gebebt. Ein Schrecken fährt den Henkern in die Glieder. Einer sagt: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“

Der Blick in den eigenen Abgrund

So berichten es die Evangelien. Ob es damals auf Golgatha genauso war, können wir nicht wissen. Aber dass es dann doch viele Menschen gab, denen der Schrecken über diese Hinrichtung ins Herz fuhr, das wissen wir sicher. Menschen, vor denen sich auf einmal ein Abgrund auftat, der ihnen vorher nicht bewusst war. Denn jetzt sahen sie es klar: Dieser Mensch, Jesus von Nazareth, war Gott so nahe, wie wir es gerne wären. Er hat alles verkörpert, wonach wir uns sehnen: Freiheit, Mut, Liebe, Barmherzigkeit. Aber wir haben ihn nicht verstanden. Wir haben den Gott nahen Menschen unter uns nicht aushalten können. Wir haben ihn getötet – und mit ihm das Beste in uns selbst. Es waren nicht nur die Soldaten, nicht nur die Machthaber. Sie hatten ja nur Zugriff auf Jesus, weil er so allein war. Die Wahrheit ist: Gottes Sohn hatte keinen Platz unter uns.

Diesem tiefen Schrecken haben die Christen nachgedacht. Dafür wurden die Evangelien geschrieben und all die Bilder gemalt vom Gekreuzigten, die zur Geschichte der Christenheit gehören.

Der mögliche Neuanfang

Der Schrecken beim Blick in den eigenen Abgrund macht einen neuen Anfang möglich. Man kann danach nicht mehr so selbstgewiss sein. Nicht mehr so sicher, dass man ja zu den Guten gehört, die andere verurteilen und verwerfen dürfen.Man wird sich nicht mehr über andere erheben, sondern denen zur Seite stehen, die runter gemacht werden.

Dafür steht der Karfreitag, den wir heute feiern. Ein Feiertag, der vielen unklar geworden ist. Sicher auch darum, weil der neue Anfang, den dieser Tag im Glauben der Christenheit markiert, in der Geschichte so wenig sichtbar geworden ist. Der viel besprochene Fernsehfilm „Unsere Väter, unsere Mütter“ hat es in diesen Tagen ja gezeigt: Wie lebensfrohe junge Menschen das Beste in sich verlieren, wie sie zu Mördern und Verrätern werden, weil sie sich für Helden halten, wenn sie dem Gesetz ihrer Zeit folgen. Unsere Väter, unsere Mütter. Nicht anders als wir.

Gerade darum ist der Blick auf den Gekreuzigten eben nicht überholt: der tiefe Schrecken vor dem menschlichen Abgrund. Die Erkenntnis: Auch ich bin daran beteiligt, Gottes Liebe aus der Welt zu vertreiben.

Wie danach doch ein neuer Anfang möglich ist, erzählt ein kleiner Film, der im Berliner Dom zur Aufführung der Johannespassion gezeigt wurde: Es ist der Bericht eines Gefängnisdirektors. Er mag seinen Job. Aber er muss damit aufhören. Er muss neu anfangen. Weil ein junger Verbrecher ihm ins Gesicht sieht vor seiner Hinrichtung. „Ich mag Sie“, sagt er, bevor die Todesangst in seine Augen tritt. Nach dieser Erfahrung kann der Mann nicht weitermachen wie bisher. Er will nicht mehr über andere richten. Er hat wohl begriffen: „Auch dieser hingerichtete Junge ist ein Sohn Gottes gewesen.“

Evangelische Pfarrerin Angelika Obert Das Copyright liegt bei mir, Angelika Obert

Angelika Obert

Zur Autorin:

Angelika Obert wurde 1948 geboren. Nach dem Studium der Evangelischen Theologie und der Germanistik besuchte sie eine Schauspielschule, bevor sie Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz wurde. Seit 1993 ist sie Rundfunk- und Filmbeauftragte ihrer Landeskirche. Sie ist für die evangelischen Hörfunk- und Fernsehsendungen beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) verantwortlich. Als Autorin gestaltet sie auch Sendungen für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur.

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