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Deutschland

Wahlkampf im Sibirien für Grüne

Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalte am 20. März wollen die Grünen nach 13 Jahren wieder in den Landtag in Magdeburg. Im Hettstedt kämpft Gabriel Machemer um ein Mandat - mit experimenteller Note.

Gabriel Machemer, Wahlkämpfer für die Grünen in Sachsen-Anhalt mit seinem Wahlplakat (Foto: DW)

Gabriel Machemer, experimenteller Wahlkämpfer für die Grünen

Der Kandidat ist mit sich selbst beschäftigt, besser gesagt mit einem Plakat, dass er von einer baufälligen Mauer aus an einem Laternenmast festzurrt. Das Foto darauf zeigt ihn im Anzug, mit lilafarbener Krawatte und einer stolzen Haarmähne. Unten rechts stehen das Parteisymbol der Partei "Bündnis 90/Die Grünen" und sein Name "Gabriel Machemer". Der Wind zaust an Machemers Schopf, er trägt einen Kapuzenpulli unter der Jacke. Der Direktkandidat springt von der Mauer und prüft, ob das Plakat gut zu sehen ist. Zufrieden reibt er sich die Hände, denn sein Wahlversprechen "Meine Diäten für meinen Wahlreis" ist gut sichtbar.

Stadtansicht Hettstedt (Foto: CC/Joeb07)

Die Stadt Hettstedt - sieht grün aus, hat aber wenig grüne Wähler

Gabriel Machemer ist im Städtchen Hettstedt unterwegs. Das liegt im Süden Sachsen-Anhalts, nahe am Harz. Er ist Direktkandidat der Grünen im Landtagswahlkreis 32, dort wo bei der letzten Landtagswahl so wenige wie nirgendwo anders ihr Kreuzchen bei den Grünen gemacht haben. "Ich will den Negativrekord von 1,9 Prozent bei den Zweitstimmen, also den Stimmen für die Partei, brechen", sagt der 33-Jährige energisch. Und bei den Erststimmen, den direkten Stimmen für ihn als Kandidaten, peile er sogar einen Anteil von 30 Prozent an. Dafür legt er sich mächtig ins Zeug.

Die Grünen in der Diaspora

In Machemers Miene zeigen die schmale Lippen Entschlossenheit. Die glänzenden Augen unter den hochgezogenen Augebrauen wirken selbstironisch. Mögen die Grünen bundesweit derzeit tolle Umfrage-Ergebnisse haben, in Sachsen-Anhalt sind sie weit davon entfernt, am weitesten wahrscheinlich im Wahlkreis Hettstedt. Außer in den größeren Städten ist die Partei in Sachsen-Anhalt eine Randerscheinung. Hier regieren SPD, Linke und CDU.

Gabriel Machemer holt seinen Irish Setter aus dem Auto und beginnt, den Kontakt mit Wählern zu suchen. Machemer steigt die Stufen zum Eingang eines Einfamilienhauses hoch und klingelt, während Hündin Angie an der Leine zerrt. Eine blonde Frau im Jogginganzug öffnet, Machemer drückt ihr einen Flyer in die Hand: "Guten Tag, ich bin Gabriel Machemer. Ich kandidiere für die Grünen und ich bin der einzige Direktkandidat, der seine Abgeordnetenbezüge für die Vereine am Ort spenden will." Die potentielle Wählerin findet, das sei schon mal ein Pluspunkt. Machemer strahlt übers ganze Gesicht - und steuert das nächste Haus an. Dort wiederholt er sein Wahlprogramm. Der grauhaarige Bewohner fragt, wovon er denn dann leben wolle. "Ich habe eine alte Fabrikhalle in Halle, die ich vermiete", sagte Machemer.

Kräfteraubender Wahlkampf

Es ist im Regelfall besser, wenn man bei Landtagswahlen aus der Region stammt, in der man gewählt werden will. 43,5 Prozent der Erststimmen hatte die siegreiche CDU-Kandidatin Petra Wernicke aus dem nahen Aschersleben bei den letzten Wahlen zum Landesparlament erkämpft. Ihr Nachfolger stammt aus Osnabrück, deswegen ist ein so klares Ergebnis nicht unbedingt vorhersehbar. "Es ist alles offen", hofft auch Stefan Gebhardt. Er ist Spitzenkandidat der Linkspartei.

Wahlkampf ist anstrengend - hier verteilt Gabriel Machemer Wurfsendungen (Foto: DW)

Wahlkampf ist anstrengend - hier verteilt Gabriel Machemer Wurfsendungen

Gabriel Machemer macht sich beim Gang zwischen den ein- und zweistöckigen Häusern selber: "Ich will gewinnen!" Seine schwarzen Schuhe sind staubig geworden. Der Weg zu den Wählern - vor allen in den kleinen Dörfern - ist anstrengend. "Das schlaucht, aber man muss es sportlich sehen", beschreibt Machemer seine Ausdauer. Bis vor kurzem hatte er mit Politik sehr wenig zu tun. Er ist bildender Künstler und über Umwege Kandidat der Grünen geworden. Seinen Wahlkampf gestaltet er weitgehend allein, denn es gibt hier kaum andere Partei-Mitglieder.

Machemer wirbt mit bemerkenswerter Energie und bemerkenswert wenig grünen Ideen. An den Haustüren spricht er nicht über ökologische Gebäudesanierung und ein Umdenken in der Bildungspolitik, sondern darüber, wie toll es doch wäre, wenn er gewählt würde und die Feuerwehr, der Kindergarten und die Volkssolidarität etwas von den - wie er sich ausgerechnet hat - 280.000 Euro Diäten pro Jahr bekämen. So wirkt sein Wahlkampf vielleicht etwas ungewöhnlich, aber angesichts der schwierigen Ausgangslage vielleicht auch erfolgversprechender. Der Wähler wird entscheiden.

Autor: Heiner Kiesel
Redaktion: Kay-Alexander Scholz