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DW-RADIO

Wahl-Reise 2002: Kanzler der Arbeitslosen?

Die Bundestagswahlen könnten durch das Thema "Arbeitsmarkt" entschieden werden. Bundeskanzler Schröder hatte vor vier Jahren verkündet, sich an den Arbeitslosenzahlen messen lassen zu wollen.

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Doch statt, wie versprochen, die Zahl unter 3,5 Millionen zu drücken, wurden zuletzt stetig über vier Millionen vermeldet. Die kosten den Staat 70 Milliarden Euro jährlich.sich in der Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote umgehört. Im mecklenburgischen Neubrandenburg ist nahezu jeder vierte Erwerbsfähige ohne Arbeit. Karin Jäger berichtet:

Neubrandenburg ist ein Ort der Gegensätze: hier sind Siegertypen zu Hause wie die ehemalige Weltklasse-Sprinterin Katrin Krabbe und Kugelstoß-Olympiasiegerin
Astrid Kumbernuß. Hier schieben Zehntausende eine ruhige Kugel - zwangsweise.
Eine Stadt mit Plattenbauten und sehenswerten Backsteingebäuden. In der Grünanlage der früheren Wall- und Wehranlage zupfen zwei Frauen über 50 in gebückter Haltung Unkraut. Angestellte einer privaten Gartenbaufirma. Sie machen Überstunden, auch am Samstag, um mit dem
Einkommen über den Winter zu kommen.

22 O-Ton:
Die meisten, die schon länger arbeitslos sind, haben auch gar keine Lust mehr. In unserem Alter vor allen Dingen, dass die noch was suchen, weil ´s auch schwierig ist bei uns.

Vieles war besser damals in der DDR:

52 O-Ton:
Da hat eben jeder Arbeit gehabt, aber da wurde auch nicht richtig gearbeitet. Die Menschen haben auch gewußt, sie haben ein Ziel. Sie konnten eben schon planen für den nächsten Tag, was man jetzt nicht mehr machen kann. Das ist traurig und vielen sieht man das auch an.

Gleich um die Ecke drücken sich Menschen vor einer Personal- Service-Agentur herum. So wie Gerd, 27. Hochspezialisiert in der DDR - Agrotechniker - im
Bereich Landwirtschaft - auf bundesdeutsch gesagt: Traktorfahrer. Hat umgeschult zum Landschaftsgärtner. Ohne berufliche Perspektive. Jobbte bei der staatlich geförderten Arbeitbeschaffungsmaßnahme. Befristet - Ist seit drei
Jahren arbeitslos.

59 O-Ton:
Ich suche Arbeit. Alles, was im Moment möglich ist, das man einen besseren Verdienst hat und 500 Euro Arbeitslosengeld ist ein bißchen wenig. Die Probleme, die man hat, möchte man auch finanziell regeln können. 30 Berater hat die Stadt eingestellt, die den Menschen erklären, wie sie ihren
Schuldenberg abbauen können, der ihnen über den Kopf gewachsen ist. Sieben Suchtberater bieten Betroffenen ansatzweise Hilfe an. Viele Bürger Neubrandenburgs sind bankrott - monitär und mental. Oder sie sind weg. 78.500
lebten 1996 noch hier an der touristisch reizvollen Mecklenburgischen Seenplatte. Seither hat jeder Zehnte Neubrandenburg Richtung Westen verlassen.
Jeder Vierte, der arbeitsfähig ist zwischen 17 und 57 hat keinen Mut zu gehen oder ein Argument, eine Ausrede, die ihn davon abhält, an einem anderen Ort im Land Beschäftigung zu finden.

82 O-Ton:
Das ist unsere Heimat. Und da sind wir überzeugt, dass wir bleiben müssen. Auch wenn ´ s schwer fällt.

In Arbeitslosenzentrum bei Sabine Milster treffen sich viele, die regungslos, motivationslos, mutlos geworden sind.

B 837 O-Ton:
Viele Menschen sind auch richtig krank, aber dadurch, dass wir Selbsthilfearbeit anbieten, können wir auch ein Stück dazu beitragen, dass sie wieder selbstbewußter werden, dass sie wieder anders auftreten können und vor allen Dingen, dass sie merken, gerade in diesen Gruppen, dass sie gebraucht werden.

Dass sie gebraucht wird, hoffen, wünschen sich alle, die durch das Dunkel im Hausflur zur C&S Personalagentur gelangen. Im ersten Stock stellen Carola Driewe
und zwei Mitarbeiterinnen der Zeitarbeitsfirma Arbeitswillige ein - die sie an Firmen vermitteln- befristet. Als Schwangerschaftsvertretung oder Saisonarbeiter.

121 O-Ton:
Viele haben schon unglaubliche Sachen hinter sich, sind negativ eingestellt. Es gibt aber auch das Gegenteil. Sind euphorisch, möchten Arbeit haben und nach zwei Tagen stehen sie wieder hier und sagen: war doch nichts.

Für Carola Driewe seit zehn Jahren ein nervenaufreibender Alltag. Auch sie hat ausgerechnet, das ihr mit dem Arbeitslosengeld vom Staat mehr verdienen als jetzt. Hier werden Mindestlöhne bezahlt. Das reale Leben aber ist eben so teuer wie anderswo. Was sie ihren Kunden raten würde, fragten die sie nach einer ehrlichen Antwort ?

136 O-Ton:
Sind sie jung genug, würde ich ihnen raten: sie sollen gehen, um sich weiter zu bilden, mehr Geld zu verdienen. Überhaupt ihr Leben in den Griff zu kriegen.

Was sie von den Hartz-Vorschlägen hält, den Arbeitsmarkt anzukurbeln ? Davon, dass Unternehmer beispielsweise Kredite erhalten, wenn sie einen Arbeitslosen einstellen ?

147 O-Ton:
Es wird sich nicht viel ändern. Es sind Versprechungen, denk´ ich ´mal mit dem Wahlkampf, aber was wollen Sie denn ändern ? Ich denke ganz einfach: es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden - hier vor Ort. Es fehlt uns auch einfach die Industrie, große Unternehmen, die sich hier ansiedeln.

Früher - in der DDR - war Neubrandenburg Militärstandort mit
Panzer-Reparaturwerk, es gab Baukombinat, Reifenfabrik, Land-, Forstbetriebe und nur e i n e n Feind: die Staatssicherheit. Heute ist sich jeder selbst der
nächste beim Kampf um einen Arbeitsplatz. - Stellensuche auch im Berufsinformationszentrum des Arbeitsamts: An neun Computern können sich Interessierte informieren über Stellen und Weiterbildungsangebote. Zwei Männer mit tiefen Ringen unter den Augen sitzen vor einem Terminal - ohne jeglichen Blickkontakt. Jens, 17, hat eine Lehre als Maler abgebrochen. Seit einem Jahr arbeitslos - wie seine Eltern. Das ewige ´Rumsitzen vor der Glotze hat er satt. Jetzt macht er einen erneuten Versuch: Selbst aktiv werden, nicht so wie die anderen:

170,5 O-Ton:
Die Leute wissen, dass sie die Kohle so kriegen, ohne Arbeiten zu gehen und deswegen gehen sie nicht arbeiten.
Viel Arbeit hat Oberbürgermeister Paul Krüger. Erst mußte er sich bei seiner Kandidatur gegen den PDS-Kandidaten durchsetzen. Seitdem muß er Höchst-Fördergelder verteilen aus Brüssel und Berlin; Projekte und Personal abwickeln, aber:

Seite B 664 O-Ton:
Wir haben die Aufgabe, das auch besser zu kommunizieren. Wenn wir nur darüber reden, wie schlecht alles ist und wie problematisch, dann wird es uns nicht gelingen, die Leute hier zu halten. Wenn es deutlicher ins Bewußtsein rückt,
dass hier sehr viel erreicht worden, dass man hier schön leben kann und das wir eigentlich auch das Potential haben - auch in den Menschen, Zukunft zu gestalten, dann sollte man auch junge Leute motivieren können, hier zu bleiben.

Und dann redet er sich in Rage, erzählt von der guten Infrastruktur - gut ausgebaute Strassen. Verschweigt, dass kaum einer sich die Autos leisten kann, um darauf zu fahren. Häuser werden restauriert, aber Wohnungen stehen leer. -
"Zeit für Taten" - steht auf den Wahlplakaten der CDU, die bald schon wieder auf den hochmodernen Mülldeponien landen, die nicht ausgelastet sind. "Wir schaffen
das" verspricht die SPD öffentlich im Gegenzug. Und die parteilose Sabine Milster, Leiterin des Arbeitslosenzentrums, und hat auch einen Leitspruch:


B 943O-Ton
Natürlich gibt es Menschen, die keine Träume mehr haben und die keine Träume mehr haben, weil sie eigentlich schon am Ende sind. Und: ich denke, man muss sich seine Träume bewahren, sonst kommt man nicht weiter