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Kultur

Wagner in Israel tabu

Es hätte ein großes, manche meinen sogar ein historisches Ereignis werden können: Ein Abend ausschließlich mit Werken von Richard Wagner – an der Universität in Tel Aviv. Das Konzert findet nicht statt.

Richard Wagner

Seine Kompositionen sind in Israel verpönt

Ein ungeschriebenes Gesetz, ein offiziell nie verkündeter, in Israel dennoch bestehender Boykott wäre durchbrochen worden. Nun ist das Konzert, das die 2010 gegründete israelische Wagner-Gesellschaft geplant hatte, abgesagt worden.

Hundert Musiker aus verschiedenen israelischen Orchestern hatte man bereits zusammen getrommelt, sie probten die Ouvertüren zu den Opern "Tannhäuser" und "Die Meistersinger", die Tondichtung "Siegfried-Idyll" und den "Liebestod" aus  "Tristan und Isolde". Finanziert wurde das Ganze nicht aus öffentlichen Mitteln, sondern mit Hilfe privater Sponsorengelder. Auch ein Rahmenprogramm mit wissenschaftlichen Vorträgen war geplant. Bereits die Ankündigung aber hat offenbar zu massiven Protesten und erbosten Vorwürfen geführt. Die Universitätsleitung entschied sich daher, der Konzerttermin platzen zu lassen.

Hitlers Musentempel

Richard Wagner erregt auch heute noch die Gemüter in Israel – kritisch eingestellt sind insbesondere Holocaust-Überlebende, bei denen seine Musik Erinnerungen an eine grauenhafte Zeit weckt. Schließlich war es Adolf Hitler, der Wagner zu seinem persönlichen Lieblingskomponisten erklärte und der beste Beziehungen zu dessen Nachkommen in Bayreuth gepflegt hat. Er war oft im Festspielhaus auf dem "Grünen Hügel", aber auch in der privaten Villa "Wahnfried" zu Gast. Insbesondere Winifred, die Schwiegertochter Richard Wagners, NSDAP-Mitglied und Duzfreundin des "Führers",  hat ungebrochen an ihrer Verehrung Hitlers festgehalten, bis zu ihrem Tod 1980.

Winifred Wagner und Adolf Hitler am 6. März 1934 bei der Grundsteinlegung für das Richard-Wagner-Denkmal in Leipzig. +++(c) dpa - Bildfunk+++

Freundin und Gönner: Winifred Wagner und Adolf Hitler

Antisemit Wagner

"Es ist viel Hitler an Wagner", hatte schon 1938 der Schriftsteller Thomas Mann gesagt. Das sehen offenbar viele Menschen in Israel heute noch genauso. Ein Konzert mit der Musik dieses Komponisten, der 1850 eine dubiose antisemitische Schrift unter dem Titel "Das Judentum in der Musik" verfasste, betrachten sie als Provokation. In seinem Pamphlet kritisierte der Komponist das künstlerische Schaffen jüdischer Musiker und Dichter seiner Zeit als trivial, banal und unoriginell und sprach von einem "Verfall" der deutschen Kultur durch den Einfluss dieser Künstler. Wagners Opern werden in diesem Zusammenhang noch heute als eine Art Begleitmusik zum Völkermord der Nazis empfunden. Die Wagner-Nachkommen in Bayreuth wiederum taten sich bis in die jüngste Gegenwart sehr schwer mit diesem historischen Erbe und setzten sich nur zögernd mit dem Thema auseinander.

Musik und Ideologie

Dennoch sind heute namhafte Musiker der Auffassung, dass man zwischen dem Antisemiten und dem Komponisten Richard Wagner trennen müsse. So sagte Daniel Barenboim, Dirigent, Chef der Berliner Staatsoper und israelischer Staatsbürger vor einigen Jahren in einem "Spiegel"-Interview, Musik sei nicht ideologisch: "Wagner war antisemitisch, aber seine Musik nicht." Der erste renommierte Musiker, der am Tabu rüttelte war 1981 Zubin Mehta mit dem Israel  Philharmonic Orchestra. Am Ende eines Konzertes kündigte er das Vorspiel zu "Tristan und Isolde" als Zugabe an und stellte es dem Publikum frei, im Saal zu bleiben oder zu gehen. Es kam zu wütenden Reaktionen und, während die Musiker die Zugabe spielten, zu lauten Zwischenrufen.

Dirigent Barenboim EPA/MOHAMED OMAR

Sorgte in Israel mit Wagner für Aufregung: Daniel Barenboim

Ovationen, Provokationen

Zwanzig Jahre später wiederholte Daniel Barenboim dasselbe bei einem Gastspiel in Jerusalem. Auch er sprach lange mit den Zuhörern und gab denjenigen, die das nicht ertragen wollten, Gelegenheit, den Saal zu verlassen. 2011 schließlich kam es zu einem besonderen Ereignis  in umgekehrter Richtung: Gastspiel eines israelischen Kammerorchesters in Bayreuth – man bot auch Musik von Richard Wagner dar. Die Musiker waren von Festspielchefin Katharina Wagner eingeladen worden, der Urenkelin des Komponisten – zu einem Konzert zwar nicht im Rahmen der Festspiele, aber immerhin in deren Umfeld. Es gab stehende Ovationen. Der Dirigent, Roberto Paternostro, sagte damals, er habe Verständnis für diejenigen, die "durch die Hölle gegangen" seien und mit Deutschland und mit Wagners Musik nichts mehr zu tun haben wollten. Und noch vor wenigen Monaten gab es an der Oper in Tel Aviv einen weiteren Eklat: Opernchefin Hanna Munitz entschied, ein Stück Wagner-Musik aus dem Programm einer Tanzperformance zu nehmen. Solange sie im Amt sei, sei sie entschlossen, diesen Komponisten von der Opernbühne fern zu halten.