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Musik

Wagner goes Rap

Zum Wagner-Jahr 2013 hat die Fairplay-Stiftung einen Rap-Wettbewerb ausgerufen, bei dem sich unsere Jüngsten dem Komponisten nähern sollen. Modischer Quatsch oder eine ernsthafte Auseinandersetzung?

Die Meistersinger, der Lohengrin oder gar die Götterdämmerung als Rap-Song? Schwer vorstellbar, dass das dem Komponisten Richard Wagner gefallen hätte. Und für Wagner-Puristen wahrscheinlich eine Form unerträglicher Seelen-Folter darstellt. Egal, sagt Urenkelin Katharina Wagner, Co-Chefin der Bayreuther Festspiele. Zusammen mit der Fairplay Stiftung, die nach eigenen Angaben kulturelle Werte und Inhalte weitergeben möchte, wolle man mittels eines Wettbewerbs Jugendliche zwischen elf und 20 Jahren an das Werk Richard Wagners heranführen. Der Auftrag lautet: Einen Text aus einem wagnerschen Werk in Form eines Sprechgesangs à la Bushido oder Kanye West zu bearbeiten, und als Bewerbungsvideo oder CD einzureichen.

Musikunterricht mal anders

"Das Ganze schlägt eine schöne Brücke zwischen Musikalität, Rhythmus-Gefühl und dem Werk von Richard Wagner", unterstreicht Katharina Wagner, die sich selbst gerne als Werk-Verwalterin, als Groß-Erbin des Wagner-Clans sieht.

Katharina Wagner (Foto: Fairplay Stiftung)

Urenkelin Katharina Wagner

Während die einen das Projekt als Wagner-PR für Kinder schimpfen, Katharina Wagner nur einen schnellen Werbe-Effekt unterstellen, sehen andere darin eine durchaus praktikable Versuchsanordnung, um Jugendliche an das komplexe Opern-Werk Wagners heranzuführen.

"Weil sich dann Kinder überhaupt erst trauen, an diese Texte ranzusetzen", betont die 42-jährige Berliner Musiklehrerin Friederike Fischer, die seit mehreren Jahren an der Birger-Forell-Schule in Berlin-Schöneberg Kinder und Jugendliche an Wagner und andere klassische Komponisten heranführt. Doch könne das nur der Anfang sein. Denn wenn das Ganze nachhaltig sein solle, dann komme man um einen Opern-Besuch nicht drum herum, "die Kinder sollten auf alle Fälle das Original kennen".

Sprechgesang als Wagner-Werbung

Ganz so eng sehen es die Veranstalter nicht. Ganz im Gegenteil: In ihren Augen ist der Rap geradezu eine perfekte Kunstform, ein idealer Musikstil, der es insbesondere Jugendlichen ermögliche, sich kreativ und spielerisch mit Wagners Texten auseinanderzusetzen. Projektleiter ist Michael Sens, er hat in Ost-Berlin an der Musikhochschule Hanns Eisler Geige und Gesang studiert. Rappen, sagt er, könne doch irgendwie jeder.

Michael Sens (Foto: Fairpla Stiftung)

Projektleiter Sens

"Wenn man das Instrument Violine erlernen will, dann muss man mit sechs Jahren anfangen und ist - übertrieben gesagt - mit sechzig noch nicht fertig", ergänzt Sens. Aber ein Rapper der könne sich einfach eine Musik nehmen, lege seine Botschaft drauf, und fertig sei der Song. "Da braucht man nicht so einen unglaublichen Vorlauf, deshalb ist es bei den Jugendlichen auch so beliebt." Letztlich gehe es doch darum, Kinder für eine Musik zu interessieren, die ihnen in den meisten Fällen nicht vertraut ist. Mit Volksliedern, Lagerfeuerromantik oder dem öden Einpauken deutscher Leitkultur sei es nicht getan, damit könne man keinen hinterm Ofen herlocken. Stattdessen würde heute eben "mit einer schiefen Mütze auf dem Kopf und mit geilen Beats gerappt, was das Zeug hält".

Schön sei es doch auch, ergänzt Initiator Michael Sens, dass man mit dieser Aktion nicht nur die Kinder, sondern auch noch die Eltern für Wagner begeistern könne. Denen sei die Musik Wagners ebenso fremd wie der Klang eines mongolischen Hirtengesangs.

Bildungsauftrag: Music-Education

Ein Rap-Wettbewerb kann ein durchaus sinnvoller Baustein in der Musikvermittlung sein, ein Anstoß zum kreativen Lernen. Erinnert sei an den Dirigenten Leonard Bernstein, ein Pionier in Sachen Werbung für klassische Musik. Schon in den 1970er und 1980er Jahren hat er öffentliche Generalproben zu kleinen Parties gemacht, indem er Zuhörern sperrige Werke auf unterhaltsame Weise nahe gebracht hat.

Der Sieger des Wagner-Rap-Wettbewerbs gewinnt einen Workshop mit dem Hamburger Rapper "Das Bo", der den Song unter professionellen Bedingungen produzieren wird. Einsendeschluss für Bewerbungen ist der 15. März 2013. Projektleiter Michael Sens, neben Katharina Wagner und FDP-Mann Wolfgang Kubicki einer der Juroren, wünscht sich ungewöhnliche Zugänge. Einfach nur die Wagner-Texte nachzuquatschen, dass reiche nicht aus, betont er. Denn die eingereichten Videos werden nicht etwa in Hinblick auf ihre technische Qualität oder Werktreue bewertet, sondern es zählen Ideenreichtum und Kreativität.

Rapper 'Das Bo' (Foto: Fairplay Stiftung)

Freut sich auf die Zusammenarbeit mit den Gewinnern: Rapper "Das Bo"


Ausgang ungewiss

Im Vordergrund soll die Musik stehen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der politisch umstrittenen Figur Wagners ist nicht angedacht. Diesem wenig kritischen Ansatz steht Brechtschüler Achim Freyer skeptisch gegenüber. Er stellt derzeit in Mannheim den "Ring" auf die Bühne und zweifelt daran, dass das Entertainment-Programm der Urenkelin Richard Wagners die Jugend wirklich erreicht. "Ich glaube kein großer Komponist hat es nötig, dass man ein Potpourri seiner Arbeit präsentiert. Nur reine Qualität und Kunst. Nichts anderes."

Es mutet bizarr an. Wer auch immer ein Anliegen hat, mit dem Jugendliche erreicht werden sollen, organisiert heutzutage einen Rap-Wettbewerb. Die Ergebnisse grenzen oft an Peinlichkeit. Dennoch kann es in diesem Fall eine durchaus praktikable Versuchsanordnung sein. Geht es doch nicht um das Ergebnis, sondern darum, dass Jugendliche an das wuchtige Opern-Werk Wagners herangeführt werden sollen. Letztlich kann das aber nur der Anfang sein, denn das Live-Erlebnis, die ernsthafte Auseinandersetzung kann es nie ersetzen. Um das Kindern zu ermöglichen, sollten die Opernhäuser vielleicht als ersten Schritt die Eintrittspreise senken, ihre Programme ändern und die Gralstempel den Familien öffnen. Als Education-Maßnahme und Wagner-Werbung im besten Sinne.