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Asien

Wacker: "Beide Länder sind dialogbereit."

Die wichtigen Beziehungen zwischen den USA und China sind angespannt. Dass der Dialog dennoch fortgesetz wird, sei ein gutes Zeichen, so die China-Expertin Gudrun Wacker im Interview mit der Deutschen Welle.

DW.DE: In Peking findet der sogenannte "Strategie- und Wirtschaftsdialog" zwischen den USA und China statt. Das ist schon das 6. Forum dieser Art. Was ist das Besondere an diesem Treffen?

Gudrun Wacker: Zunächst ist die Tatsache, dass das regelmäßig stattfindet, eine der herausragenden Eigenschaften. Beide Länder zeigen damit, dass sie dialogbreit sind, in Dialog bleiben wollen und diesen Dialog in einer institutionalisierten Form jedes Jahr durchziehen, um praktisch über alle Fragen - ökonomische und strategische - miteinander zu sprechen.

Beschränkt sich dieser Dialog nur auf Symbolik oder erwarten Sie auch konkrete Ergebnisse?

Ob es zu konkreten Ergebnissen kommt, kann ich jetzt nicht beurteilen. Aber die symbolische Bedeutung ist schon sehr wichtig. Beide Seiten zeigen ihren eigenen Bevölkerungen, dass sie im Gespräch sind und sie die bilateralen Beziehungen, die von globaler Bedeutung sind.

Als das Dialogforum im Jahr 2009 ins Leben gerufen wurde, hatte US-Präsident Obama gerade seine Präsidentschaft angetreten. Seither haben sich große Veränderungen auf der Welt und im bilateralen Verhältnis beider Länder vollzogen. Was hat die Beziehungen zwischen den USA und China geprägt?

Besonders wenn man auf den Beginn der ersten Amtszeit von Obama schaut, hat Obama bei seinem ersten China-Besuch ein sehr breites Kooperationsangebot gemacht. Aber China ist nicht so sehr darauf eingegangen. Vielleicht hat man das als Zeichen als Schwäche der USA ausgelegt. Auf jeden Fall hat sich seither sehr viel verändert. Die chinesische Seite hat im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer eine Reihe der Konflikten, die in den letzten Jahren deutlich virulenter geworden sind als vor zehn Jahren. Die Beziehungen zu Japan sind sehr schlecht. Die Beziehungen zu Vietnam und den Philippinen sind im Moment auch nicht besonders gut. Es gibt eine Reihe von chinesischen Akademikern und manchmal auch Politikern, die den USA eine Mitverantwortung zusprechen für die schlechten Beziehungen, die China zu seinen Nachbarn hat. Durch die Allianzpolitik der USA und auch dadurch, dass die Amerikaner kleineren Ländern wie den Philippinen den Rücken stärken. Die Chinesen behaupten, deswegen könnten die Konflikte nicht beigelegt werden.

Ist diese chinesische Sichtweise denn berechtigt?

Entscheidend ist, dass viele in China das so sehen. Ich sehe nicht viel Berechtigung dafür. Die USA haben ihre fünf Allianzen in der Region schon sehr lange. Und in den 1990er Jahren waren die Beziehungen zwischen Japan und China nicht besonders schlecht. Auch Anfang dieses Jahrhunderts waren sie nicht sehr schlecht. Insofern stellt sich die Frage, was sich eigentlich verändert hat. Die Position der USA hat sich nicht dramatisch verändert.

Es gibt Äußerungen von US-Politikwissenschaftlern, wonach die Beziehungen zwischen China und den USA im Moment schlechter seien als in den 1970er Jahren. Damals gab es erste Normalisierungsbestrebungen zwischen Mao und Nixon. Schließen Sie sich diesem Urteil an?

Ich denke, die Bilanz fällt gemischt aus. Es hat natürlich viele Krisen und Anlass für Reibungen gegeben. Zum einen hat China unilateral die Luftüberwachungszone im Ostchinesischen Meer ausgerufen. Das hat für Verstimmung gesorgt. Die USA haben dagegen protestiert. Dann gibt es die US-Klage gegen fünf Offiziere der chinesischen Volkbefreiungsarmee wegen Cyber-Spionage. Auch das hat das Verhältnis zwischen den USA und China belastet. Es gibt auch viele Reibungen im ökonomischen Bereich. Man muss trotzdem sagen, dass beide Länder einen sehr intensiven ökonomischen Austausch pflegen. Zum anderen haben sich die militärischen Beziehungen etwas verbessert, seit Xi Jinping persönlich zugesagt hat, diese Beziehung verbessern zu wollen. China beteiligt sich zum Beispiel zum ersten Mal an einem internationalen Marinemanöver unter Führung der USA im Pazifik. Also: Hier gibt es kleine Fortschritte. Insofern würde ich sagen: Das Verhältnis ist derzeit nicht besonders gut. Der geopolitische Wettbewerb ist da. Aber es gibt immer noch die Bereitschaft, nach Feldern der Kooperation zu suchen. China hat seinerseits "das Konzept der Großmacht-Beziehungen neuen Typs" vorgetragen. Diese Idee soll verhindern, dass es zwischen der aufstrebenden Macht und der etablierten Macht zu einem Konflikt kommt, wie es historisch einige Male der Fall war - etwa als Deutschland und Japan aufgestiegen sind.

Deutschland hat, wie der Besuch von Kanzerin Merkel gerade wieder gezeigt hat, große wirtschaftliche Interesen in China. Zugleich ist Deutschland eng mit den USA verbunden. Sollte es zu einem Konflikt kommen, wo sehen Sie die Position der Bundesrepublik?

Deutschland ist in gewisser Weise in der gleichen Position wie viele Länder in der Region, etwa Südostasien. Für sie ist China ein sehr wichtiger Wirtschaftspartner. Das gilt auch für Deutschland. Man will sich gerade nicht entscheiden müssen zwischen den USA und China, sondern positioniert sich neutral. Deutschland hat in der Tat zunächst keine Position in diesen territorialen Konflikten. Aber: Deutschland und die EU haben ein starkes Interesse an der Freiheit der Seewege. Schon aus ökonomischen Interessen heraus, weil der meiste Handel zwischen Asien und Europa eben über Seeweg durch die umstrittene Region abgewickelt wird.

Erst mal muss man sich fragen, wie könnte es zu einer Eskalation kommen? Die USA werden sicher versuchen, mäßigend auf ihre Verbündeten einzuwirken. Das verheerendste aller Szenarien wäre eine militärische Auseinandersetzung zwischen den USA und China. Daran haben aber weder die USA noch China Interesse - auch wenn keine Seite diese Möglichkeit absolut ausschließen kann. Dann ist die Frage, wie sich Europa positioniert. Deutschland wird sicher eine gemeinsame Position mit den anderen Europäern suchen.

Gudrun Wacker ist China-Expertin im Forschungsbereich Asien der Berliner Stiftung Wissenschaft Politik. Das Interview führte Erning Zhu.