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Wirtschaft

Wachstum gleich Lohnerhöhung?

Deutschland hat im ersten Halbjahr einen überraschend starken Aufschwung hingelegt. Das weckt Begehrlichkeiten bei den Gewerkschaften: Ist jetzt ein kräftiger Schluck aus der Lohnpulle gerechtfertigt?

Passanten auf der Düsseldorfer Einkaufsstraße Königsallee (Foto: apn)

Wie kann man die Binnennachfrage nachhaltig stärken?

Prof. Dr. Michael Grömling, Institut der Deutschen Wirtschaft (Bild: IW Köln)

Beschäftigungssicherung immer noch an erster Stelle: Michael Grömling

Der Ifo-Index - das wichtigste deutsche Konjunktur-Baromenter - ist im August überraschend gestiegen, zum dritten Mal in Folge. Die Unternehmen sind in Partylaune. Die deutsche Wirtschaftsleistung ist im zweiten Quartal um 2,2 Prozent gestiegen, und im Gesamtjahr könnten 3,5 Prozent herauskommen - das wäre mehr als das durchschnittliche Wachstum vor der Krise, denn das betrug nur zwei Prozent. Deutschland auf der Überholspur - doch wie geht es weiter? Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft zeigt sich überrascht von der sehr guten Entwicklung im ersten Halbjahr. Aber: "Dieses Tempo aus dem ersten Halbjahr 2010 werden wir in der zweiten Jahreshälfte nicht halten können."

Auch Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, rät dazu, auf dem Teppich zu bleiben: "Das zweite Quartal hat ein Wachstum von 2,2 Prozent gebracht. Die Amerikaner haben die Angewohnheit, so was hochzurechnen auf das Jahr. Wenn wir das tun würden, kämen wir auf ein Wachstum von knapp neun Prozent, das sind chinesische Verhältnisse", und das lasse sich nicht aufrecht erhalten, sagt Kater. Allerdings: "Wir rechnen immer noch mit gesunden Zuwächsen im Bereich von einem halben Prozent in den letzten beiden Quartalen. Das ist für den deutschen Aufschwung und für die Erholung gut."

Auf der Überholspur

Dr. Ulrich Kater Chefvolkswirt der DekaBank (Bild: DekaBank)

Knapp drei Prozent Verteilungsspielraum: Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank

Deutschland bleibt auf der Überholspur, schreibt die DekaBank in einer Analyse. Doch damit auf der Überholspur nicht der Sprit ausgeht, müsse auch die Binnenwirtschaft Fahrt aufnehmen. "In den letzten Jahren haben immer Exporte die deutsche Wirtschaft angestoßen. Die Frage ist, wie viel pflanzt sich dann fort in der Binnennachfrage. Das war in der Vergangenheit recht gering", sagt Kater. In den kommenden Jahren könnte auch die Binnennachfrage gestärkt werden - wenn die Mischung verschiedener Einflussfaktoren stimme.

Erstens müsse die Europäische Zentralbank ihre Zinsen weiter niedrig halten, zweitens müsse die Politik für gute Investitionsbedingungen sorgen, und drittens müsse die flache Lohnkurve angehoben werden, sagt der DekaBank-Chefvolkswirt. Sprich: Die vorhandenen Verteilungsspielräume sollten für Lohnerhöhungen genutzt werden. "Der langfristige Produktivitätszuwachs in Deutschland liegt etwa bei einem Prozent. Die Inflationsrate schätzen wir mittelfristig auf knapp zwei Prozent." Damit ergebe sich ein Verteilungsspielraum von etwa 2,5 bis knapp drei Prozent, sagt Kater.

Notfalls nur Einmalzahlungen

Eine Kundin bezahlt an der Kasse in einem Supermarkt (Foto: apn)

Scheitert der Aufschwung am schwachen Konsum?

Doch weil man nicht weiß, wie es mit der Konjunktur im nächsten Jahr weiter geht, rät er zu Vorsichtsmaßnahmen: "Vielleicht sollte man vorerst keine Tariferhöhung, sondern Einmalzahlungen vereinbaren, die unter der Bedingung stehen, dass der Aufschwung tatsächlich weitergeht. Denn das wäre schon notwendig." Auch Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft sperrt sich nicht grundsätzlich dagegen, vorhandene Verteilungsspielräume auszunutzen. "Man muss allerdings vorsichtig sein, dass Arbeitsplätze, die sich noch im risikonahen Bereich bewegen, nicht im frühen Aufschwung durch ein zu starkes Ausschöpfen des Lohnspielraums kaputt gemacht werden."

Die IG Metall, eine mächtige deutsche Gewerkschaft, will zum Beispiel in der nächsten Tarifrunde in die Vollen gehen. Sie hat angekündigt, sie werde voraussichtlich mit einer Forderung nach Lohnerhöhungen zwischen 4,5 und acht Prozent in die Verhandlungen gehen. Davor kann Michael Grömling nur warnen: "Wir sind auf dem Erholungsweg zurück zu einer Normalisierung. Und da sollte man mit dem großzügigen Abstecken von Verteilungsspielräumen vorsichtig sein. Vor einem Jahr wäre diese Diskussion, die wir jetzt hier führen, unmöglich gewesen. Da stand die Beschäftigungssicherung an vorderster Stelle. Und das sollte auch gegenwärtig Gebot der Stunde sein."

Autor: Rolf Wenkel

Redaktion: Henrik Böhme

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