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Amerika

Wachsende Armut in der Traumfabrik

Glitzer, Stars und roter Teppich: Dafür steht Hollywood. Nicht ins Bild passen da die mehr als 4000 Obdachlosen, die in dem Glamour-Stadtviertel ums Überleben kämpfen. Und es werden immer mehr.

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In Hollywood wächst die Zahl der Obdachlosen

Obdachlos in Hollywood Hollywood Presbyterian Church

Anlaufpunkt für die Armen: die Presbyterian Church

Die First Presbytarian Church von Hollywood steht genau vor dem Hügel mit dem berühmten Hollywood-Zeichen. Nur ein paar Blocks entfernt von dem Theater, in dem jedes Jahr die begehrtesten Preise der Filmindustrie vergeben werden. Jeden Mittwoch öffnet die Kirche die Türen ihres Gemeindesaals für eine Essensausgabe. Zu der kommen seit Jahren regelmäßig mehrere Dutzend Obdachlose. An diesem Tag läuft alles etwas anders als sonst.

Panne bei der Essensausgabe

Pastor Charles Suhayda ist auf das Podium im Gemeinschaftsraum gestiegen. Der ein Meter fünfundneunzig große, grauhaarige Mann strahlt mit seinem freundlichen Lächeln und der sanften Stimme Ruhe aus. Er hat keine gute Nachricht für die rund 70 Männer und Frauen, die vor ihm an mit weißem Papier bedeckten Tischen auf grauen Klappstühlen sitzen. Das Essen, auf das sie warten, wird sich verspäten. Es gab eine Panne im Restaurant, das die Spende versprochen hat. Statt wie sonst jeden Mittwoch um elf, kommt die Lieferung diese Woche um halb eins. Frühestens.

Obdachlos in Hollywood

Essensausgabe mit zwei Stunden Verspätung

Die Kirche spürt die angespannte Finanzlage. Das Essen für die Obdachlosen wird knapp. Seit dem vergangenen Sommer steigt die Zahl der Bedürftigen. Tanya Almor, stellvertretende Managerin der Gemeindehilfe, hat auf ihrer Liste mehr als 700 bedürftige Familien, die jeden Monat um Lebensmittel bitten. "Zwei Tage diese Woche mussten wir die Ausgabe schließen, weil wir nicht genug Essen hatten", berichtet sie und zeigt auf eine typische Ration in einer Papiertüte: ein wenig Reis oder Nudeln, Essen in Dosen und Obst. "Es soll so gesund wie möglich sein. Aber wenn wir Schokolade bekommen, packen wir das auch mit rein."

Zehn Jahre Leben in einem Kleinbus

Direkt neben der Kirche, verläuft die Stadtautobahn. Der Lärm der vorbeirasenden Autos dröhnt über den Hof. An einem Klapptisch vor dem Gemeindesaal sitzt lächelnd eine kleine, kräftige Frau mit kurzen weißen Locken, eine Brille vor der Brust über einer grauen Sweatshirtjacke hängend. Sandy genießt die wärmenden Sonnenstrahlen. Seit mehr als zehn Jahren wohnt sie mit ihrem Labrador Cheryl in einem Kleinbus.

Obdachlos in Hollywood

Sandy mit ihrem Hund Sheryl, im Hintergrund der Kleinbus

1973 kam Sandy aus Montana nach Hollywood. Sie war 16 Jahre alt und auf der Flucht vor ihrer gewalttätigen und drogenabhängigen Mutter. "Ich habe viele illegale Sachen gemacht." gibt sie zu. Sie sei viel ausgenutzt worden, missbraucht und herumgereicht, auch weil sie so jung aussah, Sandy sieht das Positive an der Erfahrung und sagt: "Es hat mir Verstand ins Hirn gebracht, mich stärker gemacht." Ihr Lächeln entblößt schiefe, verfärbte Zähne. Sie hat mit ihrem Kleinbus einen Stammplatz ein paar Blocks entfernt von der Kirche, direkt neben einem Heimwerkermarkt. Das ist praktisch, auch weil sie die Toiletten dort benutzen kann. Die sind ab sechs Uhr morgens geöffnet. Sandy parkt schon so lange neben dem Geschäft, dass die Mitarbeiter sie vermissen, wenn sie länger nicht auftaucht. "Sie passen auf mich auf", erzählt sie. "Ich bin wohl eine gute Nachbarin. Sie haben kein Problem damit, dass ich da bin".

Illusion von Ruhm und Reichtum in Hollywood

Im lichtdurchfluteten Gemeindesaal hat inzwischen ein spontaner Gesangswettbewerb begonnen. Eine zarte grauhaarige Frau im dicken Flanellhemd und ausgeleierten, fleckigen Jeans, ihr graues Haar mit einer Schnur im Nacken zusammengebunden, singt ein leises Halleluja. Darauf folgt ein feingliedriger Herr in perfekt sitzendem braunen Cord-Sakko, der mit schnippenden Fingern eine Mischung aus Rap und Soul vorträgt. Gefolgt von einer kleinen stämmigen Latina in weitem grauen Sweatshirt, die sich die Seele aus dem Leib singt und dabei ihr langes Haar wild durch die Luft wirbelt.

Außenanischt des Kodak Theatre in Hollywood

Anlaufpunkt für die Reichen: das Kodak Theater. Hier werden die Oscars verliehen

Tanya Almor ist froh, dass alle friedlich bleiben und geduldig auf das Essen warten. Sie hat allerdings den Verdacht, dass manche beim Anblick der deutschen Reporterin und ihrem Mikrophon neue Hoffnung schöpfen, entdeckt zu werden. Wenn bei den Oscars ein Star ans Mikrophon tritt und seine schwere Lebensgeschichte erzählt, vielleicht sogar, dass er monatelang im Auto gelebt hat, immer davon überzeugt, dass er es eines Tages schaffen würde, denken Tausende, die das sehen, dass auch sie in Hollywood den großen Durchbruch schaffen und ein Star sein können.

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