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Nahost

Wüstenklöster vom Wandel unberührt

In der ägyptischen Wüste Wadi Al Natrun stehen mehrere Klöster der orthodoxen koptischen Kirche. Die Mönche wissen aber auch ein Jahr nach dem Beginn des Arabischen Frühlings nur wenig über die politischen Ereignisse.

In dem Kloster al Baramus, dem wohl ältesten aller koptischen Klöster, lebt ein junger Mönch, der seinen Namen nicht nennen möchte. Aber über sein Leben gibt er bereitwillig Auskunft: "Ich verlasse das Kloster nur sehr, sehr selten. In zwölf Jahren bin ich ganze drei Mal rausgegangen. Ich habe dieses Leben selbst gewählt. Deshalb empfinde ich es auch nicht als Beeinträchtigung meiner Freiheit."

Offenbar hat das Mönchsleben in der Wüste nichts von seiner Anziehungskraft verloren. In den Klöstern von Wadi al-Natrun leben heute mehrere hundert Mönche in selbst auferlegter Armut und Enthaltsamkeit. "Jeder hat eine andere Motivation", sagt der junge Mönch. "Ich selbst hatte ein sehr komfortables Leben. Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert und hatte eine gute Anstellung. Gott sei Dank habe ich ein erfolgreiches Leben geführt. Trotzdem habe ich mich entschieden, die Welt zu verlassen und in ein Kloster zu gehen. Ich wollte mehr Zeit für das Gebet und für die Kontemplation nutzen."

Die Solidarität lässt nach

Bruder Joaquin segnet Besucher des Klosters Sankt Bischoi (Foto Michael Bouke) Foto: Andreas Boueke, November 2011, Kloster Sankt Bischoi, in der Wüstensenke Wadi al Natrun, Ägypten

Bruder Joaquin segnet Besucher des Wüstenklosters St. Bischoi

Das Leben in den Klöstern ist geprägt von Ritualen und Bräuchen. Die Mönche spüren nur wenig von den umwälzenden Ereignissen, die die ägyptische Gesellschaft erfasst hat. "Wir kümmern uns nicht um Politik", sagt mein Gesprächspartner, "aber immer mal wieder kommen Leute von außerhalb, die uns Nachrichten bringen. Wir haben eine Meinung, so wie jeder andere Mensch auch. Ich glaube, dass die Islamisierung des Landes zunimmt. Es gibt jetzt zwar mehr Freiheiten, aber nicht für Christen. Schließlich sind in Kairo Brandanschläge auf viele Kirchen verübt worden."

Bei den ersten Demonstrationen im Januar 2011 gegen Hosni Mubarak hatten Kopten und Moslems noch Schulter an Schulter protestiert. Sie waren geeint im Widerstand gegen den Despoten. Ihr Kampf war gemeinsam erfolgreich. Doch inzwischen lässt die Solidarität nach. Die politischen und sozialen Umwälzungen haben neue Freiheiten für die Bevölkerung gebracht. Dazu gehört auch die Freiheit, ungestraft religiöse Minderheiten zu diskriminieren. Darunter leiden vor allem die Kopten.

Religionsfreiheit keine Selbsverständlichkeit

epa02730578 Egyptian Coptic Christians hold crosses and shout slogans during a protest in front of the state television building in Cairo, Egypt, 13 May 2011. Thousands of Egyptians gathered on 13 May in central Cairo to take part in a Unity Rally, following clashes between Muslims and Christian that left 13 people dead earlier this week. Major political groups have called on Egyptians to participate in a million-strong rally in a show of unity and solidarity, and have demanded the prosecution of those instigating religious violence. The violence between ultraconservative Muslim Salafists, Coptic Christians and others first erupted when Islamists marched to a church in Imbaba, where they believed that a young woman was being held hostage, possibly in an effort to get her to revoke a conversion to Islam. The military council blamed remnants of Mubarak's regime for inciting the unrest in a bid to cause chaos in the country. EPA/MOHAMED OMAR +++(c) dpa - Bildfunk+++

Koptische Christen in Ägypten

Im Laufe der vergangenen Monate sind in ganz Ägypten mehrere Kirchen in Brand gesetzt und Dutzende ihrer Glaubensbrüder ermordet worden. Zu solchen Gewaltausbrüchen kommt es besonders dann, wenn Christen gegen die latente Einschränkung ihrer Religionsfreiheit protestieren. Diese Diskriminierung hat Tradition in Ägypten. Selbst der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar al-Sadat galt als Gegner der Religionsfreiheit für Christen. Im Jahr 1981 verbannte er den koptischen Papst in das Kloster Sankt Bischoi. Erst vier Jahre später wurde das Oberhaupt der orthodoxen Kopten von Sadats Nachfolger Mubarak wieder freigelassen. 

Sankt Bischoi ist die zweite Residenz des koptischen Papstes Shenuda. Auch 120 Mönche leben in dem Kloster. Einer von ihnen ist Bruder Joaquin. Er sitzt auf einem Bett aus Holzplanken in einem kargen Raum, der nicht größer ist als fünf Quadratmeter. Hier erinnert nichts an die blutigen Konflikte, die auf den Straßen Ägyptens ausgefochten werden. "Dies ist eine Mönchszelle mit zwei Zimmern aus dem neunten Jahrhundert", erklärt Bruder Joaquin. "Dieser Raum ist für die Andacht, das Gebet, die Lektüre und auch zum Schlafen. In dem anderen Raum kann der Mönch Gäste empfangen oder andere Mönche, die ihn als Freunde besuchen."

Während sich die Menschen in Ägypten auf grundlegende Veränderungen einstellen müssen, bleibt das Leben der Mönche in den Klöstern weitgehend gleich. "Das System für uns ist jeden Tag dasselbe", sagt Bruder Joaquin. "Wir beten für die Menschen, die draußen leben. Außerdem haben wir eine spirituelle Pflicht, für den Frieden zu beten." Und mit beschwörender Mine fügt er hinzu: "Hier bei uns ist die Sicherheitslage sehr gut. Gott steht uns bei."

Priester in Kairos Altstadt

Gottesdienst in al Muallaga, der wohl ältesten koptischen Kirche Kairos (Foto: Andreas Boueke) Foto: Andreas Boueke, November 2011, Kairo, Ägypten

Gottesdienst in al Muallaga

In der Kirche der Heiligen Barbara im alten Zentrum Kairos endet gerade ein Gottesdienst. Der Priester Sarabamoni Zaki ist in sein luxuriös ausgestattetes Büro gegangen. Anders als seine Glaubensgenossen in den Wüstenklöstern  interessiert er sich sehr für die politischen Ereignisse in Ägypten. Zaki sagt, die Situation der Kopten habe sich durch die Revolution spürbar verändert: "Seit dem 25. Januar 2011 haben einige Christen Angst. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Uns ist sehr bewusst, dass es eine Veränderung in der Beziehung zwischen Christen und Moslems gibt." Der muslimische Teil der Gesellschaft bemühe sich heftig um die Macht. "So etwas haben wir in den vergangenen dreißig Jahren noch nicht erlebt", analysiert Zaki die Situation.

Die meisten koptischen Würdenträger empfinden nach eigenem Bekunden noch immer Genugtuung darüber, dass es der Bevölkerung gelungen ist, Mubarak zu stürzen. Aber sie glauben auch gewisse Vorzüge des alten Regimes zu erkennen. Sarabmoni Zaki formuliert es so: "Ich würde nicht sagen, er war gut oder er war schlecht. Aber es gab nicht diese Unsicherheit, unter der wir jetzt leiden."

Der Priester macht sich Sorgen um die Zukunft der Kopten in Ägypten. Trotzdem sieht er keinen Grund, sich zu verstecken: "Den jungen Leuten sage ich: 'Haltet durch. Seid stark. Ihr müsst euch unter die Moslems mischen und mit ihnen zusammen leben. Habt keine Angst. Macht sie zu euren Freunden und erklärt ihnen eure Sorgen. Werdet nie wütend oder nervös. Seid respektvoll und sprecht friedlich.'" Der fromme Wunsch eines frommen Mannes.

Autor: Andreas Boueke
Redaktion: Daniel Scheschkewitz