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Wirtschaft

Würgt Griechenland das Jobwunder ab?

Die Arbeitsorganisation der UN warnt vor dramatischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone. Angeblich würden die Arbeitslosenzahlen rapide steigen - auch in Deutschland. Doch ist dem wirklich so?

Auch nach Ende der parlamentarischen Sommerpause bestimmt die ungelöste Eurokrise weiter die Schlagzeilen der Presselandschaft und die politische Agenda. Noch konnte man bisher von Deutschland aus die Probleme in Griechenland, Spanien und Portugal mit der nötigen Distanz betrachten. Folgen der europäischen Schuldenkrise spürte man in Deutschland bislang kaum. Manche sprechen gar von einer "Insel der Glückseligen". Der deutsche Export brummt, die Arbeitslosenzahlen sind niedrig wie lange nicht mehr und der Finanzminister kann überraschend mehr Steuereinnahmen verzeichnen.

Ekkehard Ernst, Arbeitsmarktexperte bei der ILO (Foto: ILO)

Ekkehard Ernst sieht Deutschlands Arbeitsmarkt in Gefahr

Nun trüben düstere Vorhersagen der ILO, der Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen, das schöne Bild. Sie hat ein Szenario durchgespielt, welche Auswirkungen ein möglicher Austritt Griechenlands aus der Eurozone auf Deutschland hätte. Nach Einschätzung von Ekkehard Ernst, Chef der Prognoseabteilung der ILO, könnte in Deutschland die Arbeitslosenquote von derzeit 6,8 auf neun Prozent im Jahr 2014 steigen und auch Jahre lang auf diesem Niveau bleiben, sollte Griechenland tatsächlich zur Drachme zurückkehren. Doch im Gespräch mit der Deutschen Welle geht Ernst noch weiter. "Selbst wenn es nicht zu einem Austritt Griechenlands kommen würde und wir einfach so weiter machen, dann würden die Arbeitslosenzahlen in Deutschland auf acht Prozent steigen." Als Begründung gibt er die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation an.

"Demographischer Wandel ist nicht berücksichtigt"

Andreas Sachs, Markoökonom am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, hält dieses Szenario jedoch für arg pessimistisch. "Generell halte ich Punktprognosen für so einen langen Zeitraum für ein bisschen schwierig. Der demographische Wandel, der in Deutschland erhebliche Auswirkungen hat und auch noch haben wird, muss da definitiv miteinbezogen werden", sagt Sachs im DW-Interview.

Andreas Sachs, Makroökonom am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) (Foto: ZEW)

Andreas Sachs: "Exakte Prognosen kann es nicht geben"

Auch aus den Reihen der liberalen Regierungspartei FDP wurde Kritik an der Studie laut. Er bezweifle, dass die ILO mehr über eventuelle Ansteckungseffekte wisse als alle anderen, sagte Fraktionsvize Florian Toncar. Aus seiner Sicht sei sehr unsicher, was nach einem "Grexit" - also einem möglichen Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion - passieren würde. "Das lässt sich seriös nicht auf die Nachkommastelle vorausberechnen." Und auch der Prognosechef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Enzo Weber, meinte: "Ökonomisch wäre es für Europa keine Katastrophe. Griechenland an sich würde keinen dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit verursachen."

Griechenland ist auf dem Niveau von Hessen

Die wirtschaftliche Bedeutung Griechenlands für Deutschland und die Eurozone wird von Fachleuten immer wieder für relativ unbedeutend erklärt. Denn das griechische Bruttoinlandsprodukt liegt ungefähr auf dem Niveau des deutschen Bundeslands Hessen. Würde das reichen, um den bisher so robusten deutschen Arbeitsmarkt ins Wanken zu bringen? "Das Problem wäre der große Vertrauensverlust, der in den europäischen Regierungen Einzug halten würde und das führt dann direkt zu einem Anstieg der Realzinsen in Deutschland", meint Ernst.

Arbeitslose in Portugal (Foto: Getty)

Gerade in den südeuropäischen Ländern ist die Arbeitslosigkeit ein großes Problem

In diesem Punkt stimmt Andreas Sachs den Prognosen der ILO zu. "Ein Austritt Griechenlands würde mit einer erheblichen Unsicherheit an den Finanzmärkten einhergehen." Denn nach einem solchen Szenario würde wieder die Frage aktuell werden, ob Italien oder Portugal ebenfalls austreten könnten. "Das heißt, dass die Platzierung von Staatsanleihen dieser Staaten wieder schwieriger werden würde, was Sparmaßnahmen in diesen Ländern nach sich ziehen würde und damit sicher auch die Wirtschaft abwürgt", sagt Sachs.

Eine Prognose, was genau passieren würde, sollte die Eurozone komplett zerbrechen, möchte Sachs nicht abgeben. "Es würde wirtschaftliche Konsequenzen haben, auch für den Arbeitsmarkt, gerade auch weil Deutschland eine Exportnation ist." Sollte es wirklich so weit kommen und die nationalen Staaten wieder zu ihrer eigenen Währung zurückkehren, prophezeit Ekkehard Ernst von der ILO ein Deflationsszenario. "Die D-Mark würde aufwerten, wir würden unsere Exportgüter nicht los und hätten einen Überschuss an Waren. Die Preise würden also fallen und die Leute kein Geld mehr ausgeben."

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