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Wissen & Umwelt

Wörner: "Ich kann und will etwas bewirken"

Ab 1. Juli ist Johann-Dietrich Wörner Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur ESA. Für sein neues Amt hat er sich etwas vorgenommen. Was genau, erzählt er im DW-Interview.

DW: Welche Impulse möchten Sie als neuer Direktor der ESA setzen?

Johann-Dietrich Wörner: Die ESA hat im Moment 22 Mitgliedsstaaten plus Kanada. Das ist eine sehr heterogene Ausgangssituation. Ich habe gleich am Anfang informelle Gespräche mit den ganzen Ländern geführt und habe gefragt: Was erwartet ihr eigentlich von der ESA? Das ist ein wesentlicher Ausgangspunkt für die zukünftige Arbeit. Sie haben nämlich gesagt, sie wollten die europäische Raumfahrt gestalten. Das ist prima. Sie haben gesagt, sie wollten gemeinsam große Projekte durchsetzen. Das ist für mich inhaltlich gut. Aber sie haben nur mit geringer Priorität den europäischen Geist genannt. Und ich glaube, da kann und will ich etwas bewirken. Ich glaube, Europa braucht im Moment mehr als in der Vergangenheit Kräfte, die es zusammenhalten. Das sehen wir an allen Ecken und Enden. In der Raumfahrt haben wir die Möglichkeit, schon ein Stück weit vereinigtes Europa zu spielen.

Haben Sie schon erste Ziele, erste Themen, die sie angehen möchten?

Es gibt Themen, die gesetzt sind - wie die Internationale Raumstation, wie die Fragen der Marsmission Exomars, oder der neuen Ariane 6. Ich glaube aber, dass wir auch miteinander im Gespräch festlegen müssen, was wir zum Beispiel nach der Internationalen Raumstation machen. Da brauchen wir visionäre Projekte. Ich habe als erste Idee eine Mission ins Spiel gebracht, auf der Rückseite des Mondes eine permanente Station aufzubauen, die man sowohl robotisch als auch astronautisch nutzen könnte. Das sollte dann allerdings keine reine ESA-Mission sein, sondern eine wirklich globale Aktivität, bei der wir allen Raumfahrt-Ländern dieser Erde den Zugang ermöglichen sollten. Ich glaube, so ein Projekt hilft uns in der Zukunft, die Raumfahrt noch mehr als eine Chance zu nutzen, um Brücken über irdische Probleme hinweg zu realisieren.

Gibt es schon einen Zeitrahmen für diese permanente Mondstation?

Wir brauchen dafür viele, viele Jahre Vorlauf, und wir müssen erst einmal sehen, ob die anderen ESA-Mitgliedsstaaten und auch die internationalen Partner das für eine vernünftige Sache halten. Das Thema Mondstation ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder mal besprochen worden, von den Amerikanern, von den Russen. Jetzt ist - in Anbetracht des Vorlaufs - der Zeitpunkt, darüber zu sprechen. Die ISS fliegt noch bis mindestens Mitte des nächsten Jahrzehnts und diese Zeit sollten wir nutzen, um ein gemeinsames, neues Projekt auf den Weg zu bringen. Die Mondstation könnte so ein Projekt sein.

Wo steht Europa im internationalen Vergleich?

Im Kalten Krieg ging es im Wettlauf im All sehr stark um nationale Interessen. Das haben wir zum Glück überwunden. Heute sind wir in einer neuen, komplett veränderten Phase der Raumfahrt. Internationale Kooperation ist ein wichtiger Wert. Hier spielt Europa eine große Rolle, weil wir wichtige Projekte voranbringen. Wir sind mit Rosetta zu einem Kometen geflogen, mit Philae, einem aus Deutschland geführten Lander unter Beteiligung von Italien und Frankreich auf diesem Kometen gelandet. Deutschland und Europa haben sich mittlerweile eine Position erarbeitet, die in der Welt zu Anerkennung führt. Das sollten wir nutzen - nicht, um uns auf die Schultern zu klopfen, sondern um globale Raumfahrtprojekte voranzutreiben.

Es geht die Angst um, dass Russland in Anbetracht der politischen Differenzen abspringen könnte. Wie sehen Sie die künftige Zusammenarbeit?

Ich sehe ganz stark die Notwendigkeit, dass Raumfahrt für die internationale Zusammenarbeit genutzt wird. Das betrifft nicht nur Russland, sondern alle Länder dieser Erde. Wir haben in der Vergangenheit, auch im Kalten Krieg, gesehen, dass eine internationale Kooperation in der Raumfahrt und auch allgemein in der Wissenschaft möglich war. Ich plädiere ausdrücklich dafür, nicht über irgendwelche Boykotterklärungen die Raumfahrt infrage zu stellen. Raumfahrt sollte, wie die allgemeine Wissenschaft, in Krisenzeiten das verbindende Element sein. Wir alle sollten davon ausgehen, dass wir die Krise überwinden können. Wir tun gut daran, wenn wir in einer Krise schon die Nachkrisenzeit vorbereiten. Deshalb hoffe ich - und dafür spricht alles - dass wir das hinbekommen.

Gehört das Verhältnis zu Russland zu Ihren Aufgaben bei der ESA?

In der ESA wissen wir, was internationale Arbeit bedeutet. Deshalb ist sie ein idealer Broker oder Vermittler zwischen den verschiedenen Lagern im Osten und im Westen. Schon heute hat die ESA gute Kooperationen mit Russland und gleichzeitig exzellente Beziehungen zu den USA. So kann die ESA dort einer wichtigen Aufgabe gerecht werden.

Prof. Dr.-Ing. Johann-Dietrich Wörner war seit dem 1. März 2007 Vorsitzender des Vorstands des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Am 1. Juli 2015 tritt er sein neues Amt als Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur ESA an.

Das Interview führte Judith Hartl

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