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Asien

Wäre das Fährunglück vermeidbar gewesen?

Einen Tag nach dem Untergang einer Fähre vor der Küste Südkoreas geht die Suche nach den Vermissten weiter. Genau wie die nach den Verantwortlichen. Südkoreas Presse fragt: Wer war schuld?

Die Hoffnung schwindet. Mehr als 24 Stunden liegt der Untergang der südkoreanischen Fähre "Sewol" mittlerweile zurück. Noch immer werden rund 300 der fast 500 Personen an Bord vermisst. Die Chancen, sie noch lebend zu bergen, tendieren gen Null.

Südkorea steht unter Schock: Die Tragödie vom Mittwochmorgen (Ortszeit) ist das schlimmste Schiffsunglück in dem ostasiatischen Land seit mehr als 20 Jahren. Bei einem Fährunglück 1993 waren 292 Menschen ums Leben gekommen - das Schiff war überladen gewesen. Anders die "Sewol". Sie hätte theoretisch Kapazitäten für mehr als 900 Passagiere gehabt, war zum Unglückszeitpunkt also nur gut halb ausgebucht.

Letzte Lebenszeichen - per Handy

Drei Angehörige stehen mit dem Rücken zum Fotografen auf einem Schiff und blicken aufs Meer (Foto: REUTERS/Issei Kato)

Für die Angehörigen der Vermissten geht das nervenzerreißende Warten weiter - doch Hoffnung gibt es wohl nicht mehr

Natürlich ist die andauernde Katastrophe das beherrschende Thema in den südkoreanischen Medien. Herzzerreißende Bilder gehen seit gestern um die Welt: Eltern, die auf Listen nach den Namen ihrer Kinder suchen, in der Hoffnung, sie unter den Überlebenden zu finden. Schnell werden über das Internet auch SMS-Botschaften veröffentlicht, geschickt von Jugendlichen, die sich auf dem Schiff befanden und sich verzweifelt an ihre Angehörigen wandten. "Mama, ich schreibe Dir das hier, weil ich nicht weiß, ob ich es später noch kann. Ich liebe Dich", schreibt ein Junge an seine Mutter. Und ein Mädchen textet an seinen Vater: "Papa, ich kann nicht raus. Das Schiff ist zu sehr in Schräglage".

Eingeschlossen im Untergeschoss der Fähre. Für viele der mehrheitlich jugendlichen Passagiere, die eigentlich auf einem Schulausflug auf die Ferieninsel Cheju waren, wurde der Bauch des Schiffes vermutlich zur Todesfalle, aus der es kein Entkommen mehr gab. Aber: Warum waren überhaupt so viele Menschen unter Deck? Offenbar, so schildern Überlebende, gab es von Seiten der Besatzung die Anweisung, sich ruhig zu verhalten - anstatt die Order zur Evakuierung zu geben. "Es gab eine Lautsprecher-Durchsage: 'Bleibt, wo ihr seid', hieß es da", erinnert sich ein 57-jähriger Mann gegenüber der südkoreanischen Nachrichtenagentur "Yonhap". Er selbst hielt sich nicht daran. "Das konnte ich einfach nicht. Ich sah, wie das Wasser stieg, habe mir schnell eine Rettungsweste angezogen und bin nach draußen gegangen." Diese Entscheidung rettete ihm das Leben.

Ein zusammengekauerter Mann und ein Mädchen vor einer Liste mit Namen von Überlebenden (Foto: REUTERS/Yonhap)

Tränen der Freude: Ein Vater bricht zusammen, nachdem er erfahren hat, dass sein Sohn unter den Überlebenden ist

Anklagende Fragen in der Presse

Das Vorgehen der Crew wird auch in der südkoreanischen Presse kritisiert. So schreibt die Tageszeitung

"Chosun Ilbo"

in aller Deutlichkeit: "Das Unglück hätte verhindert werden können". Und weiter heißt es: "Besonders beunruhigend sind die Berichte über die Vorgaben der Besatzung. Diejenigen Passagiere, die keine Zeit verloren und dennoch ihre Rettungswesten überzogen, überlebten. Auch viele Crew-Mitglieder und der Kapitän konnten sich retten."

Überhaupt gibt es noch offene Fragen um die Personalie des Kapitäns. Wie die

"Korea Times"

und die "Chosun Ilbo" übereinstimmend berichten, wurde das Schiff von einem Ersatz-Kapitän gesteuert, da der übliche Kapitän im Urlaub war. Und: Es gibt den Verdacht, dass der Kapitän das Schiff vom vorgesehenen Kurs weglenkte und eine – riskantere – alternative Route durch flaches, von Inseln durchzogenes Gewässer einschlug. Möglicherweise, um nach dem verspäteten Start in Incheon doch noch pünktlich auf der Insel Cheju anzukommen. Das Schiff hätte eigentlich am Vorabend um 18:30 Uhr auslaufen sollen, tatsächlich aber verzögerte sich die Abfahrt um zweieinhalb Stunden. Der Kapitän selbst, Lee Joon Seok, sagte der Zeitung "Dong A Ilbo", die Fähre sei "plötzlich gesunken" und er wisse nicht, weshalb. Er habe keinen Felsen gerammt.

Zu scharfe Wendung Grund für die Katastrophe?

Ein Hubschrauber rettet einen Überlebenden von Bord der Sewol (Foto: REUTERS/West Regional Headquarters Korea Coast Guard/News1)

Knapp 180 Passagiere und Besatzungs-Mitglieder konnten mit Hubschraubern und Booten gerettet werden

Choi He Suk schreibt im

"Korea Herald"

, dass eine zu scharfe Wendung Auslöser der Katastrophe gewesen sein könnte. Nach Berichten überlebender Crew-Mitglieder machte die "Sewol" eine harte Kehre. Dadurch - so eine Vermutung von Seiten der südkoreanischen Küstenwache - könnten sich Teile der Fracht gelöst und das Schiff in Schieflage gebracht haben.

Unterdessen ist die offizielle Zahl der Toten auf mindestens neun gestiegen, teilte die Küstenwache weiter mit. Mit Fluchtlicht und trotz schlechter Sicht hatten Boote die ganze Nacht über das Meer nach weiteren Überlebenden abgesucht. Ohne Erfolg.

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