VW-Führungswechsel ″amateurhaft″ | Wirtschaft | DW | 11.04.2018
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Interview

VW-Führungswechsel "amateurhaft"

Der Wechsel an der Spitze des Volkswagen-Konzerns wirkt alles andere als professionell vorbereitet, kritisiert Automobilbranchen-Experte Ferdinand Dudenhöffer im Interview mit der Deutschen Welle.

Deutsche Welle: Kommt der Führungswechsel beim VW-Konzern für Sie überraschend?

Ferdinand Dudenhöffer: Sehr überraschend! Denn wenn man sich das Bild anschaut, das Herr Müller bisher abgegeben hat bei der Bewältigung der Dieselkrise und der Neuausrichtung des Konzerns, auch bei der Einführung einer neuen VW-Unternehmenskultur - früher war das ja eher Nordkorea in Niedersachsen - dann ist das ein sehr überraschendes Zeichen, dass durch eine sehr merkwürdige Ad hoc-Mitteilung Matthias Müller jetzt 'abgeschossen' zu sein scheint.

Was ist das Besondere an dieser Vorgehensweise von Volkswagen?

Diese Vorgehensweise wirkt äußerst amateurhaft und merkwürdig und seltsam. Kein Unternehmen der Welt teilt mit, dass es einen Managementwechsel plant, sondern man teilt mit, wenn der Managementwechsel stattgefunden hat. Jetzt seine Aktionäre, Mitarbeiter und die Öffentlichkeit zu informieren, dass in den nächsten Tagen darüber nachgedacht wird, wer dann morgen Vorstandsvorsitzender oder andere Vorstandsposten übernehmen wird, ist sehr merkwürdig, ist amateurhaft, erhöht die Unsicherheit für den Konzern. Das sollte man wirklich nicht machen und das macht außer VW scheinbar kein Mensch. Der Aufsichtsrat von VW hinterlässt ein äußerst seltsames Bild.

Deutschland Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer (picture alliance/dpa/B. Thissen)

Ferdinand Dudenhöffer

Welchen Reim machen Sie sich auf die Personalie?

Man kann sich nur den Reim darauf machen, dass entweder eine große Zerstrittenheit im Aufsichtsrat herrscht, meinetwegen zwischen Bernd Osterloh und den Familien Porsche und Piëch oder dass die Porsches und Piëchs sehr seltsam agiert haben, weil man sich nicht noch einmal vorwerfen lassen wollte, die Aktionäre zu spät informiert zu haben. So wie es damals beim früheren Finanzchef Pötsch der Fall war, als Dieselgate kam. Es wirkt so, als sei der Aufsichtsrat verzweifelt gewesen. Es scheint eine Verzweiflungstat gewesen zu sein, als man diese Ad hoc-Mitteilung aufs Fax gelegt hat.

Wofür steht Herbert Diess? Hat er als Österreicher vielleicht besonders gute Karten bei den - ebenfalls österreichischen - Eigentümer-Familien Piëch und Porsche?

Herbert Diess (Artikelbild) hat einen sehr guten Job gemacht bei VW, das muss man ganz klar sagen. VW hat schon immer bei seiner Kernmarke große Probleme mit seiner Effizienz, mit seiner Profitabilität gehabt. Diess hat da viel erreicht, auch im Konflikt mit dem Betriebsratschef Bernd Osterloh, dem echt starken Mann bei VW, der auch im Aufsichtsrat sitzt. Diess hat außerdem eine große Initiative mit SUVs angeschoben, hat den amerikanischen Markt wieder in den Fokus genommen, so dass es dort langsam Stück für Stück nach oben geht. Und er hat beim Konzern und - ganz wichtig - bei der Marke VW auf Elektromobilität gesetzt.

Da stellt sich natürlich die Frage: Wenn Diess den Konzern leiten soll, was passiert dann mit der wichtigen Marke VW, der wichtigsten Marke im Konzern? Da wird eine große Lücke aufklaffen. Und ich weiß nicht, ob man sich über diese Lücke Gedanken gemacht hat. Denn, wenn er den Konzern leitet, kann die Marke VW nicht mehr von Diess hundertprozentig gesteuert werden. Denn es ist nach meiner Einschätzung nicht möglich, einen Konzern wie den Volkswagen-Konzern und eine Marke, die viel Hinwendung und Management-Zeit braucht, gleichzeitig zu steuern.

500 Millionen Euro mehr Gewinn für Porsche?

An den Finanzmärkten lag die VW-Aktie im Wochenverlauf deutlich im Plus. An den Finanzmärkten wird jetzt wieder darüber spekuliert, dass die LKW-Sparte schon bald an die Börse gebracht werden könnte. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Ich denke, dass die Lkw-Sparte an die Börse geht. Das ist nach meiner Einschätzung beschlossene Sache, das ist richtig und sinnvoll. Aber die Börsenkurse können sicherlich auch davon beeinflusst worden sein, dass man vom chinesischen Staatspräsidenten in seiner Rede auf dem asiatischen Wirtschaftsforum in Boao in Südchina gehört hat, dass er die Einfuhrzölle für Fahrzeug-Importe reduzieren will.

Für Porsche würde das bedeuten, - wenn die Einfuhrzölle etwa um zehn Prozent reduziert werden würden, von 25 auf 15 oder sogar auf zehn Prozent - dass man pro Jahr zusätzliche Gewinne von mehr als 500 Millionen Euro machen würde. Allein durch niedrigere Zölle. Ähnliches - nicht ganz so groß im Ausmaß - würde für Audi gelten oder für BMW.  Es wäre ein Geldregen, der auf die deutschen Autobauer herunterprasselt, wenn es wirklich so käme wie es angekündigt worden ist. Und viele Aktionäre spekulieren nach meiner Einschätzung auf diese Zusatzgewinne, die durch eine Zollsenkung in China zustande kommen können. Aber wir wissen nicht genau, was die Ursachen für die bessere Bewertung der VW-Aktie sind. Ob es tatsächlich der laienhaft mitgeteilte Managementwechsel sein soll, ob es die Lkw-Sparte sein soll, ob es die China-Zölle sein sollen oder irgendwelche anderen Argumente, die noch gehandelt werden.

VW-Aufsichtsratssitzung zu Investitionsplanung (picture-alliance/dpa/P. Steffen)

Mächtiger Gewerkschaftsvertreter: Betriebsratschef und VW-Aufsichtsratsmitglied Bernd Osterloh (Mitte)

Wenn wir auf den scheidenden Vorstandschef Müller blicken. Er kam von Porsche und es gibt aus dieser Zeit eine laufende Untersuchung gegen ihn. Kann es sein, dass er vielleicht aus der Schusslinie an der VW-Konzernspitze genommen werden soll?

Auch das kann man sich vorstellen, dass Dieselgate immer noch nicht abgeschlossen ist und dass deshalb Belastungen kommen,  die erheblich sind, die vielleicht nicht tragbar wären für einen Vorstandsvorsitzenden. Aber selbst wenn solche Belastungen kämen, hätte man direkt reinen Tisch gemacht und hätte klare Ankündigungen gemacht und nicht so merkwürdige Ad hoc-Mitteilungen, dass man überlegt, einen Managementwechsel zu machen. Das ist nicht einmal mit den Dieselgate Problemen erklärbar. 

Was ist jetzt das Wichtigste, was der neue Konzernchef Herbert Diess für Volkswagen umsetzen muss?

Ich glaube, Diess muss auf dem Kurs von Müller weiterfahren. Müller wurde ja deshalb von vielen sehr geschätzt, weil er oft Meinungen vertreten hat, die einiges in Frage gestellt haben. Zum Beispiel bei der Diesel-Besteuerung. Ich halte es für sehr gut, wenn Unternehmensstrategen wie Vorstandsvorsitzende auch 'quer denken'. Es wäre wichtig, dass Diess diese Richtung fortsetzt. Diess weiß, wie man den Konzern führt. Es wäre wichtig, dass dieses demokratische Kulturverständnis, das bei VW unter Matthias Müller eingezogen ist, dass die neue VW-Kultur weitergelebt und weiter ausgebaut wird. Und es wäre natürlich wichtig, einen richtig starken Statthalter für die Marke VW zu gewinnen. Denn die Marke VW leidet unter einem enorm starken, zu starken Betriebsratsvorsitzenden Osterloh.

Prof. Ferdinand Dudenhöffer leitet das Center of Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen. 

 

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