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Wirtschaft

VW-Dieselgate: Schrecken ohne Ende

Seit einem halben Jahr schwelt der Abgasskandal bei VW, und ein Ende ist nicht in Sicht. Zwar verspricht der Konzern Besserung und vor allem lückenlose Aufklärung, doch wirkliche Fortschritte sind nicht zu erkennen.

Bis vor einem halben Jahr war Martin Winterkorn als VW-Vorstandsvorsitzender noch einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse in Deutschland. Im April erst hatte ihm der VW-Aufsichtsratsvorsitzende und Konzern-Patriarch Ferdinand Piëch öffentlich das Vertrauen entzogen - Winterkorn wehrte sich und am Ende eines mit harten Bandagen ausgefochtenen Machtkampfes war es Piëch, der zurücktreten musste. Winterkorn hatte auf ganzer Linie gewonnen.

Doch am 18. September 2015 fiel dem gerade allmächtig gewordenen VW-Chef eine Praxis auf die Füße, mit der der Konzern über Jahre hinweg Aufsichtsbehörden und Regierungen, Autofahrer und Steuerzahler auf der ganzen Welt betrogen hatte: Die US-Umweltbehörde EPA machte ein bei VW-Diesel-Fahrzeugen verwendetes "defeat device" öffentlich. Jene Software also, mit deren Hilfe VW über Jahre hinweg die wahren Emissionen seiner Dieselmotoren verschleiert hatte. Fünf Tage später trat Winterkorn vom Vorstandsvorsitz bei VW zurück.

Klagen über Klagen

Auf der ganzen Welt verlangen seither die Käufer von Diesel-Autos verschiedener VW-Marken Schadensersatz. In Ländern wie den USA, wo es die Möglichkeit zu Sammelklagen gibt, drängen sich Anwaltskanzleien darum, tatsächliche oder vermeintliche Opfer des Betruges vor Gericht zu vertreten. Europäische Kunden wollen ihre Verfahren vor einem niederländischen Gericht bündeln lassen, in Deutschland wird ein sogenanntes Musterverfahren angestrebt.

Deutschland Volkswagen Porsche Martin Winterkorn

Gerade noch mächtiger Wirtschaftsboss, nun gestolpert und zurückgetreten: Martin Winterkorn

Gleichzeitig verklagt das US-Justizministerium den Konzern wegen des Abgasbetruges und wegen mutmaßlicher Täuschungsversuche bei der Aufklärung - Streitwert laut Klageschrift: 45 Milliarden US-Dollar. Medienberichten zufolge ermitteln die US-Behörden inzwischen auch wegen des Verdachts auf Bankbetrug und wegen mutmaßlicher Verstöße gegen Steuergesetze.

Auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt in diese Richtung, fünf Beschuldigte stehen unter dem Verdacht der Steuerhinterziehung. Insgesamt 17 Personen sind wegen Betruges und unlauterer Wettbewerbsmethoden in den Fokus der niedersächsischen Ermittler geraten.

Viele Anleger, die ihr Geld in VW-Aktien investiert haben, erwägen ebenfalls Klagen gegen VW. Der Konzern habe seine Informationspflicht verletzt, drohende Kursabschläge verheimlichen wollen. Seit dem Ausbruch des Abgasskandals ist die VW-Aktie abgestürzt - sollten die Kläger Erfolg haben und der Konzern diese Verluste ersetzen müssen, könnte das VW ganz empfindlich treffen.

Bildergalerie weltweite VW-Standorte Wolfsburg

Wolfsburg in der Mitte Niedersachsens: Eine riesige Fabrik und eine ganze Stadt nur für einen Konzern: Volkswagen

Und da könnte noch mehr kommen …

Geprellte Kunden, geschröpfte Steuerzahler, düpierte Behörden, betrogene Regierungen - bei VW hat man es sich in den vergangenen Monaten mit vielen verscherzt. Und für Frank Schwope, Analyst und Automobil-Experte bei der Nord-LB, ist noch längst nicht ausgemacht, dass zu diesen Gegnern nicht noch weitere hinzukommen. Denn es sei, sagt er im Gespräch mit der DW, "wahrscheinlich noch nicht alles bekannt."

Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu: "Es kommt ja eigentlich jede Woche eine neue Kanzlei mit irgendwelchen Forderungen in irgendeinem Land. Es gibt rund 200 Länder in der Welt, in denen meisten werden VWs gefahren - theoretisch ist in jedem Land so was möglich."

Die kardinale Frage

Über allen Verfahren schwebt auch nach sechs Monaten noch die immer gleiche unbeantwortete Frage: Wer hat bei VW wann was gewusst? Hat der Vorstand nicht wenigstens etwas geahnt, oder zumindest ahnen müssen? Oder sollte Martin Winterkorn vielleicht recht behalten, als er im September davon sprach, bei "Dieselgate" handele es sich um "schlimme Fehler einiger weniger"?

Deutschland Volkswagen Matthias Müller

Als Porsche-Chef noch Teil des Problems, nun der oberste Aufklärer? Der neue VW-Chef Matthias Müller

Frank Schwope wundert sich nicht, dass die Aufklärung so langsam und schleppend verläuft. Bei "einem Riesen-Konzern mit 600.000 Mitarbeitern weiß man ja wirklich erst nicht, was wann wo passiert ist." Schneller verliefe die Aufklärung, wenn "die ganz hohe Ebene eingeweiht" gewesen wäre. Doch davon , so Schwope, könne "man momentan nicht ausgehen. Die müssen sich ja selbst erst mal einen Überblick verschaffen - und da ist jetzt das Chaos ausgebrochen."

In Wolfsburg zählt man schon die Milliarden

Wenn allein der Streitwert der Klage des US-Justizministeriums 45 Milliarden beträgt, und man dann die vielen anderen Prozesse hinzurechnet, müssten in Wolfsburg bald die Lichter ausgehen - denn einen solchen Aderlass könnte auch Europas größter Autobauer nicht so einfach wegstecken. Doch erfahrungsgemäß vergleichen sich die Kontrahenten bei solchen Rechtsstreitigkeiten in den USA bei deutlich geringeren Summen.

Das sieht auch Frank Schwope so. Doch die persönliche Schätzung des Bank-Analysten kann den Wolfsburger Autobauern auch nicht angenehm in den Ohren klingen: "Ich würde von einem Betrag von 20 bis 30 Milliarden ausgehen." Allerdings sollte VW tendenziell eher mit dem Schlimmsten rechnen. Schwope ist sicher, dass Bußgelder und Strafzahlungen eher strenger ausgelegt werden, als dass Nachsicht mit den Niedersachsen geübt würde. Er geht eher von einem "Überschreiten als von einem Unterschreiten dieser Summe" aus: "Die Strafen der Gerichte werden sicherlich im zweistelligen Milliardenbetrag liegen."

Aber genau so schlimm wie die zu befürchtenden Gerichtsurteile dürfte den Konzern der bereits erlittene Imageschaden treffen. Schwope:"Ein Imageschaden bemisst sich ja letztlich daran, was man zukünftig weniger verkauft, was man zukünftig nicht gewinnt an Geld. Dieser Imageschaden dürfte auch noch mal im Milliardenbereich liegen - im deutlichen Milliardenbereich."

Aus den Fehlern lernen

Bei der Frage, woran es bei VW krankt, warum es zu so einem Desaster wie "Dieselgate" kommen konnte, ist Auto-Experte und Analyst Schwope jedenfalls sicher: "Bisher war bei VW alles auf den einen Mann an der Spitze oder auf eine Führungsriege zugeschnitten. Das ist schon sehr unmodern gewesen." Jetzt käme es darauf an, dass alles "dezentraler organisiert wird".

Vor allem müsse sich VW wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren. Bei den Nutzfahrzeugen würde in Wolfsburg ja schon über neue Ansätze nachgedacht. Konkret überlegt werde, wenigstens "die LKWs separat zu führen."

Dem Zwölf-Marken-Konzern, findet Schwope, würde eine Abmagerungskur sicher gut tun. In Wolfsburg müsse man jetzt darüber nachdenken, "ob man Bugatti noch braucht, ob man Lamborghini noch braucht, ob man Bentley noch braucht".