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Wissen & Umwelt

"Vulkanausbrüche sind immer möglich"

Vulkanausbrüche sind schwer vorherzusagen, sagt Birger-Gottfried Lühr, Vulkanologe am Helmholz-Zentrum in Potsdam. Auch neueste Satelliten-Technik kann wenig helfen. Umso wichtiger sind Rettungs-Pläne vor Ort.

Deutsche Welle: In Japan sind am Wochenende viele Bergsteiger und Wanderer vom Ausbruch des Vulkans Ontake "überrascht" worden. Sind Vulkanausbrüche bis heute wirklich so schwer vorherzusagen?

Birger-Gottfried Lühr: Vorhersagen über Zeitpunkt und Stärke eines Vulkanausbruchs sind selbst für Wissenschaftler bis heute schwierig. Bei Vulkanen, die über 400 Jahre ruhig waren und bei denen wir Veränderungen am Berg genau studieren können, sind Vorhersagen noch relativ genau möglich. Wenn wir es aber mit Vulkanen zu tun haben, die alle paar Jahre ausbrechen, dann ist es sehr, sehr schwer eine genaue Vorhersage zu treffen.

Der Zeitpunkt des Ausbruchs und die Größenordnung des eruptierten Materials lassen sich dann kaum mit Sicherheit vorhersagen. Zum Beispiel ist die Entscheidung, ob Dörfer rund um einen Vulkan evakuiert werden müssen, bis heute in der Regel eine Bauchentscheidung. Da stößt die Wissenschaft an ihre Grenzen.

Trotzdem versuchen Wissenschaftler ihr Bestes, um menschliche Dramen zu verhindern. Wie werden Vulkane überwacht?

Dr. Birger Lühr

Birger-Gottfried Lühr vom Deutschen GeoForschungsZentrum, Potsdam

Grundsätzlich ist es schwierig und teuer, Vulkane zu bewachen. Durch die Gesteinsmassen, die aus einem Vulkan rausgeschleudert werden, ist der Verschleiß an Geräten sehr groß.

Auf jeden Fall ist es sinnvoll, den Vulkan mit Hilfe von Neigungsmessern und Laser-Entfernungsmessern auf Deformationen zu untersuchen. Daraus lassen sich erste Aussagen treffen: Wenn der ganze Berg sich anhebt und die Deformation über Dutzende Kilometer geht, dann ist es natürlich was anderes, als wenn im Gipfelbereich Gesteins-Bewegungen im Zentimeter-Bereich auftreten.

Zusätzlich sollte man die Seismizität (vulkanische Beben und Geräusche durch aufsteigende Gase und Magmen) direkt am Vulkan aber auch in weiteren Entfernungen gut überwachen. Allerdings können auch hier im akuten Krisenfall Probleme auftreten: Die Meßgeräte beziehen ihre Energie meist von Photovoltaik-Anlagen. In der Nähe des Kraters und auf den Vulkanflanken aschen im Krisenfall die Geräte schnell zu. Und aufgrund der Gefährlichkeit kann im Ernstfall keiner hin, um sie zu "putzen". Wenn dann so eine Krise über Wochen geht und die Energie- Versorgung ausfällt, wird der Informationsfluss zwangsläufig immer dünner.

Welche Rolle spielen satellitengesteuerte Systeme beim Erkennen von Vulkanausbrüchen?

In letzter Zeit ist die Beobachtung von Deformationen an Vulkanen mit Hilfe von Radarsatelliten immer besser geworden. Aber wir haben auf der Erde 1500 aktive Vulkane. Natürlich haben wir nicht genug Satelliten, um die alle zu bewachen und so gibt es dann eben immer wieder völlig überraschende Ausbrüche.

Für die Wissenschaft sind die satellitengesteuerten Systeme sehr, sehr wertvoll. Aber um die Systeme für gefährdete Menschen richtig nutzen zu können, müsste das ganze noch viel stärker ausgebaut werden – und das ist natürlich auch eine Frage des Geldes.

Und wenn ein Satelliten-System alle elf Tage über einen Vulkan fliegt und Aufnahmen macht, dann ist es natürlich im Krisenfall nicht das, was man braucht. Dann möchte man eigentlich minütlich aktuelle Informationen haben.

Welche Vorsichtsmaßnahmen können dann konkret vor Ort getroffen werden, um die Risiken von Vulkanausbrüchen zu mindern?

Japan Vulkanausbruch Ontake 27.09.2014

Für die Opfer von Ontake gibt es kaum Hoffnung auf Rettung.

Das Beste ist, wenn in der Nähe von gefährlichen Vulkanen überhaupt nicht gesiedelt wird. Aber beim Ausbruch des Vulkans Ontake in Japan waren es ja keine Siedler, sondern Bergsteiger, die ums Leben kamen. Die Menschen haben sich unmittelbar im Gipfelbereich des Vulkans aufgehalten. Und das ist bei einem aktiven Vulkan immer gefährlich. Da treten dann plötzlich diese pyroklastischen Ströme auf, das sind Glutlawinen. Wenn man da reinkommt, hat man keine Chancen mehr.

Ich arbeite als Wissenschaftler natürlich auch an aktiven Vulkanen, aber ich erkundige mich genau vorher. Und wenn Alarmstufen ausgesprochen werden, dann gehe ich nicht hoch und auch keiner meiner Kollegen. Aber das ist eben bei Touristen so, dass die nicht unbedingt darauf achten. Die denken dann, der Berg sieht so friedlich aus und verstehen die Warnungen auch nicht richtig. So passieren dann immer wieder solche Unglücke wie jetzt. Bei diesem Ereignis spielt zudem noch der Kontakt von Wasser mit 900-Grad heißem Magma eine Rolle. Kommt Wasser mit heißem Magma in Kontakt, entsteht immer eine explosive Mischung, die schwer vorhersehbar ist.

In den meisten Ländern gibt es mehrstufige Vulkan-Warn-Systeme. Welche Erfahrungen haben sie damit gemacht?

Ich fände es wichtig, dass die Alarmstufen international angeglichen werden - im Moment gibt es da noch unterschiedliche Systeme. Dann würden auch die Touristen verstehen, was die einzelnen Alarmstufen eigentlich bedeuten. Wenn jedes Land eine andere Definition hat, ist das schwierig.

Außerdem ist es wichtig, dass mit den Warnungen vernünftig umgegangen wird. Ich war zum Beispiel einmal am Colima in Mexiko und auf dem Marktplatz einer Ortschaft war eine Tafel mit drei Warnlampen aufgestellt - in Mexiko gibt es für Vulkane nämlich drei Alarmstufen. In Colima brannte die gelbe Lampe und ich habe den Zivilschutz-Mitarbeiter gefragt, warum. Schließlich hatte sich der Colima seit einem Jahr sehr ruhig verhalten. Der Mitarbeiter sagte mir dann, dass die Lampe seit Beginn der letzten Aktivitätsphase 1998 brenne. Dann ist so eine Lampe natürlich keine Warnlampe mehr, sondern lediglich eine gelbe Straßenlaterne, und den Menschen bleibt nur noch die rote Warnlampe.

Fallen ihnen noch mehr solcher Beispiele ein?

Ja, durchaus. Zum Beispiel war ich mal in einem Dorf, das bei einem Vulkanausbruch in zehn bis 15 Minuten von Glutlawinen hätte getroffen werden können. Dort wurde mir erzählt, dass es zwar Busse gebe, um Menschen zu evakuieren, dass diese Busse aber im Nachbarort geparkt würden - und der sei für Fahrzeuge zwanzig Minuten entfernt.

Selbst wenn jetzt in einem Frühwarnsystem eine sich ablösende Glutlawine erfasst werden würde, kämen die Busse also zu spät. Man sieht also: Vielerorts sind Frühwarnsystem im Aufbau, und gefährdete Gemeinden und Staaten bereiten sich auf Vulkanausbrüche vor. Oft sind die Maßnahmen aber noch nicht so umgesetzt, dass wirklich Menschenleben effizient gerettet werden können.

Das Interview führte Clara Walther.

Der Geophysiker Dr. Birger-Gottfried Lühr arbeitet als Seismologe und Vulkanologe am Geoforschungszentrum (GFZ) des Helmholtz Zentrums Potsdam.

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