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Aktuell Europa

Vorstädte bleiben unter Druck

Der Gewaltausbruch in einem sozial schwierigen Viertel von Amiens erinnert die Franzosen einmal mehr an die ungelösten Probleme in den Banlieues. Große Hoffnung, dass sie jemals gelöst werden könnten, besteht nicht.

Nach einer Nacht schwerer Zusammenstöße zwischen Jugendlichen und der Polizei im nordfranzösischen Amiens sind am Dienstagabend hundert zusätzliche Beamte in der Stadt stationiert worden. Um weitere Ausschreitungen zu verhindern, seien nun insgesamt 250 Polizisten vor Ort, teilte das Innenministerium in Paris mit. Bei den Auseinandersetzungen waren 16 Polizisten verletzt und drei öffentliche Gebäude - darunter eine Vorschule und eine Turnhalle - niedergebrannt worden.

Fahrzeugkontrolle als Auslöser der Gewalt

Die Polizisten waren nach Angaben der Präfektur durch Bleikugeln, Feuerwerkskörper und Wurfgeschosse verletzt worden. Mit Tränengas und Gummigeschossen gingen die rund 150 Beamten gegen die Jugendlichen vor; Festnahmen gab es keine. Etwa hundert Jugendliche hatten am Montagabend begonnen, die Sicherheitskräfte zu bedrängen, die in ein Problemviertel im Norden von Amiens eingerückt waren.

Zu den Zusammenstößen kam es, nachdem die Polizei einen Autofahrer wegen gefährlichen Fahrens kontrolliert hatte. Daraufhin entwickelte sich Krach mit Bewohnern, die das Vorgehen der Polizei als überzogen empfunden hatten.

Die ausgebrannte Grundschule in dem Problemviertel im Norden von Amiens (Foto: AFP/GettyImages)

Die ausgebrannte Grundschule in dem Problemviertel im Norden von Amiens

"Menschen mit einigen Schwierigkeiten"

In diesem Viertel von Amiens kommt es regelmäßig zu Zwischenfällen, doch die Zusammenstöße seien "noch nie so schwerwiegend gewesen", hieß es von der Präfektur. Neben den Zerstörungen von Gebäuden wurden zudem mehr als zehn Fahrzeuge und etwa 60 Mülleimer angezündet. Bürgermeister Dumailly beschrieb die Bewohner des Stadtteils als "Menschen, die einige Schwierigkeiten haben". Die Arbeitslosigkeit in Nordfrankreich liegt über dem Landesdurchschnitt. Erst vor zwei Wochen wurde Amiens von der Pariser Regierung zu einer von 15 Regionen erklärt, die besondere finanzielle Unterstützung erhalten sollen.

Zudem hat Innenminister Manuel Valls für diese 15 Zonen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen angekündigt. Valls (auf dem Artikelbild ganz rechts) machte sich am Dienstag selbst ein Bild von der Lage vor Ort - und wurde dabei ausgepfiffen. Nichts könne die Schüsse auf Polizisten rechtfertigen, sagte der Minister. Zugleich versicherte er, er sei "nicht gekommen, um das Viertel mit dem Kärcher zu reinigen" und spielte damit auf Ex-Präsident Nicolas Sarkozy an. Dieser hatte nach schweren Krawallen im Jahre 2005 erklärt, er wolle die Vorstädte "mit dem Kärcher" von Kriminellen befreien.

Polizisten beziehen während der Ausschreitungen in Amiens Position (Foto: picture-alliance/dpa)

Die Verstärkung der Polizei allein wird Frankreichs Banlieues nicht befrieden können

Keine Wendung zum Besseren seit 2005

Präsident François Hollande versicherte allerdings, der Staat werde alle Mittel nutzen, um gegen die Gewalt vorzugehen. Und Premierminister Jean-Marc Ayrault kündigte an, die Regierung werde "größtmögliche Härte" zeigen. Drei Polizeigewerkschaften riefen die Regierung nach dem "kriminellen Verhalten entschlossener Rowdys" und dem "versuchten Mord an Polizisten" zu entschiedenem Handeln auf.

Nach schweren Ausschreitungen wie in Amiens entsteht stets auch die Sorge, dass die Lage wie vor sieben Jahren außer Kontrolle geraten könnte, als es wochenlang Krawalle in ganz Frankreich gegeben hatte. Die aktuelle Gewalt zeigt jedenfalls, dass sich seit 2005 wenig an der Lage in den Vorstadtsiedlungen und am Verhältnis der Jugendlichen dort zur Polizei geändert hat.

sti/se (dapd, afp)