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Europa

Vorsicht, die Schotten kommen!

Die Schottische Nationalpartei steht möglicherweise vor einem historischen Sieg bei der anstehenden Wahl zum britischen Parlament. Damit könnte sie eigentlich zum Königsmacher in London werden.

Nicola Sturgeon unter einem gelben Schirm mit SNP-Emblem (Foto: Reuters)

Die Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei, Nicola Sturgeon (li.), blickt zuversichtlich auf die Unterhauswahlen

Das Leben geht seinen geruhsamen Gang in der schönen, alten schottischen Stadt Annan, nur wenige Kilometer von der englischen Grenze entfernt. Ein Traktor tuckert die Hauptstraße entlang, vorbei an soliden Häusern aus rotem Sandstein.

Auf dem Parkplatz eines Einkaufzentrums haben sich an diesem Morgen ein Dutzend Wahlhelfer der Schottischen Nationalpartei, SNP, versammelt. Es ist noch nicht einmal elf Uhr, und schon haben sie für die britische Unterhauswahl am 7. Mai Handzettel unter die Leute gebracht und Plakate aufgehängt.

Unter normalen Umständen hätte die SNP-Kandidatin Emma Harper in diesem Teil Schottlands so nah an der Grenze zu England keine Chance. Bei der letzten Unterhauswahl 2010 bekamen die schottischen Nationalisten gerade mal zehn Prozent der Stimmen.

Siegeszug der Nationalpartei

Aber in diesem Jahr sind die Umstände alles andere als normal. Die Linksliberale SNP liegt in Schottland deutlich vor der Labour-Partei. Auch wenn die Nationalisten im vergangenen Jahr im

Unabhängigkeitsreferendum unterlegen

waren, wird ihnen zugetraut, dass sie bei der Unterhauswahl 57 der 59 schottischen Sitze gewinnen und damit drittstärkste Kraft werden.

Ein solches Ergebnis würde einen gesamtbritischen Labour-Wahlsieg beinahe unmöglich machen. Es könnte aber einem Abkommen zwischen SNP und Labour für die Zeit nach der Wahl den Weg ebnen - theoretisch. SNP-Chefin Nicola Sturgeon hatte angekündigt, eine Labour-Minderheitenregierung zu unterstützen. Der Spitzenkandidat der Labour-Partei, Ed Miliband schloss eine Zusammenarbeit mit der SNP nach der Wahl aber aus.

Die Kandidaten anderer Parteien tauchen in Annan überhaupt nicht auf. "Wir sind die einzigen Optimisten, die ein besseres Schottland wollen", sagt Harper, eine Krankenschwester mit flammendroten Haaren.

Für Schottlands Interessen einstehen

Wahlhelfer Foto: DW/P. Geoghegan

SNP-Kandidatin Emma Harper mit ihren Wahlhelfern

Die SNP profitiert von einer ungewöhnlichen Gemengelage: Die Partei ist seit 2007 im schottischen Regionalparlament an der Macht. Viele Wähler sehen sie als kompetente Anwältin schottischer Interessen. Gleichzeitig ist die Partei für viele Wähler, die mit der bisherigen Politik unzufrieden sind, zur Protestpartei avanciert.

Seit dem Unabhängigkeitsreferendum im September 2014 hat sich die SNP-Mitgliedschaft auf mehr als 100.000 glatt vervierfacht. Im Parteiensystem des Vereinigten Königreich hat die SNP inzwischen einen bequemen dritten Platz. Mehr als 3.000 Menschen kamen im März zum Parteitag nach Glasgow.

In Annan wurde kürzlich zum ersten Mal seit den 60er Jahren ein örtlicher Parteikreisverband gegründet. Neuer Vorsitzender wird Henry McClelland, Geschäftsmann und Vorsitzender des örtlichen Fußballvereins Annan Athletic. McClelland glaubt fest an die

Unabhängigkeit Schottlands

. Er weinte, als die Unabhängigkeitsbefürworter mit 45 gegen 55 Prozent unterlagen. "Das Thema hat sich nicht erledigt", sagt er, "es wird neue Gelegenheiten geben".

Der Schwung vom September

Obwohl sich im Grenzland zu England besonders viele Menschen für den Verbleib Schottlands im Vereinigten Königreich aussprachen, profitiert die SNP-Kandidatin Harper noch immer von der Energie, die die Referendumskampagne damals ausgelöst hatte.

Viele der Helfer wurden zum ersten Mal politisch aktiv. Val ist eine von ihnen. Sie stammt aus England und wählte 35 Jahre lang Labour. Heute steht sie fest zur SNP. "Labour hat sich so lange verwässert, bis sie zu einem Schatten der Konservativen geworden ist", sagt sie.

Kandidaten in Fernsehdebatte Foto: Reuters

In der Fernsehdebatte hatte Sturgeon (2. von rechts) einen guten Eindruck hinterlassen

Mit der neuen Parteichefin Nicola Sturgeon hat die Schottische Nationalpartei außerdem ein starkes Zugpferd, das in der Öffentlichkeit auch außerhalb Schottlands gut ankommt. Der Auftritt der 44 Jahre alten früheren Rechtsanwältin aus Glasgow bei der einzigen Fernsehdebatte des Wahlkampfs mit Premierministerin David Cameron fand allgemeine Anerkennung.

Neues Referendum?

Die Rekord-Umfrageergebnisse für die SNP haben auch Spekulationen über ein zweites Unabhängigkeitsreferendum angeheizt. Doch der Politologe Paul Cairney von der Universität Stirling glaubt, die schottischen Nationalisten würden es nur riskieren, wenn sie sich eines Sieges sicher seien.

"Die SNP wird nicht genügend Stimmen bekommen, wenn sie ausschließlich als Unabhängigkeitspartei auftritt", sagt er. "Das Problem haben sie erkannt. Wenn sie langfristig Chancen haben wollen, ein solches Referendum zu gewinnen, dann müssen sie eine glaubwürdige Regierungspartei in Schottland bleiben und fürs erste eine positive politische Kraft im Vereinigten Königreich."

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