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Europa

Vorschub für die Mythenbildung

Das Büro der Republik Srpska für Beziehungen zum Den Haager UN-Tribunal hat einen Bericht über das Massaker von Srebrenica veröffentlicht. Es geht darin um die Zahl der Opfer. Fabian Schmidt kommentiert den Bericht.

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Die Absicht des Büros der Republik Srpska für Beziehungen zum Den Haager Tribunal lässt sich kaum verheimlichen. Es geht den Autoren darum, das Massaker von Srebrenica zu relativieren, um die Angeklagten zu entlasten. Das tun die Verfasser einerseits dadurch, dass sie mit den Opferzahlen spielen, andererseits dadurch, dass sie eine islamistische Bedrohung durch die Sarajevoer Zentralregierung unter Alija Izetbegovic während des Bosnienkrieges konstruieren.

Zu diesem Zweck überbewerten sie die Rolle der ausländischen Mujaheddin, die während des Bosnienkrieges auf Seiten der Regierungstruppen gekämpft haben. Die Klischees, die sie zu diesem Zweck benutzen, sind bekannt. Mit identischen Feindbildern warben serbisch-nationalistische Propagandisten seit 1989 für den bevorstehenden Krieg. Die Beteiligung der eigenen politischen und militärischen Führung an Kriegsverbrechern verleugnen sie dabei schlicht.

So rechtfertigen die Verfasser nachträglich die Kriegsführung des serbischen Militärs und die damit verbundenen "ethnischen Säuberungen". Erfolg versprechen sie sich davon, auf den Zug des Antiterrorkampfes nach dem 11. September 2001 aufzuspringen. Letztlich geht es den Autoren darum, den Angriff der Jugoslawischen Volksarmee und der Armee der bosnischen Serben auf das multi-ethnische Bosnien und Herzegowina rückwirkend als Anti-Terrorkampf zu legitimieren.

Unvollständig, unglaubwürdig

Dabei benutzen sie unvollständige und unglaubwürdige Daten und leisten denen, die sie zu verteidigen vorgeben, einen Bärendienst. Denn das Tribunal wird einem Bericht, der vor Unwahrheiten strotzt, kaum das gleiche Gewicht beimessen, wie den Erkenntnissen der eigenen Ermittler.

Am meisten schadet der Bericht jedoch dem Prozess der Versöhnung in Bosnien und Herzegowina. Versöhnung ist ohne Wahrheitsfindung nicht möglich, und die politische Führung der Republik Srpska ist an Wahrheitsfindung offensichtlich nur wenig interessiert. Sieben Jahre nach Ende des Krieges leisten so offizielle Institutionen, die dem Premierminister der Republik Srpska rechenschaftspflichtig sind, durch systematische Fehlinformation der Mythenbildung Vorschub.

Wahltaktik

Die Erklärung der Verfasser, dass es sich nicht um einen offiziellen Regierungsbericht handele, ist ebenso unglaubwürdig, wie die im Bericht selbst erhobenen Behauptungen, dass die meisten Opfer von Srebrenica Militärangehörige gewesen seien. Denn die drei Verfasser und die Institutionen, für die sie arbeiten, werden von der Regierung der Republik Srpska bezahlt. Einer von ihnen ist sogar Berater des Premierministers Mladen Ivanic. Offensichtlich rechnet sich dieser nach der Veröffentlichung des Berichtes bessere Chancen für die Wahlen am 5. Oktober aus. Er hofft anscheinend, die serbisch-nationalistische Stammwählerschaft für sich zu mobilisieren. Dabei spielen er, und seine Berater mit dem Feuer. Ob die Öffentlichkeit in der Republik Srpska kritisch genug ist, solche Absichten zu durchschauen und für eine zivilgesellschaftliche Option zu stimmen, wird sich im Oktober zeigen.

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