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Politik

Vorolympischer Kommunikationscrash

Chinas Haltung gegenüber Minderheiten und Menschenrechtlern wird immer unnachgiebiger und die Verständigung zwischen China und dem Westen schwieriger. Der Sinologe Michael Lackner erklärt die Hintergründe des Konflikts.

Michael Lackner sieht das Olympialand kontrovers

Michael Lackner sieht das Olympialand kontrovers

DW-WORLD.DE: Prof. Lackner, freuen Sie sich auf den 8. August?

Michael Lackner: Ich habe mich schon einmal mehr darauf gefreut. China will einerseits nach außen glänzen, andererseits nach innen auch eine Homogenisierung, einen gewissen Fortschritt erreichen. Das erstere - die Öffnung nach außen und die Begegnung der Jugend der Welt in Freude und Frieden - wird vermutlich nicht mehr stattfinden. Wie es nach innen aussieht, ob es der chinesischen Regierung gelingen wird, Proteste zu unterbinden, das wird man sehen.

War es falsch, die Spiele nach China zu vergeben?

Es war wahrscheinlich sehr kurzsichtig gedacht, weil man die Proteste der Tibeter, die Aktivitäten der tibetischen Mönche, unterschätzt hat, aber auch die Stärke der Kontrolle, die Intensität der Unterdrückung, die ja nicht nur die Tibeter betrifft, sondern auch den Zugang der Chinesen zu Medien, zu freier Meinungsäußerung.

Die Olympischen Spiele würden die Entwicklung der Menschenrechte und die Liberalisierung Chinas fördern, Reporter sollten frei arbeiten können. Das hatte der Vizebürgermeister von Peking, Liu Jingmin, als Sprecher des Bewerbungskomitees versprochen, ehe das IOC 2001 in Moskau die Spiele an Peking vergab. Was hält die chinesische Regierung jetzt davon ab, ihre Zusagen einzulösen?

Ich denke, dass die Zusagen durchaus eingelöst werden! Nach neuesten Meldungen werden während der drei Wochen der Olympischen Spiele sämtliche internationalen Hotels und einige ausgewählte Internetcafés freien Zugang zum Internet haben – damit die Journalisten einerseits arbeiten und zum anderen dann vielleicht auch berichten können, dass es gar keine Behinderungen im Zugang zum Internet gebe. Diese Art von Zusagen kann eine solche Regierung natürlich jederzeit einhalten. Nur – das gilt nicht flächendeckend!

Wäre der Aktivist Hu Jia ohne die Olympischen Spiele ebenfalls zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden?

Ich persönlich bin der Meinung, er wäre auch so verurteilt worden. Denn wir haben ja in den letzten Jahren immer wieder solche Verurteilungen erlebt. Das einzig Interessante ist, dass sich die Regierung durch die Olympischen Spiele von dieser Politik des Durchgreifens nicht abschrecken lässt.

China ist bei seiner erfolgreichen Bewerbung um Olympia als selbstbewusste Nation angetreten. Glanzvoll waren die Spiele geplant, als perfekt inszenierte Feier: das endgültige Entrée eines erfolgreichen Landes in die internationale Staatengemeinschaft. Welchen Schaden richtet der aktuelle Imageverlust in den Beziehungen zwischen China und dem Westen an?

Ich hätte, wie viele andere Menschen auch, den Chinesen gewünscht, dass diese perfekte Inszenierung nun auch ihren Status in der Welt verdeutlicht. Denken Sie an 1989, da hat die Verstimmung, praktisch fast der Abbruch der Beziehungen, einige Jahre gedauert. Wie lange es diesmal dauern wird, hängt auch ein bisschen von der Vergesslichkeit des Westens ab.

Der Olympische Fackellauf, von Peking als "Lauf der Harmonie" geplant, ist angesichts massiver, zum Teil tumultartiger Proteste, zum Spießrutenlauf geworden. Die chinesische Regierung reagiert mit Empörung auf die störende Umwidmung ihrer Inszenierung. Sind die Proteste kontraproduktiv?

Natürlich verhärten sich jetzt die Lage und die Stimmung. Nicht nur in der chinesischen Regierung, sondern auch in der chinesischen Bevölkerung, die ja vieles von dem, was bei uns berichtet wird, einfach nicht zu Gesicht bekommt.

Bei der Verständigung über Menschenrechtsfragen und bei der Frage, was Meinungsfreiheit beinhaltet, bekommt man das Gefühl, es in China und im Westen mit zwei vollkommen unterschiedlichen Kommunikationssystemen zu tun zu haben. Was China als Verschwörung antichinesischer Kräfte darstellt, sieht der Westen als berechtigtes Aufbegehren einer unterdrückten Minderheit an. Gibt es so etwas wie einen Zusammenbruch der Kommunikation?

Das ist gewiss der Fall. Wir müssen in der Tat dafür sorgen, dass der Dialog aufrecht erhalten wird. Nur ist die Frage, mit wem? Es scheint derzeit schwierig, mit der chinesischen Regierung über diese Fragen, insbesondere über die Tibetfrage einen Dialog aufrecht zu erhalten. Wichtig erscheint mir, dass der Dialog in Bereichen der Kultur und der Wissenschaften fortgesetzt wird. Denn mir scheint, dass der Dialog in der Wirtschaft ohnehin weiterbesteht.

Woher kommt die ungeheuer breite, patriotische Solidarität der chinesischen Bevölkerung mit ihrer Regierung?

Es sind ja zum einen nicht nur die Medien, zu denen Chinesen einen nur beschränkten, gefilterten Zugang haben. Zum anderen ist da die so genannte patriotische Erziehung, die seit mindestens zwei Jahrzehnten mittlerweile jeden Chinesen betrifft. Schauen Sie in die Schulbücher, wie dort chinesische Geschichte dargestellt wird! Immer ist es die Kontinuität, die gewissermaßen teleologische, zielgerichtete Kontinuität, die in der Volksrepublik China gipfelt und endet. Da ist natürlich auch die Frage der territorialen Integrität ganz zentral.

Was ist Ihrer Meinung nach eigentlich am 11. März und in den Tagen danach in Tibet passiert? Eine anti-chinesische Demonstration friedlicher lamaistischer Mönche? Eine Revolte frustrierter, perspektivloser tibetischer Jugendlicher, die sich im eigenen Land mehr und mehr als Fremde fühlen und Lhasa in Brand setzen – analog zu den Pariser Vorstädten?

Beide Dinge sind zugleich passiert: Es gibt Mönche, die sich im Wesentlichen an die Vorgaben des Dalai Lama - und des Mahatma Gandhi letztlich - halten, gewaltlos zu demonstrieren. Und es gibt die frustrierten Jugendlichen. Das ist eine Revolte! Die Stilisierung zu einer friedlichen Demonstration kann nur den Hirnen sehr, sehr tibetophiler Journalisten entsprungen sein.

Wie legitimiert China seinen Herrschaftsanspruch über Tibet?

Sehen wir es zunächst mal umgekehrt. Die Loyalität der Tibeter und übrigens auch der Mongolen galt bis 1911 der mandschurischen Dynastie, also einem Herrscherhaus. Die Lamas waren die Beichtväter der Mandschukaiser, sie hatten also einen zivilisatorischen Einfluss auf China im Konzept dieser Mandschukaiser. Gegenüber einem Nationalstaat China, der sich 1911 zu bilden begann, war gar kein Loyalitätsgefühl da. Von daher ist die besondere Schwierigkeit, vor der wir stehen, dass es hier ein Reich gibt, vielleicht das letzte Imperium auf dem Boden dieser Erde, welches aber mit nationalstaatlichen Kriterien und Begriffen argumentiert, die auf Homogenisierung und auf Integrität der territorialen Einheit hinauslaufen – alles Begriffe des Nationalstaats, die ein Reich gar nicht nötig hätte. Wenn man den Chinesen irgendetwas raten könnte, wäre es im Grunde die Wiederumwandlung zu einem Imperium, welches dann auch mehr Toleranz zuließe. Das ist eigentlich die entscheidende Aussage. Das werden wir aber mit dieser Regierung und mit dieser Partei nicht erleben.

Sehen Sie die geringste Chance für eine friedliche Lösung der Tibet-Frage? Wird es jemals direkte Gespräche mit dem Dalai Lama geben?

Derzeit gewiss nicht, die Atmosphäre ist enorm vergiftet.

Michael Lackner lehrte Sinologie am Insitute for Advanced Studies in Princeton, am Wissenschaftskolleg zu Berlin und in Göttingen. Zu den langfristigen Forschungsschwerpunkten seines Lehrstuhls an der Universität Erlangen zählen die Geschichte und die Gegenwart der Beziehungen zwischen China und dem Westen. Er etablierte dort auch das erste chinesische "Konfuzius-Institut" Deutschlands.

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