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Asien

Vorerst kein ausländischer Supermarkt

Die Öffnung des Einzelhandels für internationale Großkonzerne sollte Manmohan Singhs erfolgreichste Wirtschaftsreform als indischer Premierminister werden. Doch der Wirtschaftsfachmann ist vorerst gescheitert.

Premierminister Singh sucht Konsens für Niederlassung ausländischer Supermarktketten in Indien. (Foto: AP)

Premierminister Singh sucht Konsens für Niederlassung ausländischer Supermarktketten in Indien.

Die Zahlen sprechen eine eindrucksvolle Sprache: Auf 350 Milliarden Euro pro Jahr wird der rasant wachsende Einzelhandelsmarkt in Indien geschätzt. Bisher findet in Indien - der mit mehr als 1,1 Milliarden Menschen größten Demokratie der Welt und drittgrößten Volkswirtschaft Asiens - der Handel noch immer in den verwinkelten Straßen direkt vor der Haustür oder in kleinen, oft familiengeführten Läden statt.

Supermärkte nach westlichem Vorbild sind selbst in den großen Städten noch immer die Ausnahme. Die indischen Konsumenten schätzen die persönliche Beziehung, das Schwätzchen zwischendurch. Und deshalb wird bisher nur ein Prozent aller Lebensmittel überhaupt in Supermärkten gekauft: ein riesiger Wachstumsmarkt für internationale Supermarktriesen wie Tesco, Ikea, Wal-Mart oder Carrefour.

In Indien werden 99 Prozent der Lebensmittel auf freien Märkten gehandelt. (Foto: AP)

In Indien werden 99 Prozent der Lebensmittel auf freien Märkten gehandelt.

Deswegen hatte das indische Kabinett Ende November ein Konzept verabschiedet, dass sich ausländische Unternehmen künftig mit bis zu 51 Prozent an indischen Supermarktketten beteiligen können, um die Konjunktur anzukurbeln.

Heftige Kritik

Doch Premierminister Manmohan Singh musste nach heftigem Widerstand im gesamten Land zurückrudern. Die endgültige Entscheidung werde zunächst auf unbestimmte Zeit vertagt, bis ein "Konsens zwischen allen Parteien gefunden wird", verkündete der indische Finanzminister Pranab Mukherjee zähneknirschend.

Oppositionsführerin Sushma Swaraj sprach unverblümt von einem Sieg der Vernunft: "Sich den Wünschen der Menschen zu beugen, ist nichts, was eine Regierung schwächt, sondern etwas, was die Demokratie stärkt." Tausende Menschen waren vor lauter Begeisterung auf die Straße gegangen, nachdem die Regierung ihr Konzept zurückgenommen hatte. Und selbst im Parlament war es zu tumultartigen Szenen, Sitzblockaden und tagelangen Protesten gekommen.

Infrastruktur oder Lebensexistenzen?

Praveen Jha, Wirtschaftswissenschaftler der renommierten Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi, sieht die Liberalisierung des indischen Marktes als dringend notwendig an: "Natürlich fließt viel Geld nach Indien, wenn ausländische Firmen hier investieren. Mit diesem Geld können zum Beispiel Infrastrukturprojekte finanziert werden." Davon könnten letztendlich alle profitieren, so Jha weiter.

Die Versorgung mit Lebensmitteln würde so verbessert werden, da nicht so viele Lebensmittel wegen mangelnder Transport- und Lagermöglichkeiten verderben würden. Befürworter der Reform beschwören regelrecht, dass die Öffnung des Marktes für sinkende Preise, mehr Auswahl und tausende neue Arbeitsplätze sorgen werde.

Doch die Kritiker sehen dies anders. Ihre Angst: Viele kleine Händler werden einen schärferen Wettbewerb nicht überleben. Nach der Landwirtschaft ist der Einzelhandel in Indien der größte Arbeitgeber.

Ausländische Supermärkte müssen noch auf die Marktöffnung warten. (Foto: AP)

Ausländische Supermärkte müssen noch auf die Marktöffnung warten.

Premier Singh unter Beschuss

Auch die Inlandsmedien diskutieren das Hin und Her. Eine der führenden Zeitung des Landes, der "Indian Express" sieht den Aufschub einer endgültigen Entscheidung als Schlappe für den indischen Premier Manmohan Singh an.

Der 79-Jährige mit der leisen, fisteligen Stimme sei ohnehin durch Korruptionsskandale, steigende Inflation und seine mangelnden Führungsqualitäten angeschlagen. In einem Leitkommentar heißt es: "Die Wahrnehmung, dass die Koalition auf einfache Art und Weise eingeschüchtert werden kann, wurde mal wieder bestätigt. Auch, dass sie nicht den Mut hat, zu ihren Überzeugungen zu stehen und die politische Kunstfertigkeit, ihre Entscheidungen zu verkaufen. Nämlich eine Entscheidung, die wahrscheinlich vielen, vielen Indern, zu mehr Wohlstand verhelfen könnte."

Singh gilt eigentlich als ausgewiesener Wirtschaftsfachmann, als "Vater des indischen Wirtschaftswunders", da er in den 1990er Jahren als Finanzminister die Liberalisierung der indischen Märkte eingeleitet hatte. Er ist auch der zweite Premierminister Indiens, der jemals für eine zweite Amtszeit wiedergewählt wurde. Doch die Skeptiker sehen jetzt sein Image, seine Glaubwürdigkeit und damit auch sein politisches Erbe in Gefahr.

Düstere Zukunft

Was der Aufschub der Entscheidung über die Öffnung des Marktes für ausländische Supermarktketten für Premier Singh und Indien bedeutet, ist noch unklar. Das indische Wirtschaftswachstum soll aktuellen Berechnungen zufolge dieses Jahr bei etwa sieben Prozent liegen. Dies ist nach dem Boom der Vergangenheit sehr wenig. Ausländische Investitionen fielen von 38 Milliarden US-Dollar auf 23 Milliarden US-Dollar im letzten Finanzjahr. Und auch die indische Rupie verlor jüngst enorm an Wert.

Balasubramaniam Muthuraman, einer der führenden Wirtschaftsexperten des Landes betrachtet die Entscheidung daher auch als sehr unglücklich: "Es wäre ein sehr starkes Signal gewesen, dass es im Land voran geht, dass Reformen in Angriff genommen werden und dass Entscheidungen getroffen werden. Es wäre auch ein starkes Signal für Indien, die Industrie und die Menschen gewesen." Denn das Vertrauen vieler Anleger schwindet, die Indien mit Korruption, einer ausufernden Bürokratie und schleppenden Reformen verbinden.

Autorin: Priya Esselborn
Redaktion: Gui Hao