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Geschichte

Vorbild und Vaterfigur: Theodor Heuss

Er war der erste Bundespräsident Deutschlands. Theodor Heuss prägte nicht nur das Amt, sondern lebte den Umgang mit Verantwortung für die NS-Vergangenheit vor. Jetzt ist ein neues Buch über ihn erschienen.

Heuss bei seiner Vereidigung zum Bundespräsidenten

Heuss bei seiner Vereidigung zum Bundespräsidenten

Die rauchende Zigarre war sein Markenzeichen. Er war ein echter Bildungsbürger: zivil, politisch versiert und hoch gebildet. Theodor Heuss war populär. Als erster Bundespräsident prägte er das Amt nach seiner Vorstellung. In Sachen Demokratie wurde er den Deutschen zum wichtigsten Vorbild.

Kultur und Politik

Der Kanzler und der Präsident: Konrad Adenauer (li.) und Theodor Heuss (re.)

Der Kanzler und der Präsident: Konrad Adenauer (li.) und Theodor Heuss (re.)

Peter Merseburger hat sich das Leben dieses Ausnahmepolitikers genau angesehen. Der Autor, der bereits für seine Arbeiten zu Willy Brandt, Kurt Schumacher und Rudolf Augstein ausgezeichnet wurde, zeigt hier erneut, dass er sein Handwerk versteht. Selten wurde ein langes Leben so gehaltvoll und unterhaltsam beschrieben. Mit seiner Biografie "Theodor Heuss - der Bürger als Präsident" ist ihm wieder ein eindrucksvolles Werk gelungen. Auf gut 600 Seiten beschreibt er den Lebensweg von Theodor Heuss im gesellschaftlichen Kontext von Kaiserreich, Nationalsozialismus und Bundesrepublik. Merseburger deckt keine Skandale auf. Er macht die politische Figur zum Menschen, mit Stärken und Schwächen.

Der junge Heuss startete selbstbewusst ins Leben. Er wusste, was er wollte: Schreiben für die geistige Entwicklung und Politik für den Tatendrang. Die journalistische Karriere gelang schnell. Die politische Karriere ließ auf sich warten. Der Sprung in den Reichstag gelang erst 1924. Merseburger verfolgt die Entwicklung des jungen Heuss über alle Erfolge und Hürden hinweg: den Redakteur in Berlin und Heilbronn, den Ehemann und Vater, das politische Engagement bei den Nationalliberalen.

"Ja" zum Ermächtigungsgesetz

Bundespräsident Theodor Heuss (M) schneidet am 31.03.1958 auf der Kommandobrücke des Schiffes Berta Epple das Band zur Einweihung des Stuttgarter Hafens durch. (Foto: dpa)

Heuss schneidet 1958 bei der Einweihung des Stuttgarter Hafens

Den schwarzen Fleck auf der weißen Weste von Theodor Heuss deckt Merseburger entschlossen auf: Heuss Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz. Dieses Gesetz ist eine wichtige Etappe auf dem Weg Deutschlands in die nationalsozialistische Diktatur. Gemeinsam mit den Abgeordneten aller bürgerlichen Parteien stimmte Theodor Heuss im März 1933 der Entmachtung des Parlaments zu und legitimierte damit formal die Diktatur Hitlers.

Merseburger sucht und findet Erklärungen. Er beschreibt den Terror, der für die Abgeordneten seit dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 allgegenwärtig geworden war. Die Grundrechte waren bereits außer Kraft gesetzt worden. Politische Funktionäre waren in Haft, Zeitungen verboten. Zur Einschüchterung der Abgeordneten marschierten am Tag der Abstimmung sogar Schlägertrupps der berüchtigten SA, der Sturmabteilung und der Verbände der SS, der sogenannten Schutzstaffel, vor dem Parlament auf und forderten lautstark die Bewilligung des Gesetzes. Die Bedrohung war greifbar. Der Sitzungssaal war mit Hakenkreuzflaggen geschmückt. Auch hier standen bewaffnete SA- und SS-Leute, und Hitler drohte unverhohlen mit einem Bürgerkrieg, falls das Gesetz nicht verabschiedet würde.

Theodor Heuss mit Ehefrau und Enkelin

Theodor Heuss mit Ehefrau und Enkelin

In den Jahren der Diktatur schlug sich Heuss als Journalist und Buchautor durch. Eine Zeit lang kommentierte er noch aktuelle politische Vorgänge. Einige außenpolitische Entwicklungen fanden seine Anerkennung. Der sogenannte "Anschluss" Österreichs etwa: Die Bildung einer staatlichen Einheit aus Deutschland und Österreich war von jeher eine Forderung seiner nationalliberalen Partei gewesen. Heuss begrüßte diesen Schritt, als er 1938 mit lautem Getöse vollzogen wurde. Innenpolitisch aber trat er den Nazis immer wieder entgegen. Er wehrte sich gegen die, wie er sie nannte, "Gleichschaltung des Geistes" und Rassismus. Als Demokrat und Bürger hielt er humanistische Werte hoch. Seine Kritik brachte ihm mehrere Verwarnungen ein. Als Heuss schließlich Berufsverbot drohte, zog er sich aufs Feuilleton zurück und schrieb mehrere Biographien.

Der große Demokrat

Peter Merseburger Theodor Heuss, Der Bürger als Präsident

Peter Merseburger: Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident

Das Kriegsende erlebte Heuss in der Nähe von Heidelberg. Als Nationalliberaler empfand er den Tag der Kapitulation als den "furchtbarsten Tag in der deutschen Geschichte". Später gestand er ein, man war "erlöst und vernichtet in einem". Dabei begann mit der Kapitulation des Deutschen Reichs 1945 die wichtigste Karriere im Leben von Theodor Heuss. Er wurde Herausgeber der Rhein-Neckar-Zeitung, dann Kultusminister in Württemberg-Baden. 1949 war Heuss als Mitglied des Parlamentarischen Rats an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt und für die FDP im Bundestags.

Als Bundespräsident drückte Heuss dem Amt seinen Stempel auf, dass er einnal wie folgt beschrieb: "Ich bin da, um moralisches Gewicht für die Bundesrepublik und für meine Nachfolger zu sammeln." Er stellte sich über die Parteien, über die Tagespolitik und machte die Rede zu seinem wichtigsten Instrument. Er konfrontierte die Deutschen mit ihrer Vergangenheit, sprach von Verantwortung, von "Kollektivscham", die aus dieser Zeit erwachsen und geblieben sei. Dass Deutschland sich schuldig gemacht hatte, war für ihn ein Thema und er nahm sich dabei selbst nicht aus. Seine These, an der NS-Diktatur "sind wir, bin ich, bist du schuld, weil wir in Deutschland lebten", wirkte: Die Menschen hörten ihm zu, fassten vertrauen und identifizierten sich mit dem Bundespräsidenten. Er führte sie in die Bundesrepublik und zeigte ihnen, dass auch in Deutschland eine Demokratie gelingen konnte.

Peter Merseburger: Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident, DVA 2012 Preis: 29,99 Euro
ISBN 978-3-421-04481-5