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Filme

Vor 85 Jahren geboren: François Truffaut

Der französische Regisseur starb mit 52 Jahren an einem Hirntumor. Truffaut war einer der Mitbegründer der "Nouvelle Vague". Aus Anlass seines 85. Geburtstages erinnern wir an ihn - mit seinem wohl persönlichsten Film.

Er sei nicht sehr religiös hat Truffaut einmal in einem längeren Werkstattgespräch gesagt und dann hinzugefügt: "Eigentlich überhaupt nicht". In dem Interview, das Truffaut 1981 drei französischen Filmjournalisten gegeben hat, weist er aber auf einen anderen interessanten Zusammenhang hin: "Ich mag trotzdem eine gewisse Religiosität, so etwas verträgt sich gut mit dem Kino."

Vielleicht liegt in dieser Aussage auch der Schlüssel zum Verständnis für seinen 1978 entstandenen Film "Das grüne Zimmer". Truffaut war als uneheliches Kind zunächst bei seiner Großmutter aufgewachsen. Das Kino wurde für ihn früh zu einer Art Ersatzelternhaus. Und Persönlichkeiten wie der große französische Filmkritiker André Bazin zu einer Art Vaterersatz. Umso mehr trauerte der junge Filmregisseur in den folgenden Jahren, als Bazin und andere von ihm bewunderte Filmschaffende früh starben.

Jahrelange Beschäftigung mit dem Tod

Viele Jahre bevor die erste Klappe zu den Dreharbeiten für den Film "Das grüne Zimmer" fiel, beschäftigte sich Truffaut mit dem Thema Tod. So faszinierten ihn auch die Erzählungen des amerikanischen Schriftstellers Henry James, der sich immer wieder mit dem Nachleben der Toten auseinandergesetzt und oft Wirklichkeit und phantastische Elemente miteinander vermischt hat. Drei Novellen von James sollten Truffaut später als Grundlage für das Drehbuch zu "Das grüne Zimmer" dienen.

Filmszene Das grüne Zimmer von Francois Truffaut

Ein Opfer der Flammen: das grüne Zimmer

In dem Film erzählt Truffaut die Geschichte des Julien Davenne, der traumatisiert von den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs zurückkehrt. Zehn Jahre später ereilt ihn ein nächster Schicksalsschlag, als seine geliebte Frau stirbt. Die beiden Ereignisse führen dazu, dass sich Davenne fortan der Erinnerung an die Geliebte widmet. Er richtet ihr eine Art Gedenkzimmer, "das grüne Zimmer", ein. Auch nachdem dieser Ort des Trauerns bei einem Brand zerstört wird, setzt Davenne seine Erinnerungsarbeit fort.

Private Trauer

Auf einem Friedhof stößt er auf eine von der Kirche nicht mehr genutzte kleine Kapelle. Nach einem Gespräch mit dem zuständigen Priester erhält er die Erlaubnis, das Gotteshaus als privaten Trauerraum zu nutzen. Er stattet es mit hunderten Kerzen, Bildern und anderen Devotionalien aus. Eine junge Frau, die Davenne kennen- und auf seine Weise wohl auch lieben lernt, unterstützt ihn bei seiner Trauerarbeit. Am Ende jedoch führt die intensive Beschäftigung Davennes mit dem Tod in eine für ihn fatale Richtung.

Filmszene aus Das grüne Zimmer mit Francois Truffaut Nathalie Baye (Foto: koch media)

Er sucht den Kontakt zu den Toten: Julienne Davenne (François Truffaut)

Das grüne Zimmer" nimmt eine Sonderstellung im Werk des französischen Regisseurs ein. Truffauts Filme waren oft von einer Mischung aus Melancholie und Heiterkeit, aus Ernsthaftigkeit und Humor geprägt. "Das grüne Zimmer" ist jedoch ein durch und durch ernsthafter Film. "Jahr für Jahr müssen wir Namen in unserem Adressbuch ausstreichen, und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem wir feststellen müssen, dass wir mehr tote als lebende Menschen kennen", schrieb der Regisseur später.

Beziehung zu den Toten

Diese Erkenntnis hätte ihn und seinen Drehbuchautor Jean Gruault dazu bewogen, die Vorlage für den Film zu schreiben. Dabei bezogen sich die beiden auf drei Kurzgeschichten von Henry James und auf biografischen Notizen des Autors. François Truffaut: "Im Gegensatz zu dem, was die sozialen und religiösen Gewohnheiten uns glauben lassen, kommt es vor, dass man zu bestimmten Toten ebenso aggressive wie leidenschaftliche Beziehungen unterhalten kann wie zu Lebenden. Die Ereignisse in dem Film 'Das grüne Zimmer' drehen sich um folgende Frage: Soll man die Toten vergessen?"

Opfer des eigenen Wahns

"Was würde passieren, wenn wir für die Toten, ungeachtet der Zeit, die vergeht, die gleichen starken Gefühle empfinden würden, wie wir sie den Lebenden entgegenbringen würden?", fragte der Regisseur. Die Antwort, die er mit seinem Film gab, fiel durchaus zwiespältig aus. Indem er seinen Helden Julien Davenne, den Truffaut selbst spielte, als einen sensiblen und feinfühligen Charakter darstellt, zeigt er seine ganze Sympathie für diesen verzweifelten Charakter. Auf der anderen Seite weist Truffaut aber auch auf die Gefahren einer allzu intensiven Auseinandersetzung mit den Toten hin. Davenne wird am Ende zum Opfer seines übersteigerten Wahns.

Filmszene Das grüne Zimmer von und mit Francois Truffaut und Nathalie baye (Foto: koch media)

Auch die junge Frau kann ihm auf Dauer nicht helfen: Nathalie Baye und Truffaut in "Das grüne Zimmer"

"Was so sehr berührt an all diesen Figuren, ist ihre Leidenschaft - eine Leidenschaft, um die wir sie beneiden", schreibt der deutsche Filmpublizist Robert Fischer, der den französischen Regisseur zu dessen Lebzeiten oft traf und mit ihm befreundet war. "Wer wünschte sich nicht, einen Menschen, einen Beruf, eine Sache so zu lieben, dass man ganz darin aufgeht? Was an den Truffautschen Figuren gleichzeitig beunruhigt, ist der Exzess oder vielmehr das, was man als Exzess empfinden muss: die Liebe wird zur Amour fou, die Begeisterung zur Manie, die Leidenschaft zur Obsession."

Das Publikum spielte nicht mit

Obwohl die Aufnahme des Films auf Festivals und bei der Kritik sehr gut war, wollte das Publikum dem beliebten Regisseur bei diesem Film nicht folgen. "Das grüne Zimmer" wurde zu einem finanziellen Desaster, das Truffaut schwer zu schaffen machte. Im Rückblick jedoch erweist sich "Das grüne Zimmer" als eines der eindringlichsten Werke des Regisseurs, der, obwohl er sich nicht als religiös bezeichnete, einen der intensivsten Filme der Kinogeschichte zum Thema Tod gedreht hat.

François Truffaut: Das grüne Zimmer, Frankreich 1978, 91 Minuten, mit F. Truffaut, Nathalie Baye, Jean Dasté u.a., als DVD in der Reihe "Masterpieces of Cinema" beim Anbieter Koch Media erschienen.

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