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Kultur

Vor 60 Jahren war die Geburtsstunde der "Gruppe 47"

Vor 60 Jahren lud Hans-Werner Richter erstmals junge Autoren ins süddeutsche Füssen ein. Niemand ahnte, dass das Treffen die Geburtsstunde der einflussreichsten Institution des deutschen Literaturbetriebes war.

Heinrich Böll, Ilse Aichinger und Günther Eich, Quelle: dpa

Die Schriftsteller Heinrich Böll, Ilse Aichinger und Günther Eich auf einer Tagung der "Gruppe 47" 1952

Als der Journalist und Schriftsteller Hans-Werner Richter junge Autoren und Autorinnen 1947 ins süddeutsche Füssen einlud, sollten sie sich lediglich gegenseitig ihre Texte vorlesen und diskutieren. "Und so brachten die alle ihre Manuskripte mit und lasen vor und dann fing eben an, was später 'Gruppe 47' genannt wurde. Eine Vorstellung etwas Derartiges zu machen hatte ich nicht", berichtete einst Richter.

Richter, der 1993 gestorben ist, wurde die treibende Kraft der Gruppe. Ihr gehörten fast alle Schriftsteller an, die die westdeutsche Nachkriegsliteratur geprägt haben: Heinrich Böll und Günter Grass, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, Martin Walser und Hans-Magnus Enzensberger und viele andere.

Einladung per Postkarte

Hans-Werner Richter, Quelle: dpa

Ritual von Lesung und Spontankritik: Der Schriftsteller Hans-Werner Richter war die Treibende Kraft der "Gruppe 47" (Archivbild 1979)

Richter blieb derjenige, der bis zum Schluss persönlich einlud - immer per Postkarte, so heißt es. Die Gruppe war kein Club oder Verein mit Mitgliedsausweis. Im Grunde existierte sie nur während ihrer Tagungen; das war in der Regel zweimal im Jahr. Man verstand sich als "Werkstatt", als lose Vereinigung von Schriftstellern, die sich über ihre Texte austauschten. Allerdings mit einem großen Anspruch: Nach den Erfahrungen des Krieges wollte man sich absetzen von der Vergangenheit, von allem Traditionellen. Ausgehend von einer "Stunde Null" der Literatur, ausgerufen von einer jungen Generation, die nach dem Krieg begonnen hatte zu schreiben. Richter definierte das so: "Eine solche Generation fängt immer radikal an - also ich spreche hier von der Literatur - indem sie alles wegwischt, was vorher war und erst später stellt man dann fest: Das alles, auch die 'Gruppe 47', lag im Grunde genommen in der großen Entwicklung der deutschen Literatur." Andererseits seien die Beziehungen, seien emigrierte Schriftsteller natürlich auch Vorbilder der Gruppe gewesen. Man habe sich jedoch von diesen absetzen wollen.

Schule der Demokratie mit den Mitteln der Literatur

Günter Grass

Günter Grass beschreibt seine Zeit in der "Gruppe 47" als "ein Stück Sozialisierung" (Archivbild 2002)

Vor allem in der Sprache: Ohne Schnörkel und Pathos sollte sie sein, eindeutig und realitätsnah. Zwar wollte man sich nicht direkt in die Politik einmischen: Aber es sei der Glaube dabei gewesen, durch Literatur doch etwas bewirken zu können. Ein rein literarisches Interesse sei eigentlich nicht vorhanden gewesen, sondern "immer dieser Wunsch, die Mentalität der Deutschen zu verändern", sagt Richter. "Wenigstens soweit, wie wir es konnten. Und weg vom Obrigkeitsstaat."

Eine Art Schule der Demokratie mit den Mitteln der Literatur, das wollte die "Gruppe 47" in ihren Anfängen sein. "Kritik, Auseinandersetzung, Unruhe" - so formulierte Hans-Werner Richter das Credo.

Schon wenige Jahre nach der Gründung wuchs auch das öffentliche Interesse. Je prominenter Mitglieder wie Böll, Grass oder Uwe Johnson wurden, desto mehr professionelle Kritiker - wie Marcel Reich-Ranicki oder Hans Mayer - zog es zu den Tagungen. Aus den Lesungen im kleinen Kreis wurden bald spektakuläre Großveranstaltungen, über die Presse und Rundfunk ausführlich berichteten. Auch Verleger kamen jetzt auf der Suche nach gut verkäuflichen Manuskripten.

Eine lebende Legende

Ingeborg Bachmann, Quelle: ORF

Erkennt erste Risse in der "Gruppe 47" - Ingeborg Bachmann

Die "Gruppe 47" war zur Institution geworden. Und schon bald zur lebenden Legende. Denn wie radikal sie am Ende noch war, darüber gab es gegensätzliche Meinungen. Ingeborg Bachmann, eine ihrer berühmtesten Vertreterinnen, äußerte sich 1964 skeptisch: "Ich höre neuerdings, dass die politische Aktivität, die literaturpolitische Macht dieser Gruppe beachtenswert sein soll." Ihr sei das nicht aufgefallen. Höchstens, dass die deutschen Schriftsteller, "die sich dem Verdacht aussetzen, radikale, gefährliche Ansichten zu vertreten, fast ausnahmslos derart gemäßigt denken, dass sie in einem anderen Land - Italien oder Frankreich etwa - sich dem Verdacht aussetzen, zu wenig zu denken" sagte Bachmann.

Tatsächlich wurden erste Risse deutlich. Denn mittlerweile war es nicht mehr nur die Generation der "Kriegskinder", die den Ton angab. Viele der jüngeren Schriftsteller engagierten sich jetzt auch partei-politisch. Und am Vorabend der Studenten-Revolte von 1968 wirkte die "Gruppe 47" insgesamt politikfern. Mitglieder wie Hans-Magnus Enzensberger oder Peter Weiss blieben den Tagungen fern: sie hielten jetzt den Vietnam-Konflikt oder Fragen der Dritten Welt für wichtiger als Literatur-Debatten im geladenen Kreis.

Die Auflösung der "Gruppe 47" im Jahr 1967 war eine konsequente Entwicklung. Ihre Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Nachkriegsliteratur war da schon unbestritten.

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