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Afrika

Vor 50 Jahren - Das Erdbeben von Agadir

Schon wieder hat ein schweres Erdbeben ein Land verwüstet: Chile galt wie zuvor auch Haiti als Risikogebiet. Das marokkanische Agadir dagegen nie. Dennoch vernichtete ein Erdbeben vor 50 Jahren die gesamte Stadt.

Ruinen von Agadir (AP-Photo/Bernard Rouget)

Die Ruinen von Agadir am 1. März 1960

Hussein ist weit über 70, ein alter Mann mit tiefen Furchen im Gesicht. Noch immer führt er Touristen durch Agadir, das sonnige Urlaubsparadies mit dem endlosen Sandstrand, der sanft ins Meer übergeht. Hussein erzählt gern von seiner Stadt, doch er leidet an der Erinnerung. Seine innere Uhr ist schon lange stehengeblieben. Am 29. Februar 1960. Einem Tag im Fastenmonat Ramadan. An diesem Tag geht für Hussein, den Teenager, die Welt unter. Innerhalb von Sekunden verliert er seine ganze Familie.

Wie von Geisterhand

Offizielle Warnungen gibt es nicht, aber die Natur kündigt das Erdbeben an. Am Nachmittag schwappen Wassereimer wie von Geisterhand über. In den Hotels verrutschen die Bilder an den Wänden und hängen schief. Es ist 23.41 Uhr, als die Erde bebt. 15 Sekunden, dann ist alles vorbei. 15.000 Menschen sterben. Zehntausende werden obdachlos.

König Hassan II von Marokko

Leitete die Rettungsaktionen: König Hassan II.

Die Erdstöße sind so stark, dass 500 Kilometer entfernt, im Observatorium von Casablanca, ein Seismograph zerbricht. Auf der Richterskala werden später 5,7 gemessen - kein Vergleich zum Beben der Stärke 7 auf Haiti. Dennoch: Das Epizentrum des Bebens von Agadir liegt direkt unter der 400 Jahre alten Stadt, viele Häuser sind baufällig - die Wirkung ist verheerend. Augenzeugen sprechen von einer "Riesenfaust", die selbst große Gebäude wie Kartenhäuser in Minutenschnelle zu einem Trümmerhaufen zerschmettert hat. "Das war eine einzige Katastrophe", erinnert sich Husssein, "alle waren tot, ich war ganz allein. Soldaten haben mich aus den Trümmern gerettet und in ein Lager gebracht".

Überfüllte Friedhöfe

Am Tag nach dem Beben reist König Mohammed V. ins Katastrophengebiet. Sein Sohn, der spätere König Hassan II., leitet die Rettungsaktionen. Überlebende müssen evakuiert werden, noch mehr Häuser drohen einzustürzen. Die Friedhöfe sind überfüllt, die Menschen haben kein Geld, um ihre Angehörigen zu begraben. Leichen werden mit bloßen Händen verscharrt. Der Chergui, der heiße Wüstenwind, bläst die Hitze in die Souss-Ebene, das Thermometer steigt auf über 40 Grad. Alle haben Angst vor Seuchen wie Cholera oder Typhus.

Cafes und Restaurants reihen sich am Strandboulevard in Agadir aneinander, aufgenommen am 22.1.2002.

Agadir heute als Touristen-Hochburg

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich ist mit ihrer Marine in Agadir stationiert – sie stellt die ersten internationalen Hilfskräfte. Auch Spanien kann von nahegelegenen Stützpunkten im damaligen Spanisch-Westafrika schnell Unterstützung leisten. Die USA errichten Luftbrücken zu ihren Militärbasen nach Deutschland – von dort werden Rettungshelfer eingeflogen, aber auch Medikamente, Decken, Nahrungsmittel. Auch die Deutschen packen mit an – die Agadir-Mission ist der erste Auslandseinsatz der noch jungen Bundeswehr. In den Ruinen am Atlantischen Ozean erklärt Marokkos König: "Heute müssen wir ein neues Agadir gründen. Das alte hat aufgehört zu exisitieren."

Neues Agadir

Agadir wurde praktisch neu gebaut, aber es ist heute blass und ohne Konturen, vielen mediterranen Hochburgen des Massentourismus zum Verwechseln ähnlich. Am kilometerlangen Sandstrand reiht sich ein blütenweißer Hotelkoloss an den anderen, Golfanlagen schießen wie Pilze aus dem Boden. Außer der Ruine der Kasbah, in fast 300 m Höhe einst zur Abwehr der Portugiesen erbaut, sind keine historischen Bauten erhalten geblieben. Nach 50 Jahren hat der Ferienort Agadir die Geschichte beiseite geräumt. Das Trauma von damals bleibt – in den Köpfen der Menschen.

Autor: Alexander Göbel

Redaktion: Klaudia Pape