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Geschichte

Vor 100 Jahren geboren: Erich Honecker

Er leistete Widerstand gegen Hitler, saß dafür im Gefängnis. Er organisierte den Bau der Berliner Mauer und wurde vom Opfer zum Täter. Von 1971 bis 1989 regierte Erich Honecker die DDR, bis ihn sein Volk davonjagte.

"Springer beschäftigt sich mit meinem Geburtstag. Bringt eine ganze Seite in 'Bild'. Nein, zwei Seiten. Sie begreifen sich als Sieger. Eine primitive Gesellschaft", räsonierte der einstige DDR-Staatschef im August 1992 im Gefängnis Berlin-Moabit. Zwei Jahre später ist er tot.

Honecker war ein Mensch des 20. Jahrhunderts: Er erlebte sämtliche politische Wandlungen Deutschlands in dieser Epoche und war selbst einer ihrer maßgeblichen Gestalter. Als er am 25. August 1912 als Sohn eines Bergmanns im saarländischen Neunkirchen an der Saar geboren wird, herrscht noch Kaiser Wilhelm II. Sechs Jahre später endet der Erste Weltkrieg. In den zwanziger Jahren lernt Honecker Dachdecker und tritt unter dem Einfluss seines Vaters in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. Dort wird er 1930 hauptamtlicher Funktionär im Saargebiet und für ein Jahr zur Schulung nach Moskau geschickt.

Widerstand gegen Hitler

Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 wird die KPD in Deutschland verboten und für Honecker beginnt eine Zeit zwischen kurzzeitigen Festnahmen und der Flucht ins Ausland. Trotz Gefahren kehrt er immer wieder nach Deutschland zurück und setzt die kommunistische Agitation im Untergrund fort. Im Dezember 1935 wird er von der Geheimpolizei Gestapo entdeckt und 1937 von den Nazis wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes etwa 1929 (Foto/Copyright: Bundesarchiv)

Schon als Kind Kommunist: Spielmannszug des kommunistischen "Roten Frontkämpferbundes" um 1929. Hinter der großen Trommel Vater Wilhelm Honecker, rechts neben ihm Sohn Erich

Am 6. März 1945 gelingt ihm die Flucht aus einer Baukolonne. Er taucht in Berlin unter und schließt sich nach Kriegsende dem stalintreuen Kommunisten Walter Ulbricht an, der aus dem Moskauer Exil nach Ostdeutschland zurückgekehrt ist. 1949 gründet Ulbricht in der sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und wird ihr erster Staatschef.

Wilde Ehen

Während Staatschef Ulbricht hohe Moralvorstellungen vertritt, gibt sich sein Günstling Honecker einem regen Liebesleben hin. Kaum verheiratet, verliebt sich Honecker als Leiter des kommunistischen Jugendverbandes FDJ in die 22-jährige FDJ-Funktionärin Margot Feist aus Halle und bekommt ein uneheliches Kind mit ihr. Im Sommer 1952 befasst sich sogar das oberste Führungsgremium der DDR, das Politbüro, mit der wilden Ehe des Genossen Honecker. Erst 1955 wird er von seiner Frau geschieden. Noch im gleichen Jahr heiratet er Margot, die von 1963 bis 1989 Ministerin für Volksbildung wird.

Erich Honecker mit Kampfgruss auf dem Parteitag im Jahr 1971 (Foto: Koard)

Honecker ballt die Faust zum "Kampfgruß" der Arbeiterbewegung

Trotz moralischer Vorhaltungen der Alt-Kommunisten steigt Erich Honecker innerhalb der neugegründeten "Sozialistischen Einheitspartei" (SED) auf und wird 1958 Sekretär für Sicherheitsfragen des Politbüros. Erich Honecker avanciert damit nach Walter Ulbricht zum wichtigsten Mann im Staat. Er wird 1961 außerdem mit der Planung des Mauerbaus in Berlin beauftragt. Bis zu seinem Tod sieht er in der Berliner Mauer einen notwendigen "antifaschistischen Schutzwall", der die "Weltlage entspannt hat".

Brandt stürzt über Honeckers Spion

Am 3. Mai 1971 tritt er die Nachfolge Ulbrichts an und lässt sich, nach anfänglichem Zögern, auf die westdeutsche Entspannungspolitik von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) ein. Die innerdeutsche Annäherung führt 1972 zum Grundlagenvertrag, der wesentliche Reiseerleichterungen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ermöglicht. Zwei Jahre später tritt Willy Brandt zurück: Im Kanzleramt in Bonn ist einer seiner engsten Vertrauten, Günter Guillaume, als DDR-Spion enttarnt worden. Brandt hat Honecker diesen Schachzug nie verziehen.

Die innerdeutschen Beziehungen bleiben davon indes unberührt. Die nachfolgenden Bundeskanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl setzen ihre Entspannungsbemühungen mit der DDR fort. Höhepunkt der Annäherung wird der Staatsbesuch Honeckers im September 1987 in Bonn, womit Bundeskanzler Kohl de facto die DDR als legitimen zweiten deutschen Staat anerkennt.

Zitronensaft: Honecker privat

Dem jüngst erschienenen Buch "Honecker privat" seines ehemaligen Personenschützers Lothar Herzog ist zu entnehmen, dass der Staatsratsvorsitzende der DDR seinen Cockerspaniel bis zur Selbstaufgabe verwöhnte und jeden Morgen Zitronensaft trank. Außerdem liebte er lösliches Kaffeepulver aus dem Westen, er bevorzugte West-Bier, und auch seine Frau Margot rauchte die im Westen produzierten HB-Zigaretten. Alles Genußmittel, die der Mehrheit der DDR-Bürger verwehrt blieben. Der einstige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß, der seit 1983 mit Honecker auf freundschaftlicher Besuchsebene verkehrte, fand, dass der DDR-Diktator, "dem man gemeinhin eine trockene Art nachsagt, ein lebendiger Erzähler" sei. Dem Brandt-Vertrauten Egon Bahr fielen an Honecker "seine fahle, pergamentene Haut und sein stechender Blick" auf.

Erich Honecker 1987 neben Helmut Kohl in Bonn (AP-Photo/Fritz Reiss/- 09/07/1987 -)

Erich Honecker (links) 1987 beim Besuch in Bonn mit Bundeskanzler Helmut Kohl

Während Franz-Josef Strauß 1987 beeindruckt war, dass Honecker "während seines Staatsbesuches mehr als einmal sichtlich bewegt" war, ahnte damals niemand die Tragweite: Die Visite Honeckers in der früheren Bundeshauptstadt Bonn markierte nicht die Festigung der DDR als eigenen Staat, sondern den Anfang von ihrem Ende. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker stellte später fest: "Faktisch förderte Honeckers Besuch in Bonn nicht die Zweistaatlichkeit, sondern den Zusammenhalt Deutschlands." Denn der Besuch führte dazu, dass Millionen von DDR-Bürgern Ausreiseanträge für Westdeutschland stellten. Die Kommunistin Sahra Wagenknecht aus Jena, heute stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Partei "Die Linke" im Bundestag, warf Honecker deshalb noch 1992 verärgert "überzogene Liberalität" vor, die wesentlich zum Scheitern der DDR beigetragen habe.

"Wer zu spät kommt, ..."

Doch die Welt stand längst im Banne der Umgestaltung des Ostblocks, an der der neue Sowjetführer Michail Gorbatschow seit 1986 arbeitete. Während andere Ostblockstaaten wie Polen und Ungarn erkannten, dass die Reformen Gorbatschows zu Unabhängigkeit von der Sowjetunion und zu persönlicher Freiheit ihrer Bürger führten, beharrte Honecker darauf, "bis zum bitteren Ende durchzuhalten", erinnert sich der russische Diplomat Valentin Falin. Während Honecker mit großen Feierlichkeiten der Gründung der DDR vor 40 Jahren gedachte, flohen im Sommer 1989 mehr als 20.000 DDR-Bürger in den Westen, darunter spektakulär 6000 im September 1989 über die westdeutsche Botschaft in Prag.

Demonstranten treten auf ein Porträt auf dem Boden von DDR-Chef Erich Honecker (Foto: Jockel Finck, AP)

Am 15. Januar 1990 stürmen Demonstranten die Zentrale der Staatssicherheit in Berlin

Deshalb ermahnte Gorbatschow bei seinem Besuch in Ostberlin am 7. Oktober 1989 Honecker mit den seither berühmt gewordenen Worten: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Honecker war bereit zur blutigen Konfrontation mit seinem eigenen Volk. Willy Brandt hat in seinen Erinnerungen darüber den Kopf geschüttelt: "Honecker hatte bereits den Einsatzbefehl an die NVA (Anmerkung: Nationale Volksarmee) unterschrieben; scharfe Munition war ausgegeben. In Dresden waren bereits die Panzer aufgefahren."

Letztlich verdankte es Honecker seinem damaligen Politbüro, dass er nicht als grausamer Schlächter in die Geschichte einging, denn seine "Genossen" verweigerten seine Befehle und setzten ihn am 18. Oktober 1989 ab. Im März 1991 flieht er nach Moskau, wird jedoch von der russischen Regierung wieder an Deutschland ausgeliefert, wo Mordanklage gegen ihn erhoben wird aufgrund des Schießbefehls der DDR an der innerdeutschen Grenze.

"... den bestraft das Leben."

Gegen Ende seines Lebens stellt Honecker verbittert fest, dass er  im gleichen Gefängnis in Berlin-Moabit eingesperrt ist wie in jungen Jahren, als er gegen die Nazis agierte. Er sieht sich erneut als Opfer und klagt darüber, "dass man diejenigen heute Verbrecher nennt, die man gestern ehrenvoll als Staatsgäste begrüßt hat." Weil Honecker unheilbar an Krebs erkrankt ist, wird Anfang 1993 das Verfahren gegen ihn eingestellt. Ihm wird die Ausreise nach Chile gestattet, wo seine Frau und seine Tochter bereits Zuflucht gefunden haben. Erich Honecker stirbt am 29. Mai 1994 in Santiago de Chile.

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