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Tierwelt

Von wegen dumm! Warum wir Fische unterschätzen

Fische sind die vielleicht missverstandensten Tiere der Welt. Lange Zeit hielt man sie für gefühllose, einfältige Kreaturen. Aber neue Studien stellen unser Bild von den Unterwasserlebewesen auf den Kopf.

Es ist eins der bekanntesten Mythen über Fische: das Drei-Sekunden-Gedächtnis. Selbst, wenn das Aquarium klein und eng ist, das macht dem Goldfisch nichts aus. Er schwimmt fröhlich seine Runden - und bis er die erste Runde zurückgelegt hat, hat er schon wieder vergessen, wo er ist. Für dieses kleine Dummerchen ist es jedes Mal wieder ein neues Abenteuer.

Doch dieser Mythos ist falsch. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich Goldfische an bis zu fünf Monate zurück erinnern können. Andere Fischarten wie der Karpfen haben eine noch längere Merkspanne. Sie vermeiden einen bestimmten Angelköder für drei Jahre, nachdem sie einmal auf ihn hereingefallen sind.

Das vermeintlich kurze Gedächtnis ist aber nur eins von vielen Missverständnissen über Fische. Die Unterwasserwesen haben viel mehr drauf, als wir denken. Forscher fangen gerade erst an zu verstehen, wie intelligent und sozial Fische eigentlich sind.

Schlechtes Image

Fische könnten eine PR-Kampagne gut gebrauchen, denn ihr Image als dümmliche, glubschäugige Tiere werden sie einfach nicht los.

Der Tierverhaltensforscher Jonathan Balcombe hat es zu seiner Aufgabe gemacht, den schlechten Ruf der Fische aufzupolieren. "Fische bekommen nicht so viel Mitgefühl von uns wie andere Tiere", sagt Balcombe der DW. Der Grund: "Wir können sie nicht sehen, wir teilen nicht dieselbe Welt. Und sie sind nicht Teil von unserem Leben - außer sie landen auf unserem Teller."

In seinem Buch "What a Fish Knows" (was Fische wissen) widerlegt er Mythen über Fische und enthüllt, was sie alles können, wie sie es tun und warum. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass sich Fische gegenseitig erkennen. Sie können sogar lernen, die Gesichter von Menschen zu identifizieren. Viele Fischarten sind sehr sozial. Sie leben in Gruppen, gehen gemeinsam auf Jagd und halten sich den Rücken frei in gefährlichen Gegenden.

Und ja, auch das: Fische empfinden Schmerzen - sowohl körperlich als auch psychisch. Legt man sie in einen Eimer, der nur mit wenigen Zentimetern Wasser gefüllt ist, zeigt ihr Cortisonspiegel nach einer halben Stunde, dass sie gestresst sind - kaum verwunderlich.

Fische wissen auch, wie sie Schmerzen lindern können. Wissenschaftler haben Schmerzmittel an einer Stelle im Wasser aufgelöst, die die Fische normalerweise meiden. Plötzlich sind viele Fische in diese Ecke geschwommen.

Indonesien Artenvielfalt am Riff (picture-alliance/blickwinkel)

Die Unterwasserwelt ist für uns Menschen eine ganz andere Welt

Das sind bahnbrechende Erkenntnisse, sagt Balcombe. Aber sie sind auch umstritten. "Wir wollen uns nicht eingestehen, dass Fische schmerzempfindlich sind. Wenn wir wissen, dass sie leiden, dann müssten wir das Thema Angeln in Frage stellen", argumentiert er. "Es ist unangenehm, aber wir müssen uns mit dem neuen Wissen anfreunden." 

Auch Fische sollen nicht leiden

Einige haben bereits erkannt, dass bei Fischen sehr viel mehr los ist als lange gedacht. Einer von ihnen ist Douglas Waley. Er arbeitet bei der Tierschutzorganisation Eurogroup for Animals. Er ist, einfach ausgedrückt, ein Lobbyist für Fische.

Und so einen braucht es dringend, sagt Waley der DW. "Mehrere Billionen Fische werden jedes Jahr gefangen oder in Fischfarmen gezüchtet - doch kaum jemand kümmert sich darum, ob es ihnen gut geht."

In den frühen 2000er Jahren gab es eine Reihe von neuen Tierschutzregelungen auf europäischer Ebene - Fische aber wurden darin nicht beachtet. Damals wusste man noch nicht sehr viel über das innere Leben der Fische. Die Wissenschaft war noch nicht so weit.

Bildergalerie Europäischer Tag der Meere Hochseefischerei Trawler Frankreich (Marcel Mochet/AFP/Getty Images)

Ein normal großer Trawler fängt bis zu hundert Tonnen Fisch am Tag

Tierschutzgesetze auch für Fische

Vorschriften legen genau fest, wie Kühe, Schweine, Hühner und andere Tiere, die wir essen, zu schlachten sind. Für die Fischindustrie gelten solche Vorschriften nicht. Fische werden oft in großen Netzen gefangen und stundenlang übers Meer gezogen, bevor sie auf dem Schiff abgeladen werden und ersticken.

Jetzt, wo man aber weiß, dass Fische Schmerzen empfinden, gilt diese Methode als grausam, sagen viele Experten. Fischlobbyisten wie Waley setzen sich deswegen für neue internationale Vorschriften ein. "Fische sollten schnell mit einer Angelschnur gefangen und sofort betäubt und getötet werden", sagt er. Für Freizeitangler in Deutschland gilt das bereits. 

Es könnte Jahre dauern, bevor internationale Gesetze dementsprechend angepasst werden. Wie schnell es geht, hängt auch davon ab, wie sehr die Bevölkerung es fordert. Bisher ist die öffentliche Unterstützung für so ein Vorhaben gering. Es sei einfach schwer für Menschen, sich mit den schuppigen Tieren zu identifizieren, meint Waley: "Fische haben kein Fell, sie sind nicht kuschelig. Und weil sie unter Wasser leben, können wir sie nur selten und kurz besuchen."

Der Fischlobbyist findet trotzdem, dass Fische unsere Liebe und Aufmerksamkeit verdient haben - so wie alle anderen Tiere auch.

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