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Kultur

Von "Twin Peaks" bis "Heimat" - Serienjunkies und ihre Lieblingsserie (III)

"Deutschland 83" heißt die TV-Serie, die schon in den USA lief und demnächst auch hierzulande ausgestrahlt wird. Anlass für uns nachzufragen: Welche Serien haben die Mitglieder der Kulturredaktion süchtig gemacht?

Twin Peaks (USA 1990 – 1991, 2 Staffeln, 30 Episoden)

Eigentlich erstaunlich, dass eine so skurrile Serie wie "Twin Peaks" so erfolgreich war. Und noch erstaunlicher, dass man ihre nicht minder skurrilen Charaktere als völlig normal empfindet und teilweise sogar lieb gewinnt: ein mit übernatürlichen Fähigkeiten begabter FBI-Agent mit seinem Faible für "guten, schwarzen Kaffee", eine schrullige alte Lady, die mit einem Stück Holz redet oder auch eine Mittvierzigerin mit Augenklappe, die meint sie ginge noch zur High School. Aber David Lynch und Mark Frost ist genau das gelungen: Als 1990 die erste Staffel anlief, zog sie die Zuschauer in einen Bann, der viele bis heute nicht losgelassen hat.

Und mir, obwohl ich die Serie sehr viel später als 1990 gesehen habe, geht es nicht anders. Sobald die von Angelo Badalamenti komponierte, beklemmende Titelmelodie erklingt, die Kamera über den dunklen Wald im amerikanisch-kanadischen Grenzgebiet schweift, bin ich gefangen im bizarren Universum von "Twin Peaks"…

Fernsehserie Twin Peaks Filmstill mit Sherilyn Fenn (Foto: CBS /Landov)

Sherilyn Fenn in "Twin Peaks"

Wer ermordete Laura Palmer? Das ist die zentrale Frage, die sich durch die komplette erste Staffel zieht und die nur teilweise aufgeklärt wird. An einem Fluss wird die übel zugerichtete Leiche der High-School-Königin und Vorzeigeschülerin gefunden. FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) übernimmt die Ermittlungen. Schritt für Schritt dringt er immer tiefer ein in ein Labyrinth aus Sex, Drogen und Gewalt, das sich hinter der spießigen Fassade der Kleinstadt verbirgt und in dem sich auch die auf den ersten Blick so anständige Laura Palmer verloren hatte.

Die zweite, zugegeben schwächere Staffel verstärkt die auffallend künstlichen Charakterkonstellationen und bizarren Situationen. "Twin Peaks" ist ein surreales Gesamtkunstwerk, das sich auch heute noch keinem Genre zuordnen lässt – mit durchgeknallten Psychiatern, Dämonen, die sich als Eulen in den Wäldern manifestieren und einem grausamen Killer, der von anderen Menschen Besitz ergreift. Und immer wieder wird auf Ereignisse angespielt, die 25 Jahre in der Zukunft spielen. Womit niemand bei Abschluss von Staffel II rechnete, 2017, also fast genau 25 Jahre später, soll nun wirklich die dritte Staffel ausgestrahlt werden. Werden Lynch und Frost das Rätsel lösen oder muss Agent Cooper weiter in der Vorhölle des "Roten Zimmers" schmoren…? (Annabelle Steffes)

Die Simpsons (USA, seit 1989, bisher 27 Staffeln, über 580 Episoden)

"Die Simpsons" haben für mich immer einen Mehrwert: Und wenn es nur der ist, mich hervorragend unterhalten zu lassen. Meistens ist es aber bedeutend mehr: eine Art subversive Spiegelung dessen, was man in den Nachrichten, Talkshows und "Wir erklären Ihnen die Welt"-Formaten um die Ohren gesendet bekommt. Und das Beste: Ich muss gar nicht immer jede Folge schauen. Ich verliere nicht den Anschluss, wenn ich mal - und das kommt sehr häufig vor - Besseres zu tun habe als meinem nicht vorhandenen Ruf als Serien-Junkie zu frönen.

"Ich kann eine Flutwelle nicht aufhalten, aber ich kann sehr wohl auf ihr surfen", sagt der Erfinder von Bart, Homer & Co., Emmy-Gewinner Matt Groening. Das gelingt ihm und seinen Geschichtenschreibern meistens vortrefflich.

Filmstill Simpsons (Foto: (AP Photo/Fox Broacasting Co.)

Lisa , Marge , Maggie, Homer and Bart in "Die Simpsons"

"Die Simpsons sind selbst als zu rezipierendes Produkt identifizierbar und somit zumindest doppelt codiert." Häää? Was bitte? Das war ein Zitat meines ehemaligen Uni-Dozenten Andreas Rauscher. Hier die Erklärung: "'Die Simpsons präsentieren sich als Fiktion, als erfundene Geschichte, reflektieren aber gleichzeitig die Methode der Erfindung, die sie darstellen. Und sie erfinden eine Rezeption von Erfundenem, was die Banalität ihrer eigenen Erfindung über sich selbst hinaushebt." Allein dieser Satz ist großartig. Noch Fragen? Dann schaut Euch "Die Simpsons" an. (Nikolas Fischer)

Queer as Folk (USA, 2000 – 2005, 5 Staffeln, 83 Folgen)

"Kult" scheint eine zu schwache Beschreibung für die Serie, die im US-Kanal "Showtime" lief und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Heute sind Schwule und Lesben im US-Fernsehen ziemlich Mainstream. Noch vor 15 Jahren hatten die Produzenten und Drehbuchautoren Ron Cowen und Daniel Lipman für ihre neue Serie jedoch Casting-Probleme; Agenturen fürchteten einen Karriereknick ihrer Schauspieler, sollten sie Homosexuelle spielen.

Pittsburgh, seine Liberty Avenue, die Bars, Clubs, Saunen und eine Disco namens Babylon sind die Orte des Geschehens in "Queer as Folk". Sex, Drogenmissbrauch, Partystimmung und Beziehungskisten waren auf das schwule und lesbische Publikum geeicht; doch im Endergebnis bildeten heterosexuelle Frauen die Mehrzahl des Fernsehpublikums.

Randy Harrison US-Schauspieler

Randy Harrison spielte Justin, der sein Coming-Out mit Brian erlebt

Es liegt an den Charakteren, angefangen mit Brian - dem erfolgreichen, sexsüchtigen und heterophobischen Platzhirsch, der vor nichts Angst hat außer vor dem L-Wort - nicht "Lesbe" sondern "Liebe". Den Teenager Justin schleppt er zu Beginn ab; in 82 weiteren Folgen geht es um ihre Beziehung, die keine richtige ist. Justin wird von seinem Vater verstoßen, zieht zu Brian, wird Opfer eines brutalen schwulenfeindlichen Anschlags - und ist trotz allem der reifste von allen. Brians konventionell gestrickter alter Schulfreund Michael, Michaels Über-Mutter Debbie und Ehemann Ben, Emmett, die schrille Südstaaten-Tunte, Ted, der verklemmte Buchhalter, der der Crystal-Meth-Sucht anheimfällt, sie runden die Liste ab. Doch noch nicht ganz: Melanie und Lindsay führen eine turbulente lesbische Ehe und ziehen zwei Kinder groß; die Samenspender waren Brian und Michael.

Leute wie du und ich? Nein, anders - doch nachher meint man, sie gehören zur Familie - oder man gehört zu ihr. Liebevoll wie schonungslos werden die großen Themen modernen Lebens darin behandelt. Dadurch lernte ich, was "binge viewing" heißt - das zwanghafte Nichtloslassenkönnen von der Serie auf DVD. (Rick Fulker)

Weissensee (Deutschland, seit 2010, 3 Staffeln, 18 Episoden)

Zuletzt habe ich voller Begeisterung alle Staffeln der deutschen Serie "Weissensee" gesehen. Für mich eine Art "Dallas" des Ostens. Die Serie spielt zur Zeit des Kalten Krieges in Ost-Berlin und nähert sich mit jeder Staffel der Wiedervereinigung an. "Weissensee" erklärt vor allem dem westdeutschen Teil der Bevölkerung und den "Nachgeborenen" die Spätphase der DDR. Staffel 1 spielt im Jahre 1980, es folgt die Zeit der regimekritischen Unruhen 1987 in Staffel 2, und in Staffel 3 fällt 1989 die Mauer.

Katrin Saß und Uwe Kockisch in Weissensee (Foto: Fabian Bimmer dpa)

Katrin Saß und Uwe Kockisch in "Weissensee"

Zwei Familien bilden den dramaturgischen Rahmen. Die Kupfers sind linientreu, die Hausmanns sind eher Opfer der DDR. Genau wie bei "Dallas" gibt es einen guten und einen bösen Bruder, der bei der Stasi arbeitet. Es gibt viele Filme, die spannend das Leben jenseits der Mauer erzählen, aber zu sehen, wie eine ostdeutsche Familie daran zerbricht - und das mit Superbesetzung - ist wirklich toll. Neben vielen Ereignissen, die man aus der Zeitung kennt, gibt es erhellende Einblicke in den politischen und gesellschaftlichen Umbruch, als sich mit dem "Neuen Forum" Widerstand formiert. Trotzdem ist "Weissensee" kein langweiliger Geschichtsunterricht, sondern eine horizontal erzählte, mitreißende Serie, die eigentlich jeder an Deutschland interessierte Mensch gesehen haben muss. (Sabine Oelze)

"Heimat" (Deutschland, 1981 - 2012, 3 Staffeln, 31 Episoden, Dokumentar- und Spielfilme)

Schon der erste Teil der "Heimat"-Serie, jenes Hybrids zwischen Kino und Fernsehen, war 1984 eine filmische Offenbarung - auf großer Leinwand im Kino! Hier kam ein Regisseur und beglückte die Zuschauer (und mich) mit etwas ganz neuem: einer Filmerzählung über deutsche Geschichte jenseits von Geschichtsklitterung und Kitsch, Verdrängung und Weltenflucht. "Heimat" erzählt das Leben der Deutschen aus der Perspektive der Provinz. Wobei das fiktive Hunsrück-Dorf Schabbach bei Regisseur Edgar Reitz zum dramaturgischen und filmischen Weltenmittelpunkt wurde.

Das Team aus der Zweiten Heimat mit Regisseur Edgar Reitz vorne (Foto: picture-alliance/kpa)

Das Team aus der "Zweiten Heimat" mit Regisseur Edgar Reitz vorne links

Die Fortsetzung, eine Dekade später, "Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend" (1992), begeisterte mich dann noch mehr. Wohl auch, weil es hier nicht um Weltkrieg und Wiederaufbau ging, sondern um das Leben der Studenten in einer Großstadt. Das war mir näher. Die Erlebnisse von Hermann Simon (Henry Arnold) im München der 1960er Jahre sind so liebevoll und sorgfältig erzählt, so mitreißend und einfühlsam gespielt, dass mich das auch beim wiederholten Anschauen immer wieder in Bann zieht.

Reitz drehte 2004 noch eine dritte Staffel (die nicht ganz so stark war) und ließ vor zwei Jahren noch eine Art Prolog, den dreieinhalbstündigen Spielfilm "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" folgen. Die "Zweite Heimat" aber blieb für mich das Herzstück der Serie. Und gab mir ganz nebenbei als jemandem, der mit den großen französischen, italienischen, spanischen, japanischen und US-amerikanischen Filmen aufgewachsen war, den Glauben an das Deutsche Kino zurück. (Jochen Kürten)

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