1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Von Rittern und Narrenfreiheit

Das Mittelalter hat auch in der Sprache seine Spuren hinterlassen: Wir sind entrüstet, weil jemand etwas im Schilde führt. Nicht die Narren. Die genießen – besonders an Karneval oder Fasching Narrenfreiheit.

Sprecherin:

Aus einem Felsen scheint sie emporgewachsen mit ihren vielen Türmen, die Burg Eltz. Als Kinder haben wir von ihr Modelle gebaut. Man hat sie gepuzzelt und auf dem alten 500-Mark-Schein betrachtet. Sie ist eine der besterhaltenen Burgen Deutschlands, in der Nähe der Mosel liegt sie, im Tal des Eltz-Baches.

Sprecher:

Übrigens ist Eltze der keltische Name für Erle – und die gibt’s hier wirklich noch in Massen.

Sprecherin:

In dieser Burg haben seit der Zeit Friedrich I. Barbarossas, also um 1152, viele Menschen gelebt, Menschen, die uns heute recht fremd erscheinen.

Sprecher:

Doch im Grunde sind uns die Menschen des Mittelalters näher als wir denken – durch die Sprache: etwas im Schilde führen, entrüstet sein, Narrenfreiheit genießen, leuchtendes Vorbild werden. Wir benutzen solche Begriffe heute noch in der deutschen Alltagssprache. Mittelalter und Moderne: die Sprache verbindet. Machen wir also mit Dieter Ritzenhofen eine Führung durch die Burg Eltz.

Sprecherin:

Nicht über die dürren historischen Fakten, sondern über den Alltag und die Sprache stellt er die Verbindung zu den Besuchern her. Das merkt man bereits am Eingang zum Haupttrakt, als er über die Burgtürme erzählt.

Dieter Ritzenhofen:

"Wenn man unten steht, ist ein Turm sehr hoch. Und wenn man oben ist, ist der, der unten steht, sehr klein. Und das ist nicht zuletzt auch die Idee eines Turms. Also Türme sind ganz wichtig, aber auch zum Türmen."

Sprecher:

Ein Turm war eben auch immer eine Zufluchtsstätte. Man hat sich in einen Turm zurückgezogen, um dort in Sicherheit zu sein, denn die Wendeltreppen, die meist zu Burgtürmen führen, waren ja leicht zu verteidigen, weil die Feinde ja nur nacheinander hinauf gelangen konnten. Heute noch benutzt man das Wort türmen, wenn jemand flieht oder sich in Sicherheit bringt.

Sprecherin:

Bereits in der Zeit Friedrichs I. – so um 1157 – wird ein Rudolf von Eltz in einer Schenkung erwähnt. Er hat hier wohl als Ministerialer, also als Beamter des Kaisers, gewohnt. Drei Familien lebten in einer Art Genossenschaft zusammen. Die von Eltz-Rübenach, von Eltz-Kempenich und von Eltz-Rodendorf. Sie errichteten eine Randhausburg aus acht Burgtürmen und kontrollierten damit die Handelswege. Heute gehört die Burg dem Grafen von Eltz-Kempenich. Allerdings wohnt er hier nur selten.

Sprecherin:

In der Empfangshalle des Rübenacher Hauses hängt das Erwartete: Ritterrüstungen in verschiedenen Größen, Flinten, Hellebarden und Ähnliches. Aber, über die Betrachtung dieser alten Waffen schlägt Ritzenhofen den Bogen zur Gegenwart.

Dieter Ritzenhofen:

"Der Ritter ist ja der Berittene und sie saßen hoch zu Ross, in Harnisch geraten, hochtrabend auf ihren Pferden. Und wenn jemand mit 30 Kilo Rüstung ins Fußvolk geriet, hatte er keine Chance mehr. Und deshalb musste sich ein vornehmer Ritter immer merken, nicht ins Fußvolk zu geraten."

Sprecher:

Heute noch sagt man jemand sitzt auf einem hohen Ross, selbst wenn er kein Ritter ist und schon gar kein Pferd besitzt. Die Passanten erklären, wie es gemeint ist.

O-Töne:

"Dass man über den Mitmenschen oder über den Arbeitskollegen steht, ja, arrogant ist und auf einem hohen Ross sitzt. / Ja, dass er eben hochnäsig ist, sich über andere erhebt, ne. Du sitzt aber auf einem hohen Ross."

Sprecher:

Hochnäsig sein, die Nase hoch tragen – das sind auch Begriffe für Arroganz. Man schaut von oben auf jemanden herab, man wähnt einen in der sozialen Stufe weit unter sich und fühlt sich überlegen. Die sprachlichen Begriffe aus dem Mittelalter entstanden aus konkreten Lebenserfahrungen.

Sprecherin:

Heute werden sie noch als Sprachbilder benutzt. Sie sind in ihrem Aussagekern eben noch brauchbar wie einer unserer Passanten beweist, der sich über den Fußballclub 1. FC Köln auslässt.

O-Ton:

"Wenn der FC am Wochenende in Köln spielt und ich das nicht weiß, und ich steige in die Linie 1 ein und die Bahn ist noch relativ leer, und an der nächsten Haltestelle, da steigen dann plötzlich ein paar Hundert Leute grölend ein, dann ist es mir passiert, dass ich versehentlich unters Fußvolk geraten bin."

Sprecher:

Die Ritter des Mittelalters und der Fußballmuffel der Neuzeit haben etwas gemeinsam: beide müssen aufpassen, dass sie nicht in eine unangenehme Situation geraten, also nicht ins Fußvolk, um dort verloren zu gehen.

Sprecherin:

Was viele Besucher besonders an der Burg Eltz fasziniert, sind die Schlafzimmer. Wahrscheinlich weil sie Toiletten haben. Die Toilettenschächte führen bis zum Dach und das Regenwasser wird über diese Toilettenschächte abgeleitet. Also gab es bereits 1472 bei Regen eine Wasserspülung auf dieser Burg. Von wegen nur immer schmutziges und unhygienisches Mittelalter. In einem kleinen Erker ist eine Kapelle mit Glaswänden, die aus der Zeit der Gotik stammt. Da die meisten Menschen damals weder lesen noch schreiben konnten, benutzte man Glasbilder und Bildtafeln als Bildergeschichten wie vielleicht unsere Comics heute. Sie brachten dem Volk die Bibel näher, die Gleichnisse Jesus und die Heiligenlegenden.

Dieter Ritzenhofen:

"Diese Glaswände werden als Bilderfolgen gestaltet und diese Bilder in den Glaswänden sind nur verstehbar mit Licht und deshalb sind das Lichtbilder. Im Johannes-Evangelium steht 'Gott ist das Licht im Lichte' und da sagt der Thomas von Aquin, mit dem Lichte Gottes werden wir in unseren Kathedralen den Menschen über diese leuchtenden Bilder erleuchten. Mit leuchtenden Vorbildern, das konnt' man hier schon wirklich annehmen."

Sprecher:

Licht bedeutet Sein, denn ohne Sonne wächst nichts. In der christlichen Geisteslehre spielt das Licht als Symbol für Gott eine große Rolle. Im Licht kann man alles sehen, vor allem eben diese Glasbilder, durch die erst das Licht scheinen muss, damit man sie versteht. War auf einem Glasbild ein Heiliger dargestellt, war der dann eben ein leuchtendes Vorbild für die Kirchgänger damals. Heute ist es eher schwierig, leuchtende Vorbilder zu finden, denen wir moralisch und ethisch nachstreben können.

Sprecherin:

Jede Burg hat natürlich einen großen Ritter- und Festsaal. So auch die Burg Eltz. Ein riesig langer, schwerer Eichentisch und Stühle mit hohen Lehnen stehen in seiner Mitte. An den Wänden lehnen wieder Rüstungen. In dem Saal der Burg Eltz haben sich wohl die Vertreter der drei Familien getroffen, um sich hier zu beraten. Eine Schweigerose über dem Ausgang des Saals hat die Familienoberhäupter daran erinnert, über das hier Gesagte außerhalb der Burgmauern zu schweigen. Aber wahrscheinlich haben sie sich nicht immer daran gehalten. Dieter Ritzenhofen macht auf einen Narrenkopf aufmerksam, der an der langen Außenwand hängt. In diesem Raum herrschte Narrenfreiheit.

Sprecher:

Der Narr war im Mittelalter eigentlich der geistig Schwache. Er genoss den Schutz der Gesellschaft. Später zogen sich durchaus weise Leute das bunte Narrenkleid an und zogen an die Herrscherhöfe, um den Königen die Meinung zu sagen, ohne bestraft zu werden.

Dieter Ritzenhofen:

"Der Narr ist immer der, der das sagt, was er denkt. Narrenfreiheit bedeutet Redefreiheit."

Sprecher:

Der Begriff Narrenfreiheit ist auch heute noch in Gebrauch, denn es gibt sie wohl noch immer, diese Art der Freiheit.

Sprecherin:

Heute besuchen rund 350.000 Gäste im Jahr die Burg Eltz. Und sie betrachten eine Wohnkultur, die es im Mittelalter nur für zwei Prozent der Bevölkerung gab. Allerdings war diese Wohnkultur nicht ganz so komfortabel wie die unserige. Es war recht kalt, obwohl auf der Burg schon 40 von 100 Räumen beheizbar waren und es gab wenig Möbel. Denn Möbel kosteten ein Vermögen. Und auch die Rüstungen waren ziemlich teuer.

Dieter Ritzenhofen:

"Es hat einmal ein Ritter ausgegeben das Jahreseinkommen eines Gutes von 1000 Hektar Land, um eine einzige Rüstung zu finanzieren. Es war ein hohes Vermögen. Und es gab eine Eigenart bei Turnieren, dass man, wenn man unterlag, seine Rüstung dem Bezwinger gab. Man hat dann als Bezwungener, Unterlegener, dem Ritter die Rüstung übergeben und musste sich 'ne sehr teure neue Rüstung kaufen und deshalb war man entrüstet. Ist man ja heut' noch, entrüstet, wenn ein großer Verlust einem ins Hause steht."

Sprecher:

Der Mensch der Gegenwart ärgert sich, also entrüstet sich, nicht mehr darüber, dass er seine Rüstung abgeben muss und damit ein beträchtliches Vermögen. Aber vielleicht regt er sich über zu hohe Steuern auf, oder?

O-Töne:

"Ich bin entrüstet über die Charakterlosigkeit dieser Zeit. / Ich entrüste mich zum Beispiel darüber, wenn ich ältere Damen sehe, die sich lautstark über laut plärrende oder spielende Kinder aufregen, die dann aber ihren Lieblingsfiffi in die Botanik scheißen lassen, nach Möglichkeit noch bei Leuten direkt vor die Tür oder den Eingang. Darüber kann ich mich ernsthaft entrüsten."

Sprecher:

Wer den letzten Kommentar nicht ganz verstanden hat, dem sei gesagt, Lieblingsfiffi ist eine leicht abschätzige Umschreibung für das Wort Lieblingshund und Botanik heißt eigentlich Pflanzenkunde. Hier wird das Wort für Grünflächen oder den Garten benutzt, auch in leicht ironischer Absicht.

Sprecherin:

So einige Aha-Erlebnisse haben die Besucher während unserer Burgführung auch bei der Wappenkunde. Selbst der deutsche Muttersprachler ist verblüfft, als wir uns im Festsaal die Schilde der Ritter näher anschauen.

Dieter Ritzenhofen:

"Die Schutzwaffe des Ritters, das ist sein Schild. Und auf diesem Schilde war sein Zeichen, damit man wusste, wer er war. Hätte man das nicht damals eingesetzt, wäre man ständig verwechselt worden im Krieg und man hätte nie gewusst, was der andere im Schilde führt, denn man konnte am Schild erkennen Freund von Feind."

Sprecher:

Jemand führt etwas im Schilde – man benutzt diese Redewendung heute noch.

O-Ton:

"Ja, das bedeutet schon, dass jemand eine gewisse Absicht hat. Das heißt, jemand beabsichtigt, etwas zu tun und möchte das aber nicht ganz offen darstellen, sondern versucht so ein bisschen zu taktieren, versucht so hintenrum sein Ziel zu erreichen und dann würd' ich sagen, jemand führt etwas im Schilde. Das, was jemand im Schilde geführt hatte, das weiß man praktisch erst, wenn die Aktion eingetreten ist."

Sprecher:

Heute ist es also gar nicht so einfach, Freund oder Feind zu erkennen. Bei den Rittern mit ihren Schilden war das leichter. Da lief nichts hintenrum. Wenn jemand etwas hintenrum macht, macht er etwas hinter unserem Rücken, wo wir ja keine Augen haben und daher nichts sehen können. Er macht es also heimlich. Meistens führt derjenige, der etwas hintenrum macht, etwas Böses im Schilde.

Sprecherin:

Unser Rundgang durch die Burg endet unten in der großen Küche mit dem riesigen Kamin und der Kochstelle darin. Hier hängen – wie früher – die geräucherten Schinken und Würste hoch oben am Haken, geschützt vor Ungeziefer. Vielleicht kommt daher der Ausdruck etwas ist hoch gehängt oder die Trauben sind recht hoch gehängt, um zu sagen, dass etwas fast unerreichbar ist. Für uns Gäste des Mittelalters hat Dieter Ritzenhofen zum Abschied noch einen kleinen moralischen Vergleich parat. Damit wir uns nicht für besser halten, als die Menschen im Mittelalter, das viele heute ja noch das finstere Mittelalter nennen.

Dieter Ritzenhofen:

"Ein Ritter von Eltz hatte bis in den Hohen Venn hinein seine Ländereien. Es werden sicherlich arme Bauern da gelebt haben, die vielleicht sogar verhungerten. Wir werden in einem Reisebüro ein Ticket kaufen können, um in Elendsgegenden dieser Welt mit einem Super-Jet hinzureiten, sagen, wir müssen was verändern, fliegen nach Hause und haben es zu Hause vergessen. Also wir sind alle Burgbewohner geworden und keiner wagt es, schon wie die Spießbürger der großen Städte über die Mauer zu schauen."


Fragen zum Text

Die Burg Eltz liegt …

1. am Rhein.

2. an der Mosel.

3. an der Elz.

Wenn jemand plötzlich flüchtet, dann …

1. steigt jemand hoch zu Ross.

2. entrüstet sich jemand.

3. türmt jemand.

Narrenfreiheit hatten …

1. Ritter.

2. Priester.

3. Spaßmacher am Hofe.

Arbeitsauftrag

Hochnäsig seinauf einem hohen Ross sitzenentrüstet seinNarrenfreiheit genießen: Es gibt zahlreiche Begriffe und Redewendungen aus dem Mittelalter, die Eingang in die heutige Alltagssprache gefunden haben. Bilden Sie bis zu zwanzig Sätze, in denen Sie einige in dieser Folge verwendeten Wörter und Redewendungen richtig einsetzen.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads