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Asien

Von Pjöngjang nach Potsdam

Internationale Wettkämpfe waren bisher die einzige Gelegenheit für nordkoreanische Sportler, das abgeschottete Land zu verlassen. Jetzt durften zwei Nachwuchs-Fußballerinnen für eine Woche in Potsdam trainieren.

Fußballerinnen auf dem Platz (Foto: Rebecca Roth / DW)

Fußballerisches Ausnahmetalent Kim Un Hyang beim Training in Potsdam

Auf dem Spielfeld des 1. FFC Turbine landet ein Ball nach dem anderen im Tor. Die erste Mannschaft des Potsdamer Frauenfußballclubs trainiert für die Meisterschaft. Unter den meist blonden Spielerinnen fallen zwei junge Asiatinnen besonders auf. Es sind Jon Myong Hwa und Kim Un Hyang. Die eine ist athletisch gebaut, die andere zierlich. Etwas verloren stehen sie am Spielfeldrand, doch wenn die beiden 15jährigen an der Reihe mit Schießen sind, sind sie voll in ihrem Element. "Obwohl sie unsere Sprache nicht sprechen, haben sie alles sofort umsetzen können", lobt Turbine-Torhüterin Desirée Schumann. Auch komplizierte Torschuß- oder Passübungen seien den beiden gut gelungen. "Und auch vom Spieltempo her konnten die ganz gut mithalten."


Nordkoreas Zukunft als Fußballmacht

Fußballerin beim Dehnen (Foto: Rebecca Roth / DW)

Dehnen und Strecken – immer unter Aufsicht der nordkoreanischen Betreuerin

Kein Wunder: Jon Myong Hwa und Kim Un Hyang sind die besten Nachwuchskickerinnen Nordkoreas: Bei der U-17- Weltmeisterschaft schoss Jon Myong Hwa ihre Mannschaft ins Finale, und Kim Un Hyang machte das entscheidende Tor zum Sieg über die USA.

Auf den beiden ruht Nordkoreas Hoffnung international als führende Fußball-Macht anerkannt zu werden, erklärt der japanisch-koreanische Agent und Spielervermittler Yoon Taejo: "In Nordkorea hat man sich überlegt, was man tun könnte, um das fußballerische Niveau des Landes auf internationaler Ebene nach oben zu bringen." So entstand auch die Idee, es besonderen Talenten zu ermöglichen, im Ausland Erfahrungen zu sammeln. Damit sei auch die Politik einverstanden gewesen, sagt Yoon Taejo.

Ostdeutsche Talentschmiede

Trainer mit Spielerinnen im Arm Foto: Rebecca Roth / DW)

Cheftrainer Bernd Schröder mit seinen Schützlingen

Dass die Anfrage aus Nordkorea gerade an den Verein Turbine Potsdam ging, überrascht Chefcoach Bernd Schröder nur wenig. Der Hüne mit den streng zurückgekämmten grauen Haaren ist ein Fußball-Patriarch. Er trainierte schon die Frauen-Nationalmannschaft der DDR. Nach der Wende hat er auf dem Areal der ehemaligen DDR Spitzensportschule eine Talentschmiede für Fußballerinnen aufgebaut: Komplett mit einem Sportinternat – die erste offizielle Elitesportschule für Mädchen.

Die Möglichkeit, zwei Ausnahmetalente aus Nordkorea zu Spitzenfußballerinnen aufzubauen, wäre aus seiner Sicht eine einmalige Chance für sein Potsdamer Modell. "Wir wollen uns als der Verein hinstellen, der besonders viel für den Nachwuchs tut." Und dieses Modell soll nicht nur europaweit ausgebaut werden, sondern in die ganze Welt getragen werden. Und so eben auch nach Asien: "Alle sollen sehen, was wir in Potsdam schulisch, pädagogisch und sportlich leisten können."

Fußball-Diplomatie

Nordkoreanische Fußballerinnen bei Turbine Potsdam

U17 Weltmeisterin Jon Myong Hwa

Schon ab Herbst sollen die beiden Mädchen für drei oder vier Jahre die Potsdamer Eliteschule besuchen und bei Turbine Potsdam mittrainieren. Doch dafür bedarf es einiger Ausnahmeregelungen. Über die Zukunft der beiden Nachwuchs-Fußballerinnen müssen daher Bildungspolitiker, Fußballfunktionäre und Diplomaten erst noch beraten. Und was wollen Jon Myong Hwa und Kim Un Hyang? Die Antwort fällt eindeutig aus: "Wir spielen in erster Linie für unser Land", geben beide offen zu. Und sehen darin einen großen Unterschied zu den westeuropäiischen Spielerinnen, die jeder für sich antreten. Ein Denken, dass den beiden angehenden Fußball-Stars aus Nordkorea gänzlich fremd ist. "Unser Traum ist es, unseren großen Vater glücklich zu machen!"

Diese Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Kicken für Kim Jong Il – das ist es, worauf es ankommt. Und ob sie das in Potsdam oder in Pjöngjang tun, das haben die beiden ohnehin nicht zu entscheiden.


Autorin: Rebecca Roth
Redaktion: Esther Broders