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Alltagsdeutsch – Podcast

Von Nachteulen und Schichtarbeitern

Viele Menschen machen die Nacht zum Tag. Nachtschwärmer ziehen von einer Kneipe in die nächste. Andere arbeiten bis in die frühen Morgenstunden. Für alle gilt: die Müdigkeit besiegen und sich auf das Bett freuen.

Sprecherin:

Wissen Sie eigentlich, was alles so passiert in Ihrer Stadt, während Sie friedlich im Bett vor sich hin schlummern?

Sprecher:

Da zapfen noch ein paar Wirte die letzten Biere. Die Drucker sorgen für Ihre Morgenzeitung, auf dem Großmarkt bereiten sich die Obst- und Gemüsehändler auf den neuen Tag vor, und die Stellwerker der Bundesbahn geleiten Züge sicher durch die Nacht.

Sprecherin:

Das alles kann man als Tourist hautnah erleben.

Sprecher:

Und da lernt man dann Nachteulen, Schichtdienstler, Morgenmuffel und leidenschaftliche Zocker kennen.

Sprecherin:

Die Tour beginnt, damit sie nicht ganz trocken endet, in Hellers Bio-Brauerei. Und da stehen wir, rund 25 Pioniere der Nacht, um Köln einmal ganz anders zu erleben. Die Altersklassen sind gemischt und Frauen in der Überzahl. Es ist 18:00 Uhr und die Kondition noch gut.

O-Ton:

"Ich bin eigentlich gespannt darauf, was Neues kennenzulernen. Ich find das interessant, also dass der Abend jetzt nicht so gestaltet ist, dass man jetzt von einer Kneipe in die andere zieht, sondern dass man auch halt was zu sehen bekommt, halt wirklich Nachtarbeiter sozusagen."

Sprecherin:

Ein Lehrer bekennt:

O-Ton:

"Ich bin ein also begeisterter Zocker, sage ich mal in Anführungszeichen, und dann passiert das schon mal, dass mal 'ne Nacht draufgeht."

Sprecher:

Ein Lehrer als Glücksspieler? Tttt. Das heißt Zocker nämlich. Der Begriff kommt aus dem Jiddischen von zchoken, was dasselbe wie spielen bedeutet. Und man beachte außerdem: Es hat sich seit ein paar Jahren die Mode eingeschlichen, dass man etwas in Anführungszeichen sagt. Normalerweise sind Anführungszeichen nur in der Schriftsprache zu sehen, sprechen kann man sie ja irgendwie schlecht. Aber mancher Zeitgenosse schafft es eben doch und unterstreicht seine Absicht noch mit der dazugehörigen Geste. Er malt imaginäre Anführungszeichen in die Luft. Ziel der Aktion: Eine einmal gemachte Aussage wieder abzumildern und keine weitere Verantwortung dafür zu übernehmen. Folglich ist unser Lehrer auch kein wirklicher Zocker, sondern nur ein harmloser Mensch, der ab und zu gerne Karten spielt.

Sprecherin:

Der erste Spätarbeiter, den wir zu Gesicht bekommen, ist Bernd Heller. Und der ist kein Zocker, sondern Brauereibesitzer und nimmt uns Kölsch-Liebhabern manch historisch gewachsene Illusion.

O-Ton:

"Kölsch war ein Arme-Leute-Bier. Und wenn sie Kölsch noch nach dem Krieg getrunken haben, das war 'ne schreckliche Prülle. Das trank keiner, das war ein Arme-Leute-Bier."

Sprecher:

Arme-Leute-Bier werden sie fragen. Ist das eine deutsche Biermarke? Natürlich nicht. Der Ausdruck soll klar machen, dass das Bier damals – heute natürlich nicht – von schlechter und billiger Qualität war. Was außerdem mit dem Ausdruck schreckliche Prülle ja nochmals betont wird. Prülle ist ein Begriff aus Norddeutschland und heißt wertloses, schlechtes Zeug, eben Müll.

Sprecherin:

Nichts desto trotz darf jeder einmal das neugebraute Kölsch Hellers Wieß probieren. Und während wir so kosten, erklärt Bernd Heller, dass Bier eigentlich vier Wochen lagern muss, aber in den großen Brauereien hat es dazu nur noch 36 Stunden Zeit.

O-Ton:

"Und das ist auch der Unterschied zwischen einer industriellen Brauweise und so 'ner Klitsche, wie wir es sind. Was wir machen und andere kleinere Brauereien und dadurch ein hervorragendes Bier bekommen, einfach liegenlassen, zum Beispiel bei der Lagerung. Dem Bier Ruhe geben, das über Wochen liegen lassen. Und die großen Brauereien jagen ihr Bier – sie sagen, sieben Tage haben sie es fertig – im Klartext Karneval und so zwei Tage, anderthalb Tage. Das geht ruckzuck immer durch, geht gar nicht anders."

Sprecher:

In dem Wort Klitsche steckt noch das polnische Wort Klic mit drin, was Lehmhütte heißt. Ins Neudeutsche übersetzt, ist eine Klitsche also ein unbedeutender kleiner Laden. So sieht Bernd Heller seine Brauerei in aller Bescheidenheit im Vergleich zu den großen Braukonzernen. Wenn etwas schnell geschieht, dann geht es ruckzuck. Eigentlich ist es ein zusammengesetztes Kommando. Es besteht aus dem Wörtchen ruck, was rücken, also rasches Hin- und Herbewegen meint, und aus zuck, das kräftiges Ziehen bedeutet.

Sprecherin:

Es ist 19:00 Uhr. Ruckzuck müssen auch wir weiter. Während der Busfahrt fahnde ich nach den notorischen Nachtschwärmern.

O-Ton:

"Von Beruf bin ich Speditionsmann und hab also sehr viel auch mit Spätarbeit zu tun. Ansonsten bin ich nicht unbedingt einer, der jetzt mal die Nacht sich um die Ohren schlägt. Man lernt bestimmt nachts mal gewisse, eine gewisse Atmosphäre kennen, die man sonst normalerweise nicht hat. Das kann nüchtern sein, das kann aber auch vielleicht auch ganz interessant sein. / Ich bin eine ausgesprochene Nachteule und in meinem Bekanntenkreis leider zur Zeit gar keiner, und es hat mich auch mal so interessiert, was angeboten wird, die verschiedenen Sachen, da kommt man sonst ja auch nicht hin, ne."

Sprecher:

Ich bin auch ein Mensch, der sich manche Nacht um die Ohren schlägt. Woher das Bild kommt? Vom Schlachthof. Um die Ohren herum wird das Schlachtvieh getroffen, wenn es getötet wird. Keine schöne Vorstellung, nicht wahr. Aber heute denkt daran niemand mehr, wenn er davon spricht, sich die Zeit um die Ohren zu schlagen oder auch die Zeit totzuschlagen, also relativ sinnlos zu vergeuden. Nüchtern war der Herr, der da über Atmosphäre philosophierte, dabei nicht mehr ganz, denn er hatte schon etwas gegessen und getrunken. Nüchtern ist ein Klosterausdruck, abgeleitet vom lateinischen nocturnus, was nächtlich heißt. Der erste Gottesdienst im Kloster wurde sehr früh am Morgen abgehalten, und die Mönche durften vorher nichts essen und trinken. Heute wird nüchtern auch im Sinn von langweilig und schwunglos benutzt.

Sprecherin::

19:30 Uhr – Stellwerk Köln-Mülheim. Klaus begrüßt uns und erklärt gleich, was ein Stellwerk so tut. Es ist dazu da, den Zugverkehr zwischen zwei Betriebsstellen zu lenken, zu leiten, zu sichern und zu überwachen. Und das geschieht hier alles elektronisch, Knopfdruck genügt. Weshalb ein schlauer Nacht-Tourist gleich die Frage stellt: Was ist bei Stromausfall? Denn da helfen keine elektronisch selbstgesteuerten Weichen, und alle Züge stehen still. Klaus kramt in seinem Gedächtnis.

O-Ton:

"Dat ist dann sehr, sehr stockend, dat ganze, ne. Ja, stellen Sie sich mal vor: War auch nachts um 0:30 Uhr passiert, dat ganze Theater, ne. Jetzt sind die hier mit zwei Männekes nachts nur, ne. Dat muss man sich nur mal bildlich vorstellen. Denn es ist dann einer total überfordert, der kann dat nit machen. Und einer soll noch runterlaufen und die Weichen kurbeln gehen und gucken, wo die stehen, das ist fast unmöglich, ne."

Sprecher:

Dass es in einem so stocknüchternen Bau wie dem Mülheimer Stellwerk Theater gibt, liegt auch nicht so einfach auf der Hand. Nun, das rührt von den Vorurteilen unserer Ahnen her. Die meinten nämlich, das Theaterspiel sei laut und übertrieben. Ergo gab es im Stellwerk wegen des Stromausfalls viel Aufregung. Vor allem, weil nur zwei Männekes da waren, eine ziemlich niedliche und norddeutsche Umschreibung für kleine Männer. Die waren jetzt nicht wirklich zwergwüchsig, sondern normalgroß. Doch Donner betont damit, dass nachts zu wenig Personal da ist.

Sprecherin:

Während unsere Fahrdienstleiter weiter rund 600 Züge sicher durch die Nacht geleiten, sind wir im Druckhaus des Kölner Stadt-Anzeigers, die auflagenstärkste Tageszeitung der Region. Es ist jetzt 22:00 Uhr. Konditionscheck:

O-Ton:

"Joh, so langsam, so dieses Busfahren, ne, das schläfert schon so'n bisschen ein. Also, ich muss gleich mal irgendwie 'n Kick kriegen, sonst flach ich ab."

Sprecher:

Beim Kick sind wir mitten drin in der Jugendsprache, und die ist vor allem durch Anglizismen geprägt. Kick ist im Englischen der Tritt. Und die Dame braucht jetzt einen eben solchen, um nicht einzuschlafen. Sie braucht irgendetwas Interessantes, das sie wach hält.

Sprecherin:

Spätestens an der Rotationspresse sind dann alle wieder wach. 40.000 Zeitungen à 64 Seiten rattern in einer Stunde durch. Unsere Frühstückszeitung ist auch dabei. Und dass es sie gibt, dafür sorgen all die Nachtarbeiter hier – fast ausschließlich Männer. Oft haben sie vierzehn Schichtdienste hintereinander.

O-Ton:

"Die Scheidungsrate ist bei uns also etwas hoch, ne. Ist ganz klar, also. Man muss da also eine sehr starke Persönlichkeit haben, ne. Wenn also der Mann jeden Abend weg ist, ist nicht gerade das angenehmste, das ist ganz klar."

Sprecherin:

Unsere Druckerei-Tour endet bei Schnittchen in der Kantine. Uhrenkontrolle: Es ist 0:30 Uhr. Die Augen werden kleiner, die Gesprächspausen länger und erste Entschlüsse gefasst.

O-Ton:

"Auf jeden Fall mit dem Taxi nach Hause, nicht mit der Bahn. Ja, ja, sicher. / Warum? / Ja also, das tu ich mir nicht mehr an, mit umsteigen und warten, nä."

Sprecherin:

Wir fahren zum Hotel Timp. Und unsere Reisebegleiterin bereitet uns auf unser Nachtasyl vor, eine ganz besondere Kölner Kneipe.

O-Ton:

"Also das Hotel Timp versteht sich jetzt nicht nur als reiner Szeneladen, und am Wochenende ist das da sehr gemischt. Meistens dauert's immer so 'ne Stunde, bis die Menschen auftauen und dann auch mitsingen oder tanzen. Es kommt immer drauf an, wie die Gruppe mit drauf ist. Ich hab mich vorher auch nie reingetraut. Ja, ich wusste nicht, was das für 'n Laden ist und wusste nicht, wie schräg und wie schrill es ist. Ich dachte immer, man geht ins Timp erst um drei oder vier. Und das war dann immer so 'ne Zeit, so lang hab ich's in anderen Kneipen nie ausgehalten abends."

Sprecher:

Wenn es irgendwo in einer Kneipe gemischt ist, können sie ruhig eintreten, denn dann sind die verschiedensten Leute willkommen. Nicht nur, die sich in der Szene bewegen, also ein bestimmter Kreis auserwählter Menschen, die sich in Kleidung, Meinung und Gesprächsstoffen nur wenig unterscheiden. Und wenn Menschen dort auch noch auftauen, passiert beinahe dasselbe wie beim Eis. Eis wird zu Wasser und kommt in Bewegung. Menschen werden nach längerem Schweigen plötzlich gesprächig und ungeheuer lustig. Sie sind dann eben gut drauf. Drauf ist das wichtigste Stimmungsbarometerwort der 13-25jährigen. Wenn die gut drauf sind, haben sie gute Laune. Sind sie schlecht drauf, haben sie schlechte Laune. Das Wort kommt eigentlich aus der Drogenszene. Dort ist man nur drauf, wenn man Drogen eingenommen hat. Aber im Hotel Timp, wo die Atmosphäre schräg und schrill ist, also ungewöhnlich und erfrischend anders, ist man auch so gut drauf.

Sprecherin:

Das Timp bietet eine vergnüglich unperfekte Travestieshow bis morgens um vier. Die schönen Nachtarbeiterinnen, die in ihren erotischen Kostümen auf einem Quadratmeter Bühne tanzen und singen, sind alles Männer. Oder doch nicht? Oder doch?

O-Ton:

Auszug aus einer Travestie-Show im Hotel Timp

"Guten Abend, meine Herren. Es freut uns, dass Sie kamen, und wir sehen Euch auch sehr gern. Es gibt hier einen Slogan. In allen Blättern steht es groß: Komm nach Köln, in unseren Musentempel Timp. Denn hier bei uns ist garantiert jede Nacht immer etwas los. Könnt Euch drauf verlassen. Wollt Ihr mir heute dabei helfen? / Ja! / Ich kann ein Mann sein, der elegant ist, der allen Damen sehr gerne die Hand küsst. Doch gib die Hand mir gleich auf der Stelle…"

Sprecherin:

Im Hotel Timp wird an diesem Abend jeder persönlich vom Besitzer Willi Geloneck angesprochen. Vor allem ein männlicher Teilnehmer hat es ihm angetan.

O-Ton:

"Du brauchst übrigens den Kopf nicht abzustützen, Hohlräume schweben im Freien. Lass fliegen. Bist du der Häuptling von den allen hier? / Sieht fast so aus. / Sind das alles Deine? Mein lieber Herr Gesangverein, Wahnsinn!"

Sprecher:

Der Herr, mit dem Willi Geloneck so schön dialogisierte, hatte übrigens mit Gesangvereinen überhaupt nichts zu tun. Mein lieber Herr Gesangverein ist ein im Deutschen üblicher Ausruf des Erstaunens.

Sprecherin:

Während wir uns im Hotel Timp amüsieren, sind am Großmarkt bereits seit 3:00 Uhr die Obst- und Gemüsehändler zu Gange: Kisten stapeln, Preise aushängen, auf Kunden warten. Gegen 4:30 treffen auch wir ein. Ich fahnde nach Morgenmuffeln, finde aber nur einen.

O-Ton:

"Na, ein bisschen morgenmuffelig schon, doch."

Sprecher:

Nachteulen und Morgenmuffel haben etwas gemeinsam: sie mögen den Morgen nicht besonders gern. Muffeln ist nämlich ein lautmalerisches Wort für murren. Und so ist ein Muffel ein mürrischer, verärgerter Mensch.

Sprecherin:

Gemüsehändler Wolfgang ist kein Morgenmuffel und findet seinen Arbeitsplatz Großmarkt herrlich, trotz der unmenschlichen Aufstehzeit.

O-Ton:

"Man ist ständig mit Leuten zusammen, mit Menschen zusammen, eh, sagen wir mal, alle Schichten, die man kennt, ne. Manche, ich sag es mal, große Geschäftsleute, wo man ein bisschen vornehmer sprechen muss, kleinere, wo man – wie man hier in Köln sagt – wie die Schnüss gewachsen ist, reden kann. Un dat is dat Schöne."

Sprecherin:

Die Luft des neuen Tages ist noch frisch und unverbraucht. Es dämmert langsam, während wir zwischen Obst- und Gemüsekisten Slalom laufen. Wir denken jetzt nur noch an eines: Bett, Bett, Bett. Aber der Streifzug durchs nächtliche Köln hat sich gelohnt.

O-Ton:

"War interessant, hat Spaß gemacht, aber jetzt ist irgendwie total die Luft raus. Es hat jedes jetzt so seinen Reiz gehabt. Das Timp jetzt zum Schluss, war natürlich, eh wie soll ich mal sagen, das war ja das Aufregendste für mich, find ich, ne. / Aber jetzt ist Feierabend? / Jetzt ist Feierabend, jetzt hab ich keine Lust mehr. Schluss. / Müde, müde, ins Bett, nur noch nach Hause."

Fragen zum Text

Eine Nachteule ist …

1. ein nachtaktives Tier.

2. die Bezeichnung für jemanden, der nachts unterwegs ist.

3. jemand, der muffelig ist.

Ist jemand betrunken, dann ist er nicht …

1. nüchtern.

2. trocken.

3. schräg

Bei einer Travestieshow verkleiden sich …

1. Frauen als Männer.

2. Männer als Frauen.

3. Männer als Tiere.


Arbeitsauftrag

Denken Sie sich in der Gruppe kleine Sketche, witzige Geschichten, aus. Besorgen Sie sich alle nötigen Requisiten dafür. Führen Sie Ihre Sketche auf, indem Sie Ihr Publikum mit einbeziehen.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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