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Kultur

Von Mudschaheddin zu Bauern

Die Kämpfer müssen entwaffnet werden, sonst hat Afghanistan keine friedliche Zukunft. Über 100.000 Kämpfer gibt es. Nur wenige gaben ihre Waffen ab. Einen traf die DW-Reporterin Sandra Petersmann.

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Minensucher in Afghanistan

Im Dezember 2001 entschieden die politische Elite Afghanistans und die internationale Staatengemeinschaft auf dem Petersberg in Bonn: Ein neues Afghanistan kann es nur geben, wenn die Kämpfer entwaffnet werden.

Zwei Jahre später: Das Land ist zwar gerade dabei, sich eine neue Verfassung zu geben, aber es sind noch genauso viele Männer unter Waffen wie noch zu Kriegszeiten.

"Ich brauche meine Waffe nicht mehr"

Einer der wenigen entwaffneten Kämpfer ist Aadina Mohammad, 38 Jahre alt und Vater von fünf Kindern. Es ist ihm peinlich, ausgerechnet mit einer Frau darüber zu sprechen, dass er seine Kalaschnikow abgegeben hat. Er zupft nervös an seinem dunklen Vollbart und zieht die dicke graue Wolldecke fester um seine schmalen Schultern. An den Füßen trägt er alte Ledersandalen - ohne Socken.

Es ist kalt an diesem vernebelten Wintermorgen, und Aadina hockt schon seit zwei Stunden vor dem Entwaffnungsbüro der Vereinten Nationen in Kunduz: "Der Kampf ist zu Ende. Die Kolonialherren und Unterdrücker haben unser Land verlassen. Ich brauche meine Waffe nicht mehr. Am Anfang war die Sowjetunion unser Feind. Nach der Sowjetunion habe ich gegen die Taliban gekämpft. Jetzt wünsche ich mir, dass der Frieden hält."

Aadina war noch keine 15, als er in den Krieg zog. Die nächsten 23 Jahre hat er nur gekämpft. Am Anfang hat er die Toten noch gezählt, später nicht mehr. In seiner Erinnerung ist nur Platz für den Befreiungskampf, für den heiligen Krieg gegen die sowjetischen Besatzer. Und für den Krieg gegen das verhasste Taliban-Regime. Die vier grausamen Jahre dazwischen, in denen sich die Mudschaheddin gegenseitig zerfleischt und die Hauptstadt verwüstet haben, blendet er aus.

Aadina ein Testfall

Der fünffache Familienvater ist ein Testfall. Er ist einer von 1000 Kämpfern in Kunduz, die ihre Waffe abgegeben haben. Die Provinz im Nordosten Afghanistans, in der jetzt auch Soldaten der Bundeswehr stationiert sind, ist das Pilotprojekt der Vereinten Nationen für die Entwaffnung Afghanistans. Die Kommandanten der Region haben Anfang November 2003 vor allem verbrauchte und unerfahrene Kämpfer geschickt, um sie unter den Augen des extra eingeflogenen Präsidenten Hamid Karsai entwaffnen zu lassen.

Aadina ist das völlig egal. Er sagt, dass er es ernst meint und dass er sich freiwillig gemeldet hat. "Ich habe in den all den Jahren nah bei meiner Familie gekämpft. Aber manchmal habe ich sie trotzdem fünf oder sechs Monate lang nicht gesehen. Viele meiner Freunde, mit denen ich Seite an Seite gekämpft habe, sind tot. Viele haben einen Arm oder ein Bein verloren. Alle, die überlebt haben, sehe ich so oft wie möglich. Wir haben genug gekämpft. Die Unterdrücker sind weg. Es ist an der Zeit, neu anzufangen."

Minen-Entschärfen oder Ackerbau

Der Ex-Kämpfer ist dankbar, dass er noch lebt. Er spricht von einem Geschenk Gottes, auch wenn er nicht weiß, wie es ohne Waffe weitergehen soll. Die Mitarbeiter der Vereinten Nationen haben ihm zwei Alternativen angeboten. Er kann sich zum Minenentschärfer ausbilden lassen oder Bauer werden. Aadina ist heute zum UN-Büro in Kunduz gekommen, weil er sich entschieden hat. "Bildung ist so wichtig für das Leben. Sehen Sie mich an. Ich bin nie zur Schule gegangen. Ich habe nur gekämpft. Getötet. Ich bin ungebildet. Ich kann nur auf dem Feld arbeiten. Ich möchte jetzt gerne ein Bauer sein."

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