Von ″Mad Men″ bis zur ″Lindenstraße″ - Serienjunkies und ihre Lieblingsserie (II) | Kultur | DW | 24.11.2015
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Kultur

Von "Mad Men" bis zur "Lindenstraße" - Serienjunkies und ihre Lieblingsserie (II)

"Deutschland 83" heißt die TV-Serie, die schon in den USA lief und demnächst auch hierzulande ausgestrahlt wird. Anlass für uns nachzufragen: Welche Serien haben die Mitglieder der Kulturredaktion süchtig gemacht?

Mad Men (USA, 2007 - 2015, 7 Staffeln, 92 Episoden)

Ich geb's zu: Angefixt hat mich 2004 "Lost", die Serie um die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer Insel im Südpazifik, die sich erst nach und nach als Mystery-Serie entpuppte und, leider, von Staffel zu Staffel schlechter wurde. Dafür, dass man sich die letzte 2010 auch noch ansah, schämte man sich insgeheim.

Richtig zum Serienjunkie aber haben mich 2007 Mathew Weiners großartige "Mad Men" gemacht, die Werbeleute aus der New Yorker Madison Avenue der 1960er und '70er Jahre. Jon Hamm als Creative Director Don Draper, immer mit einer Lucky Strike zwischen den Fingern, einem Whiskyglas in der Hand und einem ironischen Spruch auf den Lippen - ungeheuer männlich, ungeheuer Bogart, nur moderner, gebrochener.

Ein Schürzenjäger vor dem Herrn, aber eben kein Macho - aber was sag ich Schürzen: glamouröseste Roben, eleganteste Kostüme, hinreißende Courrèges-Minikleider, verspielte Hippieklamotten und in den späten '70ern der Niedergang mit spießigen braunen Dralon-Pullovern… Allein der Garderobe und der phantastischen, penibel zusammengesuchten zeitgetreuen Ausstattung wegen lohnt es sich, die Serie mehrmals anzusehen.

Jon Hamm als Don Draper in Mad Men (Foto:AMC/AP/dapd)

Jon Hamm als Don Draper in "Mad Men"

"Mad Men" zeigt den Clash der US-amerikanischen Vorstadtwelt mit dem Glanz Manhattans; die Familienidylle tritt in Wettstreit mit selbstbewussten Frauen in neuen Rollen. Sex, Drugs and Rock 'n' Roll übernehmen die Regie, und Rassenkonflikte wirken bis in die Agentur hinein. Die Serie vermittelt den Wandel der Zeiten, den wirtschaftlichen Aufbruch der '60er, die gesellschaftlichen Brüche der '70er. Ein zwar nachkoloriertes, aber doch tiefgründiges Bild des Zeiten- und Generationenwandels – das macht sie so großartig. Die Welt und die menschlichen Beziehungen werden immer konfuser, und so endete die 7. und letzte Staffel in diesem Jahr folgerichtig auf einem pessimistischen Ton – in grandiosen englischen Dialogen. (Sabine Peschel)

Curb Your Enthusiasm (USA 2000 - 2011, 8 Staffeln, 80 Episoden)

Das Prinzip Fremdschämen ist in britischen und US-Serien nicht neu. Von "Monty Python's Flying Circus" über "Seinfeld" bis hin zu "The Office" gibt es Szenen zuhauf, in denen Protagonisten in die peinlichsten Situationen geraten. Aber keine Serie treibt dieses Prinzip so auf die Spitze wie Larry Davids "Curb Your Enthusiasm".

David spielt sich in der Serie scheinbar selbst, viele seiner Freunde und Bekannte aus dem Filmgeschäft sind ebenfalls mit Echtnamen dabei. So entsteht eine Illusion von Intimität und ein Realismus, der die Peinlichkeit der Fremdschäm-Momente ins schier Unerträgliche potenziert.

Larry David in Curb your Enthusiasm (Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library)

Larry David in " Curb Your Enthusiasm"

Jede Folge beginnt mit einer scheinbar alltäglichen Situation, die sich im Laufe der Zeit in ein totales und unübersichtliches Desaster verwandelt. Man weiß am Ende nicht, ob Sozialphobiker Larry an all dem Schlamassel schuld ist oder ob er an seiner scheinheiligen Umgebung scheitert. Insofern schimmert bei dieser sehr intelligent geschriebenen und produzierten Serie bei allem Klamauk immer auch ein wenig Gesellschaftskritik durch. Definitiv nichts für Zuschauer mit schwachen Nerven und Harmoniesüchtige. (Philipp Jedicke)

The Wire (USA 2002 – 2008, 5 Staffeln, 60 Episoden) und: Show Me a Hero (USA 2015, 6 Episoden)

2008 kam die letzte Staffel von "The Wire", für mich immer noch die beste Serie aller Zeiten, in den USA zur Ausstrahlung. Der ehemalige Polizeireporter David Simon ließ darin seine mehrjährige Erfahrung im Milieu einfließen, um ein dichtes und düsteres Portrait der sozialen und gesellschaftlichen Mißstände nordamerikanischer Städte zu zeichnen.

Die neue Miniserie des US-Kabelanbieters HBO, "Show Me a Hero", die David Simon mitgeschrieben hat, besteht aus nur sechs Episoden. Insofern bietet die Serie zwar nicht die gleiche Spannweite wie "The Wire", doch kommt der Autor hier wieder zurück zu seinen Lieblingsthemen Segregation und Politik.

Oscar Isaac als Nick Wasicsko in Show me a hero (Foto: HBO/Paul Schiraldi)

Oscar Isaac als Nick Wasicsko (r.) in "Show Me a Hero"

Die Geschichte von "Show Me a Hero" basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Lisa Belkin über Nick Wasicsko. Letzterer war eine Zeit lang Bürgermeister der Stadt Yonkers, der viertgrößten Stadt im US-Bundesstaat New York. Die nach dem Buch entstandene TV-Serie zeigt ihn als naiven jungen Politiker, der sich für den Bau von Sozialwohnungen einsetzt, in denen Schwarze und Weiße friedlich zusammen leben sollen. Doch Wasicsko scheint eher von seinem aufgeblasenen Ego motiviert als vom Willen zur Gerechtigkeit. (Elizabeth Grenier)

Mord mit Aussicht (Deutschland, seit 2007, bisher 3 Staffeln mit 39 Episoden)

"Mord mit Aussicht" spielt in der Provinz, im fiktiven Dorf Hengasch in der Eifel. Dorthin wird die resolute Kriminaloberkommissarin Sophie Haas gegen ihren Willen versetzt. Mit den Dorfpolizisten Dietmar Schäffer und Bärbel Schmied muss die Großstädterin fortan für Recht und Ordnung sorgen - doch viel zu tun gibt es nicht. Ihre Kollegen stört es nicht, auf dem Revier stundenlang ins Leere zu starren. Ganz im Gegensatz zur neuen Chefin, die sich -wie ein Kind über Süßigkeiten- über jeden neuen Mord freut.

Caroline Peters (r.) in Mord mit Aussicht (Foto: ARD/Michael Böhme)

Caroline Peters (r.) in "Mord mit Aussicht"

Was die Serie so einzigartig macht, sind die kuriosen Kriminalfälle und die herrlichen Figuren: Man möchte mit den eigenwilligen Dorfbewohnern zwar nicht befreundet sein, aber ihnen zuzuschauen ist beste Unterhaltung. Da ist etwa der stets griesgrämige ehemalige Polizeichef, der seiner Nachfolgerin das Leben schwer macht. Oder die neugierige Ehefrau des Dorfpolizisten, die sämtliche Neuigkeiten im Ort meist schon vor der Polizei weiß. Die Dialoge sind witzig, selbstironisch und brechen so manch ein Vorurteil über Dörfler auf. Viele Serien-Ausdrücke ("Nee, ne?!") und Sätze ("Ist auch wichtig!") benutze ich mittlerweile ganz selbstverständlich im Alltag.

Im vergangenen Jahr war "Mord mit Aussicht" die erfolgreichste deutsche TV-Serie. Demnächst soll auch ein Spielfilm folgen. Unter dem Titel "Homicide Hills - Un commissario in campagna" lief die Serie sogar schon im italienischen Fernsehen. (Tina Reymann)

Lindenstraße (Deutschland, seit 1985, bisher über 1550 Episoden)

Wer beim Stichwort "Mutter der Nation" automatisch an Helga Beimer denkt, kann nur ein Lindenstraßen-Fan sein. Seit fast 30 Jahren ist sie die gute Seele der ersten deutschen Seifenoper überhaupt. Immer noch sind Gesichter der ersten Stunde dabei: allen voran Helga, ihr Ex-Mann Hans und ihr Sohn Klausi, der mittlerweile ein gestandener Mittdreißiger ist oder auch Dr. Ludwig Dressler und Bäckereiverkäuferin Gabi Zenker. Sie alle wohnen in der Lindenstraße, als Paar, als WG oder als Familie - und erleben gemeinsam mit den anderen Lindenstraßenbewohnern die Höhen und Tiefen des täglichen Lebens.

Marie-Luise Marjan (l.) in Die Lindenstraße (Foto: Foto: Uwe Anspach/dpa)

Marie-Luise Marjan (l.) in "Die Lindenstraße"

Natürlich gibt es auch bei der Lindenstraße die üblichen Serienzutaten wie Liebe, Neid oder Untreue, aber diese Serie packte schon lange vor allen anderen heiße gesellschaftliche Themen an. So outete sich ein schwules Pärchen, als das in deutschen Landen noch längst keine Selbstverständlichkeit war. Da die beiden Protagonisten aber so sympathisch waren, sah die vor dem Fernsehen sitzende bürgerliche Mitte ihnen das nach. Und gab, so hoffte Regisseur und Lindenstraßen-Erfinder Hans W. Geißendörfer, sich seitdem auch im wahren Leben toleranter.

Ob Alzheimer, Kindesmissbrauch, Scientology, Sterbehilfe, Neonazismus oder militanter Islamismus: Die "Lindenstraße" ist immer nah dran an den Themen, die die deutsche Gesellschaft umtreibt. Nur eines ist gewiss: Wenn es wirklich hart auf hart kommt, wird Helga Beimer ihre berühmten Spiegeleier braten und alles - na, zumindest fast alles - wird wieder gut. (Suzanne Cords)

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