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Kultur

Von Lust, Frust und Tabus

Egal, ob es um Sex, Religion oder Politik geht: In den Filmen des Medienprojekts Wuppertal sind Jugendliche schonungslos offen. Und haben damit Erfolg. Auf Festivals haben sie schon viele Preise gewonnen.

Jugendliche drehen einen Film zum Thema Gewalt (Foto: Medienprojekt Wuppertal)

Jugendliche drehen einen Film zum Thema Gewalt

Fröhlich sitzt Jens auf dem Bett und erzählt ganz ungeniert von seinem ersten Bordellbesuch. "Das ist schön gewesen, aber sehr teuer", sagt er in die Kamera und lacht. "55 Euro für eine halbe Stunde Sex." Viel besser aber sei es heute mit seiner Freundin Sara. Jens stellt den Zuschauern seine "große Liebe" vor. Genauso wie seine Wohnung und seinen Arbeitsplatz in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Ein unspektakulärer Film, aber kein gewöhnlicher, denn Jens ist Autist.

Der Autist Jens im Film 'Behinderte Liebe' (Foto: Medienprojekt Wuppertal)

Der Autist Jens in der Filmreihe "Behinderte Liebe"

Sein Videotagebuch gehört zur Filmreihe "Behinderte Liebe" des Medienprojekts Wuppertal. Darin erzählen Jugendliche zwischen 14 und 26 Jahren mit unterschiedlichen Behinderungen, wie sie Liebe und Sexualität erleben. Die Serie war im vergangenen Jahr so erfolgreich, dass 2009 weitere Dokumentationen gedreht wurden. Vom 21. bis 24. September werden die 18 Kurzfilme in einem Wuppertaler Kino uraufgeführt. Danach sind sie als DVD in deutschen Jugendzentren, Schulen oder Beratungsstellen zu sehen – genauso wie die rund 1500 Videos, die seit Gründung des Medienprojekts 1992 entstanden sind.

Jugendvideos mit professionellem Anspruch

"Als ich das erste Mal einen Film gedreht habe, war ich sehr aufgeregt, weil ich wusste, dass ihn auch meine Freunde sehen werden", erzählt Laura Sciabica. Doch das Musikvideo, das sie mit ihrer Band zeigt, gefiel allen. "Meine Freunde waren erstaunt, wie gut die Filme des Medienprojekts sind." Keine laienhaften Amateurvideos, sondern Videos mit einem professionellen Anspruch. "Genau das motiviert die Jugendlichen, hier viel Zeit zu investieren", sagt Medienpädagoge Norbert Weinrowsky.

Jugendliche in einem Kino bei einer Premiere des Medienprojekts Wuppertal (Foto: Medienprojekt Wuppertal)

Jugendliche bei einer Premiere im Wuppertaler Kino "Rex"

An ihrem fünfminütigen Videoclip "Selfmade" habe sie drei Wochen lang jeweils 24 Stunden pro Woche gearbeitet, erzählt Laura. Dafür sei es ihr bislang bester Film geworden, ist die 20-jährige Studentin überzeugt. Der Clip sei lustig und zugleich informativ. In schnell wechselnden Schnittfolgen erzählen Jungen und Mädchen mit Humor, warum sie sich selbst befriedigen – und dass Masturbation "ganz natürlich" und vergleichbar mit dem Essen bei einer Fast Food-Kette sei: "Keiner gibt’s zu, aber jeder macht’s."

Filmemachen will gelernt sein

Ob behinderte Liebe, Selbstbefriedigung oder Homosexualität – in ihren Filmen scheuen die Jugendlichen kein Tabu. Im Gegenteil. Sie wollen aufklären, nachfragen, ihre Sicht auf alles, was mit Sex zu tun hat, schildern. Schon seit Gründung des Medienprojekts 1992 gehört Sexualität zu den meist gewählten Themen der Jugendlichen. Doch auch die Diskussion um Drogen, Gewalt und Computerspiele oder – so das aktuelle Projekt - das Wahlverhalten junger Leute verarbeiten sie in kurzen Dokumentationen, kleinen Spielfilmen, Musikvideos und Clips. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wohl aber dem technischen Know How, das erst einmal gelernt werden will.

Norbert Weinrowsky trainiert Jugendliche an der Kamera (Foto: Medienprojekt Wuppertal)

Norbert Weinrowsky trainiert Jugendliche an der Kamera

Achsensprünge, die Kamera im Bild, kein Ton – solche Fehler gilt es Filmemachen zu vermeiden. Eine Produktion ist aufwändig, doch die Medienpädagogen beraten, helfen und motivieren. "Wir haben den Anspruch, dass möglichst jeder Film zur Aufführung kommt", sagt Norbert Weinrowsky. Gemeinsam mit Projektleiter Andreas von Hören und 17 freien Filmemachern unterstützt er die Jugendlichen. Pro Jahr drehen rund 1000 junge Leute beim Medienprojekt Wuppertal ungefähr 100 Videos. Damit zählt die Initiative zu den bundesweit größten Jugendvideoproduktionen.

Filmen gegen alle Klischees

Viele Filme wurden bereits ausgezeichnet, etwa die Dokureihe "Hallo Krieg", in der deutsche, irakische und US-amerikanische Jugendliche im Jahr 2003 ihre eigene Meinung zum Irak-Krieg äußerten. Auch die Serie "Jung und Moslem in Deutschland" sorgte für Aufsehen. Darin erzählen Jugendliche über ihren Alltag als Moslem, hinterfragen ihren Glauben, streiten über das Kopftuch und über Geschlechterrollen. "Ich habe bei dem Projekt mitgemacht, weil jung und Moslem zu sein nicht bedeutet, fundamentalistisch und intolerant zu sein", betont Taufik Jabob.

Jugendliche Migranten diskutieren in einer Schule über ihre Situation in Deutschland für den Film 'Jung und Moslem' (Foto: Medienprojekt Wuppertal)

Dreharbeiten zur Serie "Jung und Moslem in Deutschland"

In seinem Film "Konstruierte Wirklichkeiten" hat er sich mit den Medienbildern und ihrer Wirkung auseinander gesetzt. Der Buchhändler, dessen Eltern aus Eritrea stammen, führte Interviews mit Schülern und Medienexperten. Anhand von Fernsehszenen dokumentierte er, wie durch die Bilder kopftuchtragender Frauen, riesiger Moscheen und hasserfüllt blickender ausländischer Jugendlicher das Klischee vom fundamentalistischen Moslem bedient wird, der die Deutschen bedroht.

Die einseitige Darstellung der jugendlichen Lebenswelt in den Medien ist für die meisten Jugendlichen der Grund, sich selbst hinter die Kamera zu stellen und vor der Kamera ganz ehrlich zu sein. "Wir wollen aber nicht nur eine Botschaft los werden", betont Laura. Genauso wichtig sei es ihr, gute Filme zu machen. Denn, so betont sie, "wenn das Publikum nach deinem Film klatscht, bist du der glücklichste Mensch der Welt."


Autorin: Sabine Damaschke
Redaktion: Claudia Unseld

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