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Alltagsdeutsch – Podcast

Von linken Beinen und vollen Nasen

Körperorgane und Körperteile haben ihre Spuren in der Alltagssprache hinterlassen: Ob es etwa rauchende Köpfe, volle Nasen, überlaufende Gallen oder dicke Hälse sind. Sie alle drücken Gemütsbewegungen aus.

O-Ton:
"Wenn ich mit 'm linken Bein aufgestanden bin, fühl' ich mich wirklich so, als ob ich gerädert bin. Also richtig durchgeschlagen. Und dann wird man vor allem sehr dünnhäutig, irgendwann ist die eigene Ruhe flöten. Wenn man dann anfängt, hektisch und stressig zu werden, wenn die Nerven blank liegen, das liegt einmal an dem Stress, dem man von außen hat und dann macht man sich selber noch Stress und dann reagiert man viel schneller über, als wenn man Ruhe hat."

Sprecherin:

Hanno, Student der Chemie in Köln, beschreibt, wie er sich fühlt, wenn er schlecht geschlafen hat und außerdem ein Berg von Arbeit auf ihn wartet, den er kaum bewältigen kann. Er fühlt sich überfordert und sein Körper sagt es ihm auch, denn Hanno wird nervös und unruhig.

Sprecher:

Vielleicht, weil er mit dem linken Bein aufgestanden ist, was man hier nicht unbedingt wortwörtlich verstehen sollte. Das heißt, man ist total übel gelaunt. Man hat schlecht geschlafen. Vorsicht also! Im Volksglauben galt früher die linke Seite als die Seite des Bösen und Unheilvollen. Wer heute mit dem linken Bein aufsteht, der kommt völlig verkehrt aus dem Bett, will sagen, für ihn beginnt der Tag denkbar schlecht. Er ist gerädert. Der Begriff rädern stammt übrigens aus dem Mittelalter. Rädern war nämlich eine Hinrichtungsart, bei dem einem mit Hilfe eines Eisenrades sämtliche Knochen zerschlagen wurden. Nun können Sie sich ziemlich plastisch vorstellen, wie schlecht sich gerade unser Student fühlt. Die Ruhe ist flöten – also verloren gegangen – und die Nerven sind blank – also nackt –, als ob ein kleiner, gemeiner Chirurg Hannos Nerven freigelegt hätte. Nun kann jeder daran zerren.

Sprecherin:

Nerven sind jene Faserstränge im Körper, die Reize zwischen dem zentralen Nervensystem und den übrigen Organen vermitteln. Deshalb sagt man wohl auch zu Zeitgenossen, die extrem übellaunig daher kommen, "Mensch bist du aber gereizt!".

Sprecher:
Eines unserer herausragenden Körperteile ist die Nase. Wer die Nase hochträgt, ist hochnäsig – also arrogant – und schaut auf andere Menschen herab, weil er sich selbst für sehr viel klüger und schöner hält. Wer sich an die eigene Nase fasst, der sucht die Schuld nicht bei anderen, wenn etwas schief läuft, sondern zuerst bei sich selbst. Bei bestimmten allergischen Reaktionen können die Schleimhäute der Nase anschwellen. Dann bekommt man Schnupfen. Menschen, die extrem beleidigt sind, nennt man im Deutschen auch verschnupft und Zeitgenossen, die die Nase voll haben, reagieren allergisch auf ihre Mitmenschen. Hanno, unser Student, erklärt, was damit gemeint ist.

Hanno:

"Wenn ich absolut keinen Bock mehr drauf habe, irgendjemanden zu sehen, wenn jemand mich geärgert hat oder so und ich einfach den erstmal aus dem Weg haben will, dann hab' ich die Nase voll von ihm. Dann ich ihn einfach nicht mehr riechen. Wenn irgendjemand mir zu sehr auf 'n Pelz rückt, dann hab' ich sehr schnell die Nase voll von ihm – und wenn jemand versucht, sich so sehr an mich ranzudrängeln, dass ich selber keine Luft mehr zum Atmen habe."

Sprecher:

Die Nase voll haben und keinen Bock haben – beide Ausdrücke meinen das Gleiche: ich habe keine Lust, ich habe genug von einer Sache oder einer Person. Bock hat hier allerdings nichts mit einem männlichen Horntier zu tun. Keinen Bock haben kommt aus der Jugendsprache und bezieht sich auf das Bockspringen, das man im Turnunterricht vollbringen musste. Hanno hat meistens dann die Nase voll, wenn ihm jemand auf den Pelz rückt, ihm also körperlich zu nahe kommt und bedrängt.

Sprecherin:

Leute, die seine Privatsphäre missachten, nehmen ihm die Luft zum Atmen, will heißen, er fühlt sich unwohl mit ihnen, er kann sie einfach nicht riechen und das nicht etwa, weil seine Nase verstopft ist. Die Passanten wissen, worum es hier geht.

O-Töne:
"Das heißt also schon, ja, dass man einen nicht mag. Ja, is' vielleicht 'nen bisschen nett ausgedrückt, dass man einen nicht mag, ne. Das is' ja nicht so, der kotzt mich an oder den kann ich nicht ausstehen, sondern den kann ich nicht riechen, is' ja eigentlich noch so bisschen nett. / Ich denke mal, dass wir so aus der Urzeit vielleicht da noch was übrig haben, dass das auch schon mit 'm Geruch verbunden ist, dass man wirklich jemanden nicht riechen kann, sprich nicht leiden kann. Da stimmt einfach die Chemie nicht, dass man einfach nicht Gemeinsamkeiten hat."

Sprecher:

Wenn ein Mensch einen anderen nicht riechen kann, dann stimmt die Chemie zwischen beiden nicht. Sie passen nicht zusammen und können sich nicht verstehen. Ganz so wie bei zwei chemischen Elementen, die wegen ihrer Eigenschaften keine stabile Verbindung miteinander eingehen können.

Sprecherin:

Stimmt bei zwei Menschen die Chemie nicht, kann das durchaus zu heftigen Gefühlsausbrüchen führen. Im Deutschen gibt es ganze Arsenale von Ausdrücken, die dann unsere Mitmenschen warnen sollen. Womöglich vor richtig großen Wutanfällen. Wenn also jemand zu Ihnen sagt, mir läuft gleich die Galle über, sollten Sie sofort in Deckung gehen.

O-Ton:

"Dann ist das Fass echt übergelaufen und dann, dann platzt es auch aus mir heraus. Und wenn ich dann wirklich unheimlich wütend bin und sauer bin und ich versucht habe, das auf diplomatischem Wege eben zu lösen, und dass ich merke, komme ich irgendwie nicht zu Potte, dann läuft mir die Galle über, also dann platzt das auch aus mir raus und dann sage ich es so, wie ich es denke."

Sprecher:

Bei der Passantin läuft wahlweise die Galle oder ein Fass über. Auf jeden Fall hat sie genug. Ihre Geduld ist am Ende. Sie wird langsam wütend und dann platzt der Zorn aus ihr heraus wie bei einem zu weit aufgeblasenen Luftballon. Und es gibt einen lauten Knall in Form eines heftigen Streits, weil der diplomatische Weg der Problemlösung versagt hat. Diplomatie ist ja bekanntlich die Kunst von Staatsgesandten, möglichst geschickt für das eigene Land zu verhandeln, viel für sich herauszuholen und dabei keinen zu verärgern.

Sprecherin:

Galle, Leber und Niere galten früher als Sitz der Gemütsbewegung. In der Renaissance entwickelte man dazu bereits eine Art Psychologie, die eng mit den damals angenommenen Körpersäften zu tun hatte. Das warme, feuchte Blut, die gelbe Galle, die schwarze Galle und der feuchte Schleim – je nachdem welche Flüssigkeit einen Menschen dominierte, war man Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker und so weiter. Menschen mit viel Galle galten in diesem Weltbild als aufbrausend, zornig und bösartig. Der Gallensaft ist nämlich ziemlich bitter.

Sprecher:

Ein Mensch, dem die Galle überläuft, ist auf hundertachtzig – er hat also einen Puls von 180 Schlägen pro Minute. So mancher hat das vielleicht schon an sich selbst beobachtet. Wird man wütend oder aggressiv, geht der Puls schneller, weil irgendwelche Hormone ausgeschüttet werden.

Sprecherin:

So wie bei jener Passantin, die sich mit einem Freund gestritten hatte.

O-Ton:

"Der Puls geht dann wirklich auf 180, dass man also wirklich so aufgeregt ist. 'N Freund von mir, der hat irgendwann Probleme und der muss halt sich 'n Blitzableiter im Grunde genommen such'n, und ich war dann halt das betreffende Objekt, wo er dann seine Wut mal grad dann ausgelassen hat, halt um 'n Ventil zu finden. Und ich brauchte also erst mal einige Zigaretten, um wieder runterzukommen."

Sprecher:

Der Freund der Puls-von-180-Frau suchte sich nur einen Blitzableiter oder ein Ventil, damit er seinen Zorn herauslassen und abarbeiten konnte, um nicht an ihm zu ersticken. Die Passantin hatte sich dabei so erregt, dass sie Zigaretten brauchte, um wieder runter zu kommen, sprich um sich zu beruhigen.

Sprecherin:

Möglicherweise hatte sie bei diesem Streit nicht nur einen Puls von 180, sondern einen dicken Hals noch gleich dazu. Wenn ihnen jemand freundlicherweise angekündigt, "Ich kriege gleich so einen Hals" und dabei mit seinen Händen eine beträchtliche Dicke anzeigt, heißt es Abstand zu halten oder das Gegenüber sofort zu beruhigen.

O-Töne:

"Ja, das soll eben drastisch zeigen, boh ich bin stinkesauer, oder das ist etwas, das regt mich unheimlich auf. Ich bin schon 'n Mensch, der manchmal ausflippen kann. Ich bin einfach nicht solala, ne. / Ich mein', der Witz ist dann oft, für Personen mit hohem Blutdruck, wenn man so langsam sieht, wie der Hals und dann der Kopf langsam rot wird, ja und dann kriegt man halt 'n dicken Hals, ne, so'n Hals, und das ist halt dann schon die Stufe, wo es wütend und laut werden könnte. / Wenn man mich fälschlicherweise für irgendwas macht, oder so, dann muss ich mich schon arg beherrschen, dann steh' ich auch kurz davor, dass mir der Kragen platzt."

Sprecher:

Wer stinkesauer ist, der ist mehr als böse. Der ist schon auf 180, dem läuft gleich die Galle über. Den dicken Hals hat er ja schon. Danach flippt er dann völlig aus – wie die Kugel eines Flipperautomaten. Er verliert also jegliche Beherrschung und Kontrolle über sich selbst und macht und sagt dann Dinge, die er bereut. In so einer Situation platzt einem der Kragen. Der Ärger ist also dermaßen groß, dass das Blut bereits zu Kopf gestiegen ist, die Halsadern anschwellen und einem der Hemdkragen zu eng wird. Man hat also in Sachen Wut bereits den fünften Gang eingelegt, um hier mal die Sprache des Autofahrens zu benutzen. So wie die Frau, die uns den dicken Hals am Anfang schön definiert hat. Sie ist eben nicht solala, sondern temperamentvoll und engagiert und schon gar nicht der Typ, der jeglichen Ärger in sich rein frisst.

O-Töne:
"Wenn man 'was in sich rein frisst, dann is' das 'ne unangenehme Situation und man hat kein Ventil, um die rauszulassen. Das is' wie 'n Kloß im Magen, kannst de im Magen fühlen. Wenn de was richtig in dich rein frisst, dann macht's dich von innen kaputt. / Das ist einer, der eben halt seine verschiedenen Gemütsbewegungen nicht so zeigen kann und der auch eigentlich an der Oberfläche immer schön glatt bleibt, vielleicht nicht anecken möchte, und eben keinem auf die Füße treten möchte, und deswegen schluckt und schluckt und schluckt. Der eben eigentlich nicht sagt, ne, das war doch nicht so gut, oder das gefällt mir nicht."

Sprecher:

Das Ventil ist eine Vorrichtung zum Druckausgleich – bei einem Dampfkochtopf beispielsweise. Entsteht im Topf zu viel Druck, öffnet man das Ventil, lässt Dampf ab und schon ist alles in Ordnung. In der Alltagssprache wird der Begriff sich ein Ventil suchen oder ein Ventil haben auch bei seelischen Vorgängen verwendet. Dann versucht man, den eigenen inneren Druck abzubauen, Druck, der durch Wut, Ärger oder Trauer entstanden ist.

Sprecherin:

Typen, die alles in sich rein fressen, können so etwas nicht. Sie verbergen ihre Gefühle. Sie möchten nicht anecken, also keinen Anstoß erregen und niemandem auf die Füße treten, also keinen beleidigen. Konflikten gar gehen sie ganz aus dem Weg. Diese Lebensmethode hat durchaus körperliche Konsequenzen. Solchen Menschen liegt ein Problem nämlich immer wie ein Kloß im Magen.

O-Töne:

"Es liegt schwer im Magen ist etwas Unverdauliches. Das heißt, da ist 'ne Situation, über die ich nicht so leicht hinwegkomme. / Wenn ich so 'n Problem lange mit mir rumschleppe, ja, dann fühle ich so 'n leichten Druck vielleicht im Magen und dann sagt man ja auch oft, also ich schlepp das schon viel zu lange mit mir rum. Ich muss das jetzt endlich mal regeln, ne."

Sprecher:

Während sich Ärger, Zorn und andere hoch explosive Erregungszustände sprachlich vor allem im Bereich Galle, Hals und Leber abzuspielen scheinen, kommen unsere Nieren als Organe für Sensible daher. Vielleicht weil sie früher als Sitz der Lebenskraft galten.

O-Töne:

"Das ist etwas, was an meiner Substanz eben knabbert, oder so ne. / Wenn mir was an die Nieren geht, dann betrifft es mir irgendwo persönlich, ja, dann geht's mir unter die Haut, dann fühl' ich das körperlich, was eigentlich nur 'ne Vorstellung ist."

Sprecher:

Normalerweise knabbert der Mensch genüsslich an einem Keks. Dann beißt er kleine Stückchen ab und isst ihn langsam auf. Wenn etwas an dem Menschen selbst knabbert, an seiner Substanz gar, wird seine Lebensgrundlage bedroht.

Sprecherin:

So manche Gefühlsregion haben wir jetzt schon hinter uns gelassen: Galle, Leber, Niere, Nase, Wut, Zorn, Sympathie, Antipathie. Schreiten wir nun also zum Intellekt. Nähern wir uns dem Kopf und seinem Inhalt. Denn vielleicht möchte man ja gerne wissen, warum einem eine Sache so an die Nieren geht und darüber zerbricht man sich dann leicht den Kopf.

O-Ton:

"Ich versteh' darunter Nachdenken, sich wirklich Gedanken machen, bis der Kopf raucht, platzt oder eben zerbricht, dass man eben halt wirklich so angestrengt nachdenkt, dass man wirklich Kopfschmerzen davon bekommt."

Sprecher:

Intensives Nachdenken bis der Kopf raucht oder platzt: wer kennt das nicht aus der Schule während einer schweren Mathematik-Klausur zum Beispiel. Abwegig sind diese Formulierungen nicht. Wie heißt es so schön: Volkes Mund tut Wahrheit kund. Denn beim Denken wird der Kopf durchaus messbar heiß, weil das Gehirn mehr durchblutet werden muss.

Sprecherin:

Zum Schluss sei noch eine Körperregion erwähnt, die man aus Höflichkeit in öffentlichen Gesprächsrunden gerne vernachlässigt: die Gedärme. Die spürt man meist erst dann, wenn man häufig oder gar nicht zur Toilette gehen kann. Dann ist man ganz schön verstopft und fühlt sich übel, weil man nicht zu Potte kommt. Der Pott war früher das Nachtgeschirr, auf die man seine Notdurft verrichten konnte. Im Alltagsdeutsch gibt es aber eine Menge anderer Dinge, bei denen man nicht zu Potte kommt.

O-Ton:

"Nicht zu Potte kommen heißt einfach was verschleppen. Wenn du die ganze Zeit irgendwas vor dir her schiebst. Mache ich auch ganz gerne. Ich komme auch mit manchem nicht zu Potte. Vor allem, wenn irgendwas unangenehm ist und vor einem steht, und man versucht die ganze Zeit, drum herum zu arbeiten, dann kommt man auch nicht zu Potte."

Sprecherin:

Wir aber sind jetzt zu Potte gekommen. Ich hoffe, Sie haben jetzt keinen dicken Hals, ihr Puls ist im Normalbereich, bei Ihnen läuft gerade nicht die Galle über. Kleiner Tipp noch: Halsen Sie sich nicht zu viel auf.

Fragen zum Text

Hat jemand schlechte Laune, dann bekommt er zu hören …

1. " Dein Kopf platzt gleich!"

2. "Dir läuft die Galle über!"

3. "Du bist bestimmt mit dem linken Bein aufgestanden!"

Ein Schüler hat keine Lust, mit seinen Eltern wegzugehen. Er …

1. ist gerädert.

2. hat keinen Bock.

3. fasst sich an die eigene Nase.

Denkt jemand viel nach, dann …

1. hat er einen Kloß im Magen.

2. hat er eine verstopfte Nase.

3. platzt ihm der Kopf.

Arbeitsauftrag

Schreiben Sie einen Text von einer DIN A4-Seite über jemanden, der morgens übellaunig aufsteht. Verwenden Sie alle Redewendungen aus dieser Alltagsdeutsch-Folge sinnvoll. Ein Beispiel: "Anna hat die Nacht schlecht geschlafen. Der Wecker klingelt, sie muss zur Schule. Auf dem Weg läuft ihr ein Hund ins Fahrrad. Sie schreit ihn an. Der Hund war ihr Blitzableiter…."

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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