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Fokus Südosteuropa

Von Jakes nach Brüssel - und wieder zurück

Mehrere EU-Mitgliedstaaten beschweren sich über die vermehrten Asylanträge aus Westbalkan-Ländern. Die Chancen auf Anerkennung stehen schlecht, doch die Perpektivlosigkeit treibt die Menschen in die Flucht.

Frau mit Koffer (Foto: fotolia)

Asylantrag in Westeuropa - eine Reise ins Ungewisse

Seit Wochen interessieren sich die Medien für die kleine bosnisch-herzegowinische Gemeinde Vukosavlje, in der etwa 6000 Serben, Kroaten und Bosniaken zusammen leben. In dieser Gemeinde liegt auch das Dorf Jakes. Seine Medienprominenz verdankt das Dorf den etwa 20 Einwohnern, die vor kurzem nach Belgien ausgewandert sein sollen, um dort politisches Asyl zu beantragen.

Das ist kein Einzelfall. Die Anzahl der Asylanträge aus Ländern des westlichen Balkans hätten in letzter Zeit zugenommen, klagen einige EU-Mitgliedsstaaten. Vor allem in Belgien hätten Bürger aus Bosnien und Herzegowina in den vergangenen zwei Monaten besonders häufig Asyl gesucht, berichtet das zuständige Ausländeramt. Die Behörden gehen davon aus, dass es in vielen Fällen um Asylmissbrauch geht. Daher hat die EU den ehemaligen jugoslawischen Staaten bereits Mitte des Jahres mit der Einführung von Schutzklauseln in Bezug auf die Visafreiheit gedroht. Damit könnte diese vorübergehend ausgesetzt werden.

Der Misere entfliehen

Gemeindevorsteher Elvir Hadziomerovic (Foto: DW)

Elvir Hadziomerovic

Die Motive der angeblichen Asylbewerber aus dem Dorf Jakes seien nicht politisch, betont der Gemeindevorsteher von Vukosavlje, Elvir Hadziomerovic. "Wir sind eine sehr unterentwickelte Gemeinde. Die Leute sehen hier keine Perspektive und das ist der einzige Grund, warum sie das Dorf verlassen", sagt der Gemeindevorsteher.

Und tatsächlich, auf lokaler Ebene scheint es zwischen den Vertretern der verschiedenen Parteien harmonischer zuzugehen, als zwischen den Politikern an der Spitze des Staates. Die ersteren sitzen meistens gemeinsam im kleinen Dorfcafé "Palma". "Die Geschichte über die mangelnde Sicherheit hier ist überholt. Bis auf die wirtschaftlichen haben wir keine anderen Probleme", bestätigt Amir Zahirovic, Abgeordneter der Sozialdemokratischen Partei Bosnien und Herzegowinas (SDP) im Parlament der Teilrepublik Republika Srpska. Die Gemeinde finde im Unterschied zur benachbarten Stadt Brcko kaum Beachtung, sagt Zahirovic. "Dort wurden in den Bau der Kuppel des Kulturzentrums etwa vier Millionen Euro investiert. Hier haben wir nicht einmal für alle bisher realisierten Projekte so viel Geld bekommen."

Ortsschild der bosnisch-herzegowinischen Gemeinde Vukosavlje (Foto: DW)

In Vukosavlje leben Serben, Kroaten und Bosniaken zusammen

Auch im Ausland keine Perspektive Über die "Asylanten" im Dorf wollen nur die wenigsten sprechen. Jasmin Aličić ist einer davon. Er sitzt vor seinem Haus und schält Kartoffeln. Dass seine Nachbarn gegangen sind, könne er verstehen: "Wenn mir jemand versprechen könnte, dass ich es dort besser haben werde als hier, dann würde ich sofort gehen", sagt Aličić. Im Dorf habe man aber nur Lügen erzählt und einige hätten diesen Lügengeschichten geglaubt. "Sie werden am Ende nur Geld ausgeben und zurückkehren." Die Asylanträge würden sowieso nur diejenigen stellen, die Familienangehörige im Ausland haben und dort ein gutes Leben führen. "Warum soll die EU wegen solchen Leuten die Visafreiheit für Bosnien und Herzegowina abschaffen?", fragt sich Aličić.

Nermin Aličić (Foto: DW)

Nermin Aličić

Auch Nermin Aličić hat die Geschichten über das Asyl in Belgien gehört: Bosniaken und Roma würde man dort Zuflucht bieten. "Die Leute glauben das und gehen dahin." Einige würden ihre Kühe verkaufen oder sich Geld für die Reise leihen. Die Busse befahren die Strecke ständig. Was mit den Menschen in Belgien passiert, wisse man aber nicht so genau, sagt Aličić: "Diejenigen, die zurückgekehrt sind, wollen nicht über die Zeit dort reden. Einige sind wohl noch da, leben in Heimen oder Sammelzentren und wissen nicht, ob sie wieder nach Bosnien und Herzegowina abgeschoben werden."

Lange Planung - für eine Reise ins Ungewisse

Der Sohn von Zejna Zelinčević ist bereits in Belgien. Sie erzählt nur wenig, denn sie möchte ihrem Sohn nicht schaden: "Nichts war organisiert, er hat niemandem Geld für die Ausreise gegeben. Suad hat sich einfach eine Busfahrkarte gekauft und etwas Taschengeld mitgenommen." Die Ausreise nach Westeuropa habe er schon seit zwei Jahren geplant, weil es für ihn zu Hause keine Arbeit gab. Im Moment sei er in Brüssel. Dort habe er Unterkunft und Verpflegung, sagt Zejna Zelinčević. "Es geht ihm weder gut, noch schlecht. Zum Glück spricht er ein bisschen Deutsch und ich hoffe, dass er irgendwie zurecht kommt."

Obwohl sie die Reise nach Westeuropa lange planen, wissen Menschen wie Suad nicht, was sie am Ende erwartet. Um die falschen Vorstellungen von der Visafreiheit und dem Leben in der EU auszuräumen, haben die Gemeindevorsteher der Region vor kurzem entschieden, eine Informationskampagne durchzuführen. Autor: Misrad Čamdžić
Redakteur: Blagorodna Grigorova

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