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Europa

Von Hamburg nach Istanbul

Ein Jobangebot oder die Aussicht auf ein besseres Leben: Einige Kinder von türkischen Migranten zieht es von Deutschland in die Türkei. Eine Heimat, die sie oft kaum kennen - und die oft Überraschungen bereithält.

Blick auf Istanbul (Foto: DW/Kathrin Erdmann)

Istanbul lockt junge Menschen aus Deutschland mit türkischen Wurzeln

In der einen Hand den Bagel, in der anderen die Zeitung und dazu ein Latte Macchiato - die Anwohner im wohlhabenden Istanbuler Stadtviertel Sisli lassen den Tag entspannt angehen. Hier hat auch Saadet Simsits ihren Arbeitsplatz. Die 38-Jährige ist vor drei Jahren nach Istanbul gezogen und arbeitet bei einem Schönheitschirurgen.

Fremde Heimat

Saadet Simsit im Porträt (Foto: DW/Kathrin Erdmann)

Saadet Simsit musste sich an die Türkei gewöhnen

Sie ist seitdem die beste Werbung für die Praxis, denn für ihr neues Leben hat sie ihr Gesicht von Grund auf renovieren lassen. Sie habe müde und kaputt ausgesehen, "aber jetzt sieht man davon nichts mehr", sagt sie und zeigt ein faltenfreies Lächeln.

An ihr Leben in Hamburg denkt Simsit mit gemischten Gefühlen zurück, dabei war sie eigentlich auf dem Weg nach oben: Nach dem Hauptschulabschluss besuchte sie eine Modedesignschule und eröffnete eine Modelagentur. Einem Mann zuliebe gab sie das alles auf. Doch die Ehe scheitert. Saadet Simsit nahm einen Job an einer Tankstelle an. Als sie dort bei einem Überfall bedroht wird, schmeißt sie alles hin. Sie hatte den Eindruck, dass sie ihr Glück nicht in Deutschland finden könne.

Keine ganz einfache Umstellung

Schwarz-weißes Foto von türkischen Gastarbeitern (Foto: picture-alliance/dpa)

Die 2. und 3. Generation der Gastarbeiter zieht es in die Türkei

Schon lange spielte sie mit dem Gedanken, in die Türkei zu gehen. Im August 2007 schließlich zog sie in ein Land, das sie bisher nur aus den Ferien kannte. Aufgewachsen ist sie in Hamburg. Ihre Eltern kamen 1972 als einige der letzten so genannten Gastarbeiter in die Hansestadt. Bis zum Auslaufen des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei kamen insgesamt rund 750.000 Türken nach Deutschland. Saadets Eltern sprechen nur bruchstückhaft Deutsch, doch Hamburg ist ihre Heimat geworden. Saadet Simsit hingegen hatte Mühe, die türkische Sprache richtig zu lernen.

Ihre Erwartungen an die Türkei sind hoch: Sie verspricht sich in Istanbul ein leichteres Leben als in Hamburg. Doch dann merkt sie schnell: Ihr Einkommen ist deutlich geringer als in Deutschland, sie muss sparsamer leben und eine Wohnung im Zentrum kann sich Saadet Simsit nicht leisten. Auch ihre Kleidung muss sie den Gepflogenheiten in der neuen Heimat anpassen. Auch in Istanbul könne sie einen tiefen Ausschnitt und einen kurzen Rock tragen, sagt sie, aber dann werde man dauernd belästigt. Gerade in einem Bus, wo man dicht an dicht stehe, sei das sehr unangenehm. "In Hamburg hat mich niemand so bedrängt, aber hier muss ich manchmal wirklich laut werden", erzählt sie lachend.

Rückkehr liegt im Trend

Ayse Karton in ihrem Geschäft (Foto: DW/Kathrin Erdmann)

Ayse Karton hat ihren Traumjob in der Türkei gefunden

Auch Ayşe Karton hat eine Zeit gebraucht, sich in der Türkei anzupassen. Die 34-jährige in Deutschland geborene Türkin lebt seit Oktober 2009 in Istanbul. Sie hat sich wegen eines Jobs für den Umzug entschieden. Bereut hat sie ihre Entscheidung zwar bisher nicht, erstaunt hat sie dennoch vieles. "Viele Türken denken immer noch, in Deutschland würden alle sehr gut vom Staat leben und alle Deutsch-Türken seien reich", sagt sie. Nur mit einem satten Einkommen sei man für Männer in der Türkei offenbar noch interessant. So manchem musste sie inzwischen diese Illusion nehmen. Dafür zerplatzte aber auch ihre Hoffnung, in Istanbul endlich den Partner für das Leben zu finden. "Mit 34 ist man hier als Frau nicht mehr so gefragt", stellt sie ernüchtert fest.

Und noch etwas hat sie überrascht: Die Deutschen findet sie im Nachhinein viel freundlicher als die Türken. In Hamburg sei ein "Guten Tag" selbstverständlich, wenn man ein Geschäft betritt - in Istanbul nicht. Trotz aller Widerstände und den kleinen Enttäuschungen des Alltags, freut sich Ayşe Karton nach wie vor über ihr neues Leben als Filialleiterin in der türkischen Metropole. "Das ist mein Traumjob und den hätte ich mit meiner Qualifikation in Deutschland nie bekommen", ist sie sich sicher.

So wie Ayşe Karton denken inzwischen viele junge Türken der zweiten und dritten Generation. Nach Schätzungen sind seit 1980 eine halbe Million in ihre alte Heimat zurückgekehrt. In den vergangenen Jahren sind darunter auch immer mehr besser Qualifizierte. Inzwischen gibt es sogar spezielle Agenturen, die um diese Zielgruppe werben.

Autorin: Kathrin Erdmann

Redaktion: Julia Kuckelkorn

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