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Europa

Von Gastarbeitern zu deutschen Bürgern

Der Fußballspieler Mesut Özil, der Regisseur Fatih Akin oder der Schriftsteller Feridun Zaimoglu sind erfolgreiche Deutsche, deren Eltern als türkische Gastarbeiter ins Land kamen.

Der Schnurrbart war im Weg, fand Dursun Güzel auf der Fahrt von Istanbul nach München. Irgendwo zwischen den zwei Welten, in denen er ab jetzt leben sollte, ging er im Zug auf die Toilette und schnitt sich den Bart ab, den er noch nie rasiert hatte. "Das war wahrscheinlich mein erster Schritt zur Integration", lacht der 68-Jährige, während er diese Anekdote erzählt. Denn Deutschland war ein modernes Land, dort trug man keinen Schnurrbart, dachte er damals. Es war der 21. September 1968. Die zweitägige Reise hatte für Jeden woanders begonnen. Die Weggefährten von Dursun kamen aus allen Teilen der Türkei. Sie reisten in ein fremdes Land, das sie gerufen hatte. Deutschland brauchte Arbeiter, und sie brauchten Arbeit.

Anwerbeabkommen auf zwei Seiten

In den 50er und 60er Jahren boomte die Wirtschaft in der Bundesrepublik. Doch es fehlten Arbeitskräfte. Seit 1955 kamen Hilfsarbeiter aus Italien, später aus Griechenland und Spanien. Das sogenannte Anwerbeabkommen mit der Türkei schloss Deutschland am 30. Oktober 1961 ab. Das Dokument war nur zwei Seiten lang - kürzer als die Arbeitsverträge, mit denen Dursun Güzel und die schnurrbärtigen "Gastarbeiter" in München ankamen.

Porträt Dursun Güzel (Foto: DW)

Dursun Güzel

Dursun Güzel stammt aus Sivas, einer Provinz in Zentralanatolien. Er war dort bei der staatlichen Eisenbahn beschäftigt. Eine feste und sichere Anstellung, er verdiente mehr als in der freien Wirtschaft. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Seine Frau war zum dritten Mal schwanger, als der junge Dursun sich entschied, nach Deutschland zu gehen. Sein Bruder war 1964 dorthin gegangen. Er verdiente als Hilfsarbeiter mehr als sein angestellter Bruder bei der türkischen Staatsbahn. Und er schwärmte von den besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen, wenn er im Sommer mehrere Wochen Urlaub in der Heimat verbrachte. Als er für seinen Bruder Dursun eine Arbeit gefunden hatte, überlegte dieser nicht lange. Denn Dursun hatte Schulden bei einer Baugenossenschaft und konnte die Raten nicht immer rechtzeitig bezahlen. Sein Einkommen reichte nicht für ein eigenes Haus. Diesen Traum wollte er sich und seiner Familie durch seine Arbeit in Deutschland erfüllen.

Keine Straßen aus Gold

Mit einem ähnlichen Traum reisten die meisten Arbeiter nach Deutschland. Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 kamen laut Angaben der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen 867.000 Menschen aus der Türkei. Die Einreisemodalitäten wurden von den eigens dafür eingerichteten Vermittlungsstellen in der Türkei organisiert. Die deutschen Unternehmen zahlten für jeden Arbeiter eine Vermittlungsgebühr an die türkischen Behörden. Und jeder Bewerber wurde in Istanbul von Kopf bis Fuß gesundheitlich untersucht. "Die Ärzte schauten in unseren Mund und in unsere Unterhosen", erinnert sich Dursun Güzel.

Kerngesund arbeitete Dursun Güzel in den ersten Jahren seines Gastarbeiterdaseins in Baden-Württemberg im Straßenbau, dann wechselte er zu einem großen Autobauer. Er wohnte mit anderen Türken in Arbeiterheimen. In der Türkei hatte er gehört, die Straßen in Deutschland seien aus Gold. Die Realität holte ihn schnell ein. Die Arbeit hier war schwieriger als sein Job bei der türkischen Eisenbahn. Aber er wollte hier schnell das Geld für ein Haus in Sivas verdienen. Als er 1970 zum ersten Mal in den Urlaub fuhr, hatte er 8000 Mark gespart. Für ein Haus brauchte er dreimal so viel. Außerdem hatte er noch Schulden, die er zurückzahlen musste.

Familienzusammenführung

Wie die meisten der ersten Gastarbeiter merkte auch Dursun Güzel, dass er nicht nach einigen Jahren zurückkehren würde. Er zog nach Berlin und holte 1971 seine Frau zu sich. Die Kinder blieben zunächst bei Verwandten in Sivas zurück. Die Güzels versorgten die Verwandten mit viel Geld. Viele Jahre später, Ende der 70er, erzählten die Kinder in Deutschland, wie schwierig und traurig es für sie gewesen war, ohne Eltern aufzuwachsen. "Das tut mir immer noch sehr weh", sagt Vater Dursun.

Ende der 70er Jahre holten viele türkische Arbeitnehmer ihre Kinder nach. Ihre anfänglich zeitlich befristeten Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse wurden nach dem Ausländergesetz von 1965 verlängert. Auch nach dem Anwerbestopp von 1973 blieb eine Familienzusammenführung möglich. Die Türkei stand damals zum dritten Mal vor einem Militärputsch. Wer konnte, holte seine Kinder aus der politisch unsicheren Heimat nach Deutschland.

Doch die deutsche Politik war darauf nicht vorbereitet, sagt Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien. Es sind damals für die Kinder der Gastarbeiter sogenannte Vorbereitungsklassen eingerichtet worden. "Teilweise wie eine anatolische Dorfklasse, in der alle Altersstufen in einer Klasse von einem türkischen Lehrer auf Türkisch unterrichtet wurden", erzählt der Migrationsforscher Ulusoy, der selbst eine solche Klasse besucht hat. Diese Klassen dienten als "Auffangbecken", bis die Kinder und Jugendlichen wieder zurückgingen, sagt Ulusoy. Doch an eine Rückkehr dachten die Einwanderer, die bis Mitte der 80er Jahre „Gastarbeiter“ genannt wurden, nicht mehr.

Türkische Gastarbeiter warten auf dem Flughafen Düsseldorf (Juli 1970) (Foto: dpa)

Leben zwischen zwei Staaten: türkische Gastarbeiter auf dem Flughafen Düsseldorf (1970)


Anreize für die Rückkehr

Mit einer "Rückkehrprämie" versuchte die Kohl-Regierung, Ausländer in ihre Länder zurück zu schicken. Zwischen 1982 und 1985 verließen über 300.000 Türken Deutschland und gingen zurück. Sie verloren damit das Recht auf eine Wiedereinreise. "Ihre Schwierigkeiten, in der Türkei wieder Fuß zu fassen, wurden denen, die hier geblieben waren, Warnung und Lehre", meint Ulusoy. Zu dieser Zeit entfernten sich die ehemaligen Gastarbeiter von ihrem Anfangstraum, nur solange in Deutschland zu arbeiten, bis sie genug Geld für ein Haus gespart hatten. Sie verlagerten ihren Lebensmittelpunkt hierher, sagt Ulusoy.

Auch Dursun Güzel dachte in den 80er Jahren nicht mehr an eine Rückkehr. Nur einmal hat er mit seiner Familie darüber gesprochen, nach der Wiedervereinigung. Er war wegen einer Krankheit nicht mehr voll arbeitsfähig und schlug sich mit verschiedenen Maßnahmen des Arbeitsamtes durch. Die fremdenfeindlichen und rassistischen Anschläge in Rostock, Mölln, Solingen und anderen Orten riefen Ängste hervor. Aber schließlich entschied sich die Familie, in Berlin zu bleiben.

Mit dieser Entscheidung sind die Güzels keine Ausnahme. Die "Deutschland-Türken" waren bis Ende der 90er Jahre Devisenbeschaffer und Entwicklungshelfer für die Türkei. Jetzt da die türkische Wirtschaft enorm wächst und die Türken angefangen haben, in Deutschland zu investieren, hat die Einwanderung aus der Türkei quasi aufgehört. Es gibt zwar nach wie vor Ehepartner und vor allem Ehepartnerinnen, die aus der Türkei kommen. Aber, so weiß der Migrationsforscher Yunus Ulusoy, seit 2006 wandern mehr Türken von Deutschland in die Türkei aus als umgekehrt. In den letzten fünf Jahren sind 31.000 zumeist junge in Deutschland aufgewachsene und ausgebildete Türken in die Heimat ihrer Eltern ausgewandert, weil sie auf dem türkischen Arbeitsmarkt bessere Chancen haben als hier – und das, obwohl Deutschland händeringend nach Fachkräften sucht.

Vor dem Gastarbeiter-Sonderzug von Istanbul nach München 2011 (Foto:dpa)

Sonderzug von Istanbul nach München als Erinnerung an die Geschichte türkischer Gastarbeiter



Neue Heimat gefunden

Dursun Güzel entschied sich aus einem ganz bestimmten Grund, hier zu bleiben: Trotz aller Schwierigkeiten, sagt Güzel, fühle er sich hier frei. Berlin sei schon lange seine Heimat, sagt er ohne eine Sekunde zu zögern. Und Sivas sei heute in nur wenigen Stunden zu erreichen. Seine beiden Töchter und sein Sohn haben mittlerweile eigene Kinder. Und sie alle betrachten Berlin als ihre Heimat, erzählt Dursun Güzel und zeigt dann lachend auf seinen kräftigen weißen Schnurrbart. "Anfang der 90er Jahre habe ich mir diesen wieder wachsen lassen. Meine älteste Tochter meinte, als Opa müsste ich einen Schnurrbart haben."