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Europa

Von Freude keine Spur in Kroatien

Kurz vor dem EU-Beitritt macht sich in Kroatien Ernüchterung breit: Eine hohe Arbeitslosigkeit, unvorbereitete Landwirtschaft und marode Industrie lassen keine Feierstimmung aufkommen. Ein Land am Rande der Depression.

Musiker auf dem Markusplatz in Zagreb, Kroatien. Kroatische Mini-Flagge weht an seinem Gitarrenkoffer, daneben eine Karte mit den 12 Sternen der Europaflagge; Copyright: DW

Musiker Kroatien

"Mladi, napustite Hrvatsku" ("Jugendliche, verlasst Kroatien") steht mit Kreide auf einer kleinen Straße zwischen zwei Wohnhäusern unweit vom Stadtzentrum von Zagreb geschrieben. Es ist ein Appell an die Jugend, sich ihre Zukunft woanders zu suchen. Denn ihr Land hat ihnen nichts zu bieten. Seit fünf Jahren steckt Kroatien in einer tiefen Krise. Und dennoch stellte Brüssel in einem 15-seitigen Dokument die Beitrittsreife des Landes fest. So schleppt sich Kroatien in Richtung EU-Beitritt - mit gemischten Gefühlen.

Bleiben oder gehen - das ist hier die Frage

Marko Gregović (Foto: DW/Rayna Breuer)

Marko Gregović: "Die EU ist eine Chance für Kroatien"

Samstagmorgen, strahlender Sonnenschein. In einem Innenhof eines alten Gebäudes werden Tische ausgeklappt, alte Bücher und gebrauchte Kleidungstücke werden schön darauf drapiert. Die Kundschaft kann kommen: "Wir brauchen Geld für unsere Kampagnen. Deswegen organisieren wir solche Flohmärkte."

"Hier sind viele apathisch und apolitisch. Es fehlt an einer Demonstrationskultur. Die Menschen sind nicht gewohnt, für ihre Rechte zu kämpfen", beobachtet Gregović.

Obst- und Gemüsestände auf dem Wochenmarkt Dolac im Zentrum von Zagreb (Foto: DW/Rayna Breuer)

Der Wochenmarkt Dolac im Zentrum von Zagreb

Sie würden zwar wählen gehen, aber eine Wahl hätten sie nicht, sagt er: "Unsere Politiker sind im Grunde die, die auch vor 20 Jahren an der Macht waren. Jetzt ist wirklich ein Generationswechsel notwendig."

Mit seiner Partei will er die Menschen zum Mitmachen bewegen: Auf der Webseite der Partei können Benutzer ihre konkreten Vorschläge einbringen. Es wird online abgestimmt, welche Ideen als erstes angegangen werden - ob Großputz im Park, Lesungen in der Bahn oder andere Kleinprojekte. Die aktivsten Nutzer und besten Ideengeber landen dann als Kandidaten für die Partei auf der Liste.

So ein Modell von Bürgerpartizipation sei einmalig in der Region, sagt Gregović. Er hat in Norwegen, Schweden und England studiert - alle Türen standen ihm offen, doch er kam vor zwei Jahren zurück, zum Höhepunkt der Krise. "Es macht keinen Sinn, dein Land zu verlassen, das langsam, aber sicher den Bach runtergeht. Wir alle müssen zurückkehren und uns für unser Land anstrengen. Es ist schwer, aber das ist unsere Pflicht."

Marko und Marija stehen hinter ihrem Stand auf dem Flohmarkt (Foto: DW/Rayna Breuer)

Marko und Marija verkaufen auf dem Flohmarkt Bücher und Klamotten und sammeln Spenden für die Partei "Za Grad"

So überzeugend er klingt - in seiner neugegründeten Partei denken nicht alle so: Seine Mitstreiterin Marija sucht seit einem halben Jahr Arbeit - vergebens. Nun bereitet sie ihre Dokumente fürs Ausland vor: "Eigentlich haben sich viele von uns hier mit der Situation abgefunden. Aber ich persönlich sehe den EU-Beitritt als eine Chance, im Ausland einen Job zu finden", sagt Marija. Bleiben oder gehen - diese Frage muss wohl jeder für sich beantworten. Angesichts von fast 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit wird die Entscheidung nach dem EU-Beitritt für viele von ihnen höchstwahrscheinlich zugunsten des Westens ausfallen.

Keine Besserung in Sicht

Unweit vom Flohmarkt befindet sich der Dolac. So heißt der Wochenmarkt im Zentrum von Zagreb. Er ist auch an diesem Samstag gut besucht. Unter den roten Sonnenschirmen: Berge saftiger Mandarinen und reifer Äpfel. Kroatien hat Einiges zu bieten - heimisches Obst und Gemüse ist sehr gefragt. Produkte aus Milch in allen Variationen findet man am Rande des Marktes. Višnja ist ganz früh aus ihrem Dorf etwa 60 Kilometer von der Hauptstadt entfernt gekommen.

Käseverkäuferin Višnja auf dem Dolac Markt in Zagreb (Foto: DW/Rayna Breuer)

Käseverkäuferin Višnja: Keine Freude und schon gar keine Hoffnung

Zwei Mal in der Woche verkauft sie auf dem Dolac ihren "sir" - einen weichen Weißkäse und eine Köstlichkeit. 12 Kuna, fast 2 Euro, kostet ein Laib. Während des Gesprächs mit ihr sind viele Kunden vorbeigekommen, doch keiner wollte etwas kaufen: "Allein von dem Verkauf hier können mein Mann und ich nicht leben. Er bekommt zwar eine Rente, aber um über die Runden zu kommen, müssen wir noch Gänse verkaufen, außerdem verkaufen wir das, was wir in unserem Garten ernten, und dank unserer Kuh produzieren wir diesen Käse hier", sagt Višnja.

Der EU-Beitritt trifft die Landwirtschaft unvorbereitet. Ab dem 1. Juli werden die Handelsvorteile aus dem CEFTA-Freihandelsabkommen der Balkanstaaten wegfallen. Bislang hat Kroatien einen großen Teil seiner landwirtschaftlichen Produktion in die Nachbarländer exportiert. Nach dem Beitritt werden die Ausfuhren mit Zöllen belegt. Viele große kroatische Agrarfirmen haben ihre Produktion bereits nach Bosnien und Herzegowina verlagert - die Folge: Steuern und Arbeitsplätze in Kroatien fallen weg. Hinzu kommt, dass sich durch den Beitritt der kroatische Markt für Produkte aus dem EU-Ausland öffnet. Der stärkere Wettbewerb wird die heimische Produktion mächtig unter Druck setzen.

Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt Dolac in Zagreb (Foto: DW/Rayna Breuer)

Die kroatische Landwirtschaft steht vor dem Beitrittsschock

"Die Preise werden noch mehr fallen, dann werde auch ich nur noch weniger für meinen Käse verlangen können. Irgendwann wird sich das gar nicht mehr lohnen." Der EU-Beitritt hat für Višnja einen negativen Beigeschmack. Feiern wolle sie am 1. Juli nicht. Wozu auch? Besser werde es dadurch für sie und ihren Mann nicht.

Als Kroatien noch Schiffe baute

Und auch für andere könnte es mit dem EU-Beitritt Kroatiens schwieriger werden. Siniša Ostojić hat mit dem Floh- und dem Wochenmarkt nichts am Hut. Seine Leidenschaft gilt seit jeher den Schiffen. Zwölf Jahre hat er für eine der größten Werften im Land gearbeitet, dann acht weitere Jahre im Verkauf bei einem anderen Betrieb, und seit fünf Jahren beim Verband kroatischer Schiffswerften. "Wir waren in den 80er-Jahren gemessen am Produktionsumfang weltweit auf Platz 3 - nach Japan und Südkorea. Wir waren quasi Nummer Eins in Europa. Doch dann kam der Krieg, alles ist zum Erliegen gekommen. Heute sind wir auf dem 14. oder 15. Platz in der Welt", sagt Ostojić mit Wehmut. Um die Traditionsbranche am Leben zu halten, hat der Staat über Jahre mit Subventionen alle Defizite ausgeglichen - eine Maßnahme, die Brüssel möglichst schnell abschaffen möchte.

Sinisa Ostojic, Marketingchef der Croatian Shipbuilding Corporation (Foto: DW/Rayna Breuer)

Siniša Ostojić: "Der Schiffsbau ist für Kroatien eine Chance"

Im Zuge des EU-Assoziierungsprozesses mussten die Werften die staatliche Unterstützung zurückzahlen. Die einzige Möglichkeit, dies zu tun, war, einen Investor für die maroden Werften zu finden und in die Privatisierung zu gehen. Es kam zu Entlassungen tausender Arbeiter und der Schließung von Produktionsstätten. Für viele in der Branche war die EU deswegen das Böse schlechthin. Für Ostojić aber nicht ganz: "Auf der einen Seite sieht es so aus, als ob uns die EU etwas aufoktroyieren wollte, aber das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, wie unser Schiffsbau wieder funktions- und konkurrenzfähig gemacht werden kann. Eigentlich hätten wir es von selbst begreifen müssen, dass es so nicht weiter gehen konnte", sagt Ostojić.

Marko, Marija, Višnja und Siniša - jeder macht sich Gedanken über die Zukunft in der großen EU-Familie. Welche Hoffnungen in Erfüllung gegangen und welche Träume geplatzt sein werden - das wird ein zweiter Besuch in einem Jahr zeigen.

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