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Alltagsdeutsch – Podcast

Von Dozenten und Studenten

Das Verhältnis von Hochschullehrern und Studenten hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Überfüllte Hörsäle und ein straffer Lehrplan erschweren das Studium. "Zerstreute Professoren" findet man nur noch selten.

Werner Eck:

"Entscheidend in der Universität hat sich in den letzten Jahren verändert, oder sagen wir in den letzten zwei, drei Jahrzehnten, dass die Universität von einer elitären Anstalt zu einer Massenveranstaltung wurde. Wir haben an der Universität Studenten, die in Wirklichkeit entweder nicht studierfähig oder nicht studierwillig sind. Bei einem Teil der Studenten ist es also durchaus gang und gäbe sich einzuschreiben, ohne die Absicht zu haben, jemals ein Examen zu machen oder überhaupt einen Fuß in einen Hörsaal zu setzen."

Sprecher:

Werner Eck spricht von der Universität als einer elitären Anstalt. Damit möchte er sagen, dass es früher nur wenigen Studenten möglich war zu studieren. Ein Studium kam oft für Akademikerkinder eher in Frage als für Arbeiterkinder. Kinder aus einfacher sozialer Herkunft mussten nach Beendigung der Schule meist direkt Geld verdienen, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Ein mehrjähriges Studium war zu teuer. Auch die Anforderungen der schulischen Bildung an die werdenden Studenten sei vor 20 Jahren größer gewesen als heutzutage. Dies führe unter anderem dazu, dass die Universität jetzt eher einer Massenveranstaltung gleiche. In der Tat haben sich die Zahlen der eingeschriebenen Studenten an deutschen Universitäten drastisch erhöht: Werner Eck ist allerdings davon überzeugt, dass die Zahl der eingeschriebenen Studenten nicht der Zahl der Studierwilligen entspricht. Er erklärt, es sei gang und gäbe, dass viele Studenten gar nicht die Absicht haben, jemals einen Fuß in den Lehrsaal zu setzen. Das heißt, es sei üblich, dass diese Studenten keine Vorlesungen besuchen.

Sprecherin:

Viele Studenten kommen frisch von der Schule an die Universität und haben mit der radikalen Umstellung Anfangsschwierigkeiten. Sie scheitern schon daran, dass sie die Räume nicht finden und haben Schwierigkeiten, sich einzuschreiben und ihren Stundenplan zu organisieren. Oder es gefallen ihnen die Vorlesungen der Professoren nicht.

Bettina:

"Also zumeist ist es so, die meisten Professoren haben wenig Ahnung von gutem Lehrstil und wenig didaktische Erfahrung. Es gibt schon 'n paar Professoren, die es ganz anschaulich darstellen können. Die meisten verirren sich in böhmischen Dörfern und ich hab' Professoren erlebt, die eben sehr viel Unterrichtserfahrung haben und das sehr anschaulich darstellen können. Umgekehrt gibt es auch Professoren, die noch recht jung sind und so richtig nach Manier des Bücherwurms in ihren Büchern hängen und ihre Sätze auswendig gelernt haben. Da wird es auch sehr schwer, dem zu folgen."

Sprecher:

Bettina spricht davon, dass sich viele Professoren sehr kompliziert ausdrücken und es den Studenten nicht immer leicht machen, der Vorlesung zu folgen. Sie sagt, die Professoren verirren sich in böhmischen Dörfern. Bettina will damit sagen, dass die Hochschullehrer unverständlich reden. Die Wendung Das sind mir böhmische Dörfer bedeutet, es sind unbekannte, unverständliche Dinge, davon weiß ich nichts. Die Entstehung der Redensart ist daraus zu erklären, dass viele böhmische Ortsnamen den Deutschen, die die tschechische Sprache nicht verstanden, fremd klangen und bei der Aussprache Schwierigkeiten bereiteten. Die Wendung tritt zwar vereinzelt schon 1595 auf, verbreitet hat sich diese Redensart aber erst seit dem 30-jährigen Krieg. Damals wurden so viele Ortschaften verwüstet, dass unzerstörte Dörfer immer seltener wurden. In Grimmelshausens Simplicissimus heißt es 1668: "Es waren mir nur Böhmische Dörfer, und alles ein ganz unverständliche Sprache."

Sprecherin:

Weiterhin erklärt die Studentin, dass einige junge Professoren nach Manier des Bücherwurms förmlich in ihren Büchern hängen. Der Bücherwurm lebt und ernährt sich von den Büchern, sein Leben sind also Bücher. Bettina übernimmt diese Idee bildlich und bezieht sie auf den Professor, der auch von seinen Büchern nicht los kommt und Sätze daraus auswendig zitiert, was für viele seiner Zuhörer bald langweilig wird. Das sieht auch Professor Eck als eines der Probleme noch unerfahrener Dozenten.

Werner Eck:

"Das hängt natürlich auch zum Teil vom Alter der Professoren ab. Ein junger Professor, der vielleicht noch wenig Erfahrung hat, wird mehr etwa schriftlich formulieren und damit notwendigerweise auch eher eine Art Schreibe dann unter Umständen in der Vorlesung vortragen. Das heißt, er hält sich sozusagen an seinem Manuskript geradezu fest. Es ist wie ein Anker in einer etwas stürmischen Umgebung. Und umgekehrt wird ein älterer Professor vermutlich eher frei sprechen, weil ihm die gesamte Materie so vertraut ist und ihm so leicht von der Hand geht, dass er eben das Manuskript nicht braucht."

Sprecher:

Viele junge Dozenten halten sich an ihrem Manuskript geradezu fest. Damit meint er, dass sie noch nicht frei sprechen können und sich zu sehr an ihr Manuskript und den geschriebenen Text halten, weil sie unsicher sind. Das Manuskript sei wie ein Anker für die jungen Dozenten. Das Wort Anker geht auf lateinisch ancora, Haken, zurück und ist bei uns schon in althochdeutscher Zeit belegt. In der poetischen Sprache spielt der Anker der Hoffnung, der Hoffnungsanker, eine große Rolle. Überhaupt gilt der Anker als ein Symbol der Hoffnung. Ursprünglich geht der Gedanke auf die Seefahrt zurück: Wurde ein Segelschiff im Sturm auf eine Felsenküste zugetrieben, war der Anker oft die letzte Hoffnung, ein Auflaufen zu verhindern. Einem älteren Professor geht es oft leichter von der Hand, weiß Werner Eck und will damit sagen, dass es den erfahrenen Dozenten leichter fällt, frei zu reden. Bettina hat eine genaue Vorstellung davon, wie ein Professor sein sollte:

Bettina:

"Also, ich finde, ein Professor sollte neben seiner Qualifikation und neben dem Wissen, das er hat, einen guten Blick für die Studenten entwickeln und nicht ohne Rücksicht auf Verluste einfach drauf loslegen, ganz egal ob die Studenten jetzt mitkommen oder nicht, sondern soviel Rücksicht nehmen können, dass er eben das Didaktische auch noch erfüllt, das heißt, dass er verständlich spricht und nicht redet wie ein Buch, sondern eben verständlich und ein Zutrauen schafft."

Sprecherin:

Ein Professor soll nicht ohne Rücksicht auf Verluste einfach drauf loslegen. Die 32-Jährige will zum Ausdruck bringen, dass die Professoren auch auf die Studenten eingehen sollen. Ohne Rücksicht auf Verluste bedeutet eigentlich alles riskieren, rücksichtslos vorgehen, um ein Ziel zu erreichen. Diese Wendung stammt ursprünglich aus der Soldatensprache und bezieht sich auf den Angriffsbefehl um jeden Preis, auf einen riskanten militärischen Einsatz, in dem beim Gegner wie auch in den eigenen Reihen große Opfer in Kauf genommen werden.

Sprecher:

Andere Hochschullehrer reden wie ein Buch, sagt die Studentin. Jemand redet wie ein Buch heißt, er spricht selbstgefällig und ohne andere zu Wort kommen zu lassen; er redet so fließend, als läse er aus einem Buch vor. In der bairischen Redewendung Der red wia ar Buach kommt das Misstrauen der Bauern gegenüber dem Gedruckten und zu großer Gelehrsamkeit zum Ausdruck, da sie nicht viel mit Büchern zu tun haben.

Werner Eck:

"Am besten ist natürlich, wenn das Thema attraktiv ist und der Hochschullehrer, dann haben sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie können drin sitzen und sagen: 'Ah, was für ein angenehmer Mensch und der sagt mir gleichzeitig noch was Tolles'."

Sprecherin:

Zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen bedeutet, einen doppelten Zweck durch ein Mittel, nur eine Handlung, zu erreichen. Diese Redewendung ist sehr verbreitet und in vielen Mundarten bekannt, wie etwa im Niederländischen: twee vliegen in een klap slaan. In der deutschen Sprache gab es ursprünglich noch andere ähnliche Wendungen zur Bezeichnung einer geschickten Handlung, die doppelten Gewinn erzielt, wie zum Beispiel: zween brey in einen pannen kochen. Aus all diesen Redensarten ist im heutigen Sprachgebrauch nur unsere als jüngste übriggeblieben. Bettina jedenfalls hat sich bei der Zusammenstellung ihres Stundenplans an der Universität immer viel Zeit genommen, um interessante Themen und gute Professoren zusammenlegen zu können. Im Verhältnis zu früher, sagt sie, haben sich die Zeiten aber doch gebessert.

Bettina:

"Also, man muss schon sagen, dass die Professoren, besonders die jüngeren, sich bemühen und irgendwie sehen, dass sie am Ball bleiben. Diesen zerstreuten Professor mit den wehenden weißen Haaren gibt es kaum noch oder selten. Ich hab' selber, glaube ich, nur einen erlebt. Da hat sich schon einiges geändert. Ich hatte bis jetzt immer das Glück Professoren mir selber auszusuchen, die sich genug Zeit genommen haben und die wirklich mit gutem Beispiel vorangegangen sind und es ernst genommen haben, für die Belange der Studenten da zu sein."

Sprecher:

Die Studentin hat genug Erfahrungen gesammelt und weiß, dass einige jüngere Professoren am Ball bleiben, also den Kontakt zu den Studenten nicht abreißen lassen wollen. Am Ball bleiben bedeutet, eine Sache nicht aus den Augen verlieren, sie konsequent weiterverfolgen. Diese Redensart stammt aus dem Fußballsport, wo die Spieler natürlich immer versuchen am Ball zu bleiben, den Kontakt zum Ball nicht zu verlieren, um viele Tore schießen zu können. Der zerstreute Professor, der laut Bettina immer seltener wird, war ursprünglich jemand, der seinen Gedanken und Träumen nachhängt, nicht auf seine Umgebung achtet und von lächerlicher Vergesslichkeit ist. Die Wendung enthält etwas gutgemeinten Spott. Schon Wilhelm Busch verwendet das Motiv in einer Bildergeschichte vom reisenden Engländer. Das Wort zerstreut hatte früher die negative Bedeutung von albern, verwirrt und sogar geistesgestört. Erst seit dem 18. Jahrhundert besitzt das Wort durch den Einfluss des französischen distrait die moderne Bedeutung von abgelenkt, unaufmerksam, träumerisch und wird auch literarisch verwendet, zum Beispiel von Goethe, Schiller oder Herder.

Sprecherin:

Bettina kennt inzwischen einige Professoren, die mit gutem Beispiel vorangehen. Ein gutes Beispiel geben heißt, ein gutes Vorbild sein, richtungweisend sein. Der Begriff Beispiel an sich hatte früher einmal keinen wertenden Charakter. Dieser wurde erst aus dem Gesamtzusammenhang ersichtlich – wie zum Beispiel aus folgenden Bibelstellen hervorgeht: "Du machst uns zum Beispiel unter den Heiden. – Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut wie ich euch getan habe." Dass aber nicht alle Kollegen mit gutem Beispiel vorangehen, weiß auch Professor Eck.

Werner Eck:

"Natürlich, schwarze Schafe gibt es in unserem Beruf genauso wie in anderen. Da sind Professoren nicht besser und schlechter als andere. Das heißt, vielleicht doch ein bisschen besser. Denn nach meinem Urteil gibt es maximal fünf bis zehn Prozent von Hochschullehrern, die ihren Beruf nicht mehr als ernst nehmen. Keiner meiner Kollegen hat eine 40-Stunden-Woche. 60 Stunden, 65, 70 Stunden – das ist die Normalität. Dafür kann ich nun ohne irgendwelches Zögern auch die Hand ins Feuer dafür legen."

Sprecher:

Mit schwarzen Schafen meint Werner Eck seine nicht vorbildhaften Kollegen. Die Redensart Immer das schwarze Schaf sein bedeutet für den Schuldigen, den Übeltäter gelten, derjenige sein, der seiner Familie Ungelegenheiten bereitet, der oftmals sogar von ihr verstoßen wird. Für die meisten seiner Kollegen aber könne er die Hand ins Feuer legen, erzählt Professor Eck. Die Hand für jemanden ins Feuer legen heißt für ihn: bürgen, gut stehen. Das Bild der Redensart stammt von den mittelalterlichen Gottesurteilen ab, bei denen der Beschuldigte die Hand ins Feuer zu legen hatte. Blieb sie unverletzt oder heilte sie schnell, dann galt seine Unschuld als erwiesen. Professor Eck gehörte zu den Kindern, für die es nicht selbstverständlich war, einmal zu studieren, aber er ist auch davon überzeugt, dass, wenn man wirklich etwas möchte, der soziale Status kein Hindernis ist, sein Ziel zu erreichen.



Fragen zum Text

Keine Massenveranstaltungen sind: …

1. Messen unter freiem Himmel.

2. Rockkonzerte.

3. Geburtstagspartys.

Ist ein Vortragender unsicher, dann …

1. hält er sich an einem Rettungsanker fest.

2. löst er sich nicht von seinem Text.

3. redet er wie ein Buch.

Ein zerstreuter Professor ist die Bezeichnung für …

1. jemanden, der gerne Dinge auf dem Boden verteilt.

2. einen Professor an einer Universität.

3. jemanden, der unkonzentriert und vergesslich ist.

Arbeitsauftrag

In Deutschland gibt es derzeit mehr als 400 staatlich anerkannte Hochschulen, ein Viertel davon sind Universitäten. Stellen Sie sich vor, sie wollen sich an einer von ihnen bewerben. Schreiben Sie eine Geschichte, in der Sie aufführen, was Sie alles machen müssen, um zum Studium nach Deutschland zu kommen. Ein Tipp: Informationen finden Sie auch bei dw-world.de/german.

Autorin: Heike Köppen

Redaktion: Beatrice Warken

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