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Sprachbar

Von der Liebe zu den bedrohten Wörtern

Manche Wörter sind Eintagsfliegen. Sie sind ein paar Jahre in aller Munde und verschwinden wieder. Es gibt auch Wörter, die über Jahrhunderte zur gesprochenen Sprache gehört haben und dann doch außer Gebrauch kommen.

Wenn Naturschützer Listen mit bedrohten Pflanzen und Tieren aufstellen, befürchten sie, sie könnten aussterben. Auch deutsche Wörter können „aussterben“. Doch Wörter sterben nicht wirklich. Ihr Gebrauch schwächt sich ab. Dann kommen sie im Alltag, in der gesprochenen Sprache nicht mehr vor und sind nur noch in historischen Texten oder Nachschlagewerken zu finden. Andere Wörter sind von vornherein Eintagsfliegen. Sie kommen auf, sind ein paar Jahre in aller Munde und verschwinden wieder. Später hat man Mühe zu erklären, was damit einmal gemeint war.

Von Backfischen und Rössern

„Backfische“ und „Halbstarke“ etwa. So hat man vor fünfzig Jahren weibliche und männliche Jugendliche genannt. Es gibt aber auch Wörter, die lange Zeit fester Bestandteil der gesprochenen Sprache gewesen sind und dann doch außer Gebrauch kommen.

Schon sehr früh haben Sprecher der deutschen Sprache lieber „Pferd“ als „Ross“ gesagt. Im Englischen ist das Pferd bis heute geblieben, was es ist: „horse“. Man versteht diese Wörter vielleicht nicht mehr, vor allem gelten sie aber als selten. Das allein kann ihnen dann schon einen gehobenen Ton verleihen, den man ja im Alltag nur ausnahmsweise anschlagen kann („edle Rösser“).

Schützenswerte Wörter

Das Wort „küren“ heißt ursprünglich nichts weiter als „auswählen“. Vor kurzem hat es beispielsweise einen Wettbewerb gegeben, bei dem das „schönste bedrohte Wort gekürt“ werden sollte. Die Wortwahl „gekürt“ signalisiert, dass hier eine besondere Auswahl präsentiert werden sollte. Bei dem Wettbewerb hat es „Kleinod“ auf den ersten Platz geschafft. Das Wort bedeutet soviel wie „Schmuckstück“.

Auf den Plätzen zwei und drei landeten die Begriffe „blümerant“ und „Dreikäsehoch“. Während Kleinod ein Wort mit langer Karriere ist, das erst in den vergangenen Jahrzehnten außer Mode gekommen sein dürfte, verhält es sich bei „blümerant“ und „Dreikäsehoch“ vollkommen anders. Kleinod mag etwas Poetisches haben. Vor allem ist es aber ein vollkommen ernsthaftes Wort. Blümerant und Dreikäsehoch sind dagegen alte Scherzwörter, die aus der Mode gekommen sind.

Dem Dreikäsehoch ist blümerant zumute...?

Was sie bedeuten? Als "Dreikäsehoch" wird ein Kind bezeichnet, das sich ein wenig zu sehr aufspielt und dem es dann klarzumachen gilt, dass es doch noch ein wenig zu klein dafür ist. Der Begriff spielt auf die Höhe dreier aufeinandergestapelter Käselaibe an, die die "Gernegroßen" in der Regel nicht überschreiten. Und wem blümerant wird, dem ist ganz schwindlig und matt zumute. Der Ausdruck stammt aus dem 17. Jahrhundert von “bleu mourant”. Blau war dazumal eine Modefarbe, der man an allen Ecken und Enden begegnete, und dieser Farbe dann irgendwann vollständig überdrüssig war, so dass einem recht elend wurde, wenn man die Farbe nur schon sah.

Anders verhält es sich mit „Labsal“ – einer Wohltat. Ursprünglich ein normales Wort der deutschen Sprache, das dann einen besonderen Klang angenommen hat: es klingt gehoben, oder man verwendet es ironisch. Denn es kommt von dem Verb „sich laben“ – etwas genießen.

Fühlen Sie sich gebauchpinselt?

Der Wettbewerb hat noch weitere „bedrohte“ Wörter ermittelt. „Bauchpinseln“ etwa – auch ein Scherzwort, das nur in bestimmten Wendungen vorkommt („Die fühlen sich natürlich gebauchpinselt“). Die Idee, man könne jemandem schmeicheln, indem man ihm mit einem Pinsel den Bauch streichelt, ist selbst ein Spaß. Sie verweist auf ein Bild, wie man es früher vom Orient gezeichnet hat: Herrscher in unbeschreiblichem Luxus, umgeben von willigen Dienern, die ihnen jeden Gefallen tun – und sei es eben, den nackten Bauch zu pinseln.

Und ein Jux funktioniert immer nur solange wie die Zuhörer auch den Bezug, den Rahmen für die humorvolle Anspielung kennen. Sonst verpufft auch der schönste Witz ganz witzlos. Statt des Orients, wie ihn die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ beschreiben, vermitteln uns Medien heute ein vielfältiges, nicht selten kritisches Bild vom „Nahen Osten“. Da bleibt kein Platz für die Vorstellung vom „bauchpinseln“.

Auch alltägliche Wörter sterben aus

Anders ist es mit Wörtern wie „Augenstern“ (jemand, den wir besonders lieben), „fernmündlich“ (telefonisch), „Lichtspielhaus“ (Kino), „hold“ (lieblich, schön), „verweilen“ (sich aufhalten) oder „Schlüpfer“ (Unterhose). Alles ganz normale deutsche Wörter, die aber eine Eigenschaft miteinander teilen: sie werden im Alltag seit langem nur noch selten oder gar nicht mehr verwendet. Wörter, die einmal außer Gebrauch gekommen sind, werden erklärungsbedürftig. Und halten so das Gespräch auf. Bei nächster Gelegenheit wird man sie vielleicht gerade deshalb vermeiden. So werden sie noch seltener und schließlich „bedroht“. Am Ende sind sie dann „ausgestorben“. Wörter sollen schließlich auf Anhieb verstanden werden.

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